Lucy McKenzie: Subversive Pointen im Museum Brandhorst

Das Museum Brandhorst präsentiert das Werk der ausgesprochen vielseitigen schottischen Künstlerin Lucy McKenzie in einer ersten großen Retrospektive.
| Roberta De Righi
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Psychedelische Farbspiele im Stil der späten Sechzigerjahre verwandeln den Blutschwall in Lucy McKenzies "Mooncup" von 2012 in knallig-fröhliche Pop Art. Foto: Kristien Daem. Courtesy the artist and Cabinet, London
Psychedelische Farbspiele im Stil der späten Sechzigerjahre verwandeln den Blutschwall in Lucy McKenzies "Mooncup" von 2012 in knallig-fröhliche Pop Art. Foto: Kristien Daem. Courtesy the artist and Cabinet, London

Das Werk von Lucy McKenzie hat viele Ebenen und Qualitäten, aber sollte die Geschichtsschreibung diese einst verkennen, so wird sie als jene Künstlerin im Gedächtnis bleiben, die die Menstruationstasse ins Museum gebracht hat. Ihr "Mooncup" (2012) ist ein großformatiges, quasi senkrechtes Triptychon und entfaltet derzeit an der Stirnwand im Treppenhaus des Brandhorst-Museums eindrucksvoll Wirkung. Dabei ist es nicht - unautorisierte - Werbung für die gleichnamige britische Marke, sondern Meilenstein der Kunstgeschichte: Courbet malte 1866 das Skandal-Gemälde "L'Origine du Monde", McKenzie rund 150 Jahre später die Monatshygiene dazu.

Das mag manchem seltsam erscheinen, aber die Absicht ist unmissverständlich: Feminismus wird auch von Männern verbal gerne beschworen, setzt sich real aber schleppend durch. Darum gilt es auch in der Kunst, den männlichen Blick auf den weiblichen Körper als Objekt zu brechen - zur Not auch sehr demonstrativ.

Museum Brandhorst zeigt ersten große  Retrospektive von Lucy McKenzie

Das Museum Brandhorst präsentiert jetzt das Werk der schottischen Künstlerin (geboren 1977 in Glasgow) in einer ersten großen Retrospektive überhaupt. Die Schau mit dem Titel "Prime Suspect" (Hauptverdächtige(r)) gibt mit 80 Arbeiten einen Überblick über rund 20 Schaffensjahre. Ob als Malerei, Zeichnung, Foto-Inszenierung, Film, Raum-Installation oder Bild-Recherche zu bestimmten Themenkomplexen - ihre Kunst ist in der Fülle so vielfältig wie im Detail perfektionistisch. Sie sei dabei "nie nostalgisch, sondern der direkte Blick in die Vergangenheit dient stets dazu, die Gegenwart zu reflektieren", so Brandhorst-Direktor Achim Hochdörfer.

Der gigantische Blutschwall des "Mooncup" erinnert von ferne an psychedelische Optiken Ende der 1960er Jahre. Und ob die Ästhetik des Faschismus oder des Sozialen Realismus - die Künstlerin eignete sich auf ihrem Weg bis heute verschiedene Stile an.

Skeptizismus oder Eklektizismus? Die Wandmalerei "If It Moves, Kiss It" nach einem Wandbild für Kubricks Film "Clockwerk Orange" ist mit ihren Graffiti-Kommentaren subversiv-pointiert. McKenzie ist eine fast zu gute Zeichnerin und wendet dies auch in den Großformaten (etwa in der Holland-Karte) gekonnt an. Zugleich bespielt sie auch die Bereiche Design und Mode, zusammen mit Beca Lipscombe hat sie das Label "Atelier E.B" gegründet.

Kunst der Augentäuschung spielt große Rolle

Die angewandte Kunst verstand sich mit der Arts-and-Crafts-Bewegung in Großbritannien früher denn hierzulande als gesellschaftsprägend. Darum ist etwa auch Charles R. Mackintosh für McKenzie Inspirationsquelle - die sie zugleich hinterfragt. An der von ihm gebauten berühmten Glasgow School of Art studiert sie übrigens nicht, sondern in Dundee und Brüssel. Dass sie heute in der Jugendstil-Metropole lebt und arbeitet, bereichert ihr Repertoire um die belgische Variante der Art Nouveau.

Eine besondere Rolle spielt allerdings die Kunst der Augentäuschung. Weder waren die Trikots, die sie und ihre Freundinnen für die frühe Arbeit "Top oft he Will" (1998/99) trugen, wirklich realsozialistisch, noch sind die Wolken im Kaminzimmer und Bücher und Kaffeetasse auf dem Tisch echt. Die Schau trägt eine Vielzahl so genannter Quodlibet-Stillleben zusammen; komplexe Gemälde, die als Trompe l'oeuil plastische Gegenstände imitieren.

Subtiler Angriff auf Kanon der suspekten alten Herren 

Zugleich re-inszeniert Lucy McKenzie den Wettstreit der Künste, wenn sie Objekte und deren Abbilder aufeinander treffen lässt. Dabei erweitert sie das Prinzip des Quodlibet um die installative Dimension im Raum - in dem die Kulisse nicht als Hintergrund dient, sondern Subjekt wird.

Und hier geht das inhaltlich und ästhetisch gleichwertig anspruchsvolle Konzept auf. Auch im "Quodlibet XL" (2014) verstärkt die formale Meisterschaft die inhaltliche Aussage: Es verweist u.a. auf Adolf Loos und Otto Muehl, berühmte Künstler, die mit Pädophilie in Verbindung stehen. Ein subtiler Angriff auf den Kanon der suspekten alten Herren - geschlagen mit ihren eigenen Waffen.

"Prime Suspect": bis 21. Februar 2021 im Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18, donnerstags bis 20 Uhr.

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