Leda, Orpheus, Medusa: Ovids "Metamorphosen" in der Kunst
Interessanter kann man sich kaum in der Horizontalen inszenieren. Nackt freilich, aber die träumende Schönheit dreht einem ihr Hinterteil so lässig verspielt entgegen, dass man sie sofort umrunden will. Erst dann offenbaren sich die männlichen Merkmale der Marmorskulptur, die derzeit im Amsterdamer Rijksmuseum so gefragt ist wie Rembrandts berühmte Nachtwache.
1618 wurde der „Schlafende Hermaphrodit“ in Rom ausgegraben, der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini hat der makellos geformten Figur eine ansehnliche Matratze samt Kissen spendiert, und so ist diese antik-barocke Gemeinschaftsarbeit zu einem der schillerndsten Werke des 17. Jahrhunderts geworden. Dass der Louvre sein viel besuchtes Prachtstück ausgeliehen hat, ist ein mittleres Wunder. Es passt perfekt in unsere Zeit und erst recht in eine mit 80 Meisterwerken umwerfend gut bestückte, facettenreiche Ausstellung über Ovids „Metamorphosen“.
Jupiters Seitensprünge haben Frivolitäten erlaubt
Dabei ist allein das Personal in so ziemlich jedem Museum vertreten. Nach der Bibel gibt es in der westlichen Kultur keine Textsammlung, aus der sich die Kunst so sehr bedient hat. Und nicht nur, weil man sich durch Jupiters ewige Jagd nach jungen Gespielinnen allerlei Frivolitäten erlauben konnte. Die Natur selbst ist ein ständiges Werden und Vergehen, das von Beginn an ins antike Storytelling eingeflossen war.
Aus den unterschiedlichsten Quellen - von den Epen Homers bis zu Hirtendichtungen - hat Ovid im ersten Jahrzehnt nach Christus rund 250 griechische und römische Verwandlungssagen in ein 15-bändiges Opus Magnum gepackt. Nicht, um zu moralisieren, obwohl sich Sex und noch mehr Crime durch fast alle Geschichten ziehen.
Der Hermaphrodit ist das Ergebnis eines „gewaltigen“ Begehrens
Selbst das friedlich ruhende Zwitterwesen ist das Ergebnis einer unfreiwilligen Vereinigung: Die Nymphe Salmacis hat den gar nicht geneigten Sohn von Hermes und Aphrodite (die Kombination ergibt seinen Namen) mit Gewalt an sich gezerrt. Me-too andersrum. In der Antike ist das nicht der einzige Fall, obgleich sich überwiegend die Frauen vor lüsternen Göttern und Satyrn in Acht nehmen müssen. Wenn’s ganz dumm geht, weiß die Begehrte noch nicht einmal, wie ihr geschieht.

Jupiter gleicht weniger einem Schwan als einer Gans
Nicht nur optisch ergeben sich auf diese Weise bizarre Rendezvous, das heißt, wenn Jupiter als Goldstaub über Danae niedergeht, sich in Gestalt eines Schwans an Leda zu schaffen macht oder Io plötzlich als Wolke, nun ja, übermannt. Das ist der Stoff, aus dem die Schlafzimmerträume der Renaissance entstanden sind, und gerade auch die Spitzenkräfte haben sich um möglichst attraktives Bildmaterial bemüht:

Tizians um 1550 entstandene Danae blickt fast gelangweilt auf die güldenen Tröpfchen, während ihre betagte Dienerin versucht ist, mit der Schürze etwas vom Regen aufzufangen. Der Schwanen-Liebhaber gelingt im Gegensatz zu Leda selten souverän. In Giovanni Antonio Bazzis Kopie nach Leonardo muss er sich ordentlich den Hals verrenken, bei Michele Tosini gleicht er einer Gans. Nur Michelangelo traut sich (das Gemälde ist verloren und lediglich in Kopien überliefert), den Akt der Zeugung zu zeigen, und lässt den Chefgott sogar schnäbeln. Ein weiteres Highlight ist Antonio da Correggios Io von 1531. Aus der Wolke schält sich ein Gesicht, dessen Kuss die Erwählte durchaus bereitwillig erwidert, während ihr eine nebulöse Pranke auch schon um die Hüften greift.
Arachne webt die Eskapaden der Götter
Am Ende war’s für keine ein Vergnügen, zumal die Eifersucht Junos weitere Metamorphosen nach sich zog. Die weiße Kuh, in die Io verwandelt wurde, ist vergleichsweise harmlos, bei Ovid gibt es noch ganz andere Racheopfer. Die talentierte Arachne zum Beispiel hat es gewagt, Minerva zu einem Wettstreit um die beste Webarbeit herauszufordern. Dass sie auf ihrem Teppich außerdem die Eskapaden der Götter ausbreitet, bezahlt sie teuer: Arachne muss ihr Dasein künftig als Spinne fristen.
Tintoretto, den Sohn eines Webers, hat dieses Missgeschick sehr gereizt. Er zeigt die Konkurrentinnen im Einsatz am Webstuhl, während Louise Bourgeois es bei einem Duo ihrer riesigen Bronzespinnen belässt. Auch die Französin stammt aus einer Familie, die mit Tapisserien zu tun hatte, dabei lassen ihre Spinnen eher mütterliche Assoziationen zu.
Medusas Blick war tödlich - aber warum nur?
Tiere sind überhaupt gerne im Spiel, wenn es um Verwandlungen geht. Entweder für ein Tarnmanöver wie bei Jupiter oder eben als Strafe. Von Medusa etwa weiß man, dass ihr Blick tödlich war. Warum? Die einst schöne junge Frau wurde von Neptun in einem Tempel der Minerva vergewaltigt. Anstatt zu Hilfe zu eilen, war die völlig unsolidarische Göttin so wütend, dass sie die arme Medusa in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren verwandelte. Das Opfer bekam also noch mal eine drauf, und während die Gorgone meistens furchterregend gezeigt wird, behält sie in der raumfüllenden Videoarbeit von Juul Kraijer ihr makelloses Antlitz. Über das kriechen allerdings Schlangen.

Perseus müsste sich diese Schlangen ansehen
Ob Perseus in diesem Fall nicht doch hinsehen würde? Erst mit Abscheu und allmählich gebannt? Der klassische Bezwinger der Medusa hatte bekanntlich einen Spiegel in der Tasche. Dargestellt wird er oft triumphierend mit ihrem abgeschlagenen Haupt, und immerhin hat es Hubert Gerhards mannshohe Statue aus der Münchner Residenz nach Amsterdam geschafft.
Das ist nicht das einzige in Bayern entstandene Objekt. Zum Auftakt der Schau führt ein emaillierter Becher aus Augsburg gleich mehrere Metamorphosen Ovids vor Augen. Passend zur Kelchform ordnen Georg Lotter und sein gleichnamiger Sohn die Szenen um einen Baum an. Winzig klein zupft Orpheus seine Leier und verzaubert die ganze Natur. Drumherum ist die Geschichte der Welt erzählt: von der Entstehung des Kosmos‘ aus dem Chaos über den Ursprung der Menschheit mit den anfangs noch paradiesischen Zuständen bis hin zu Gier und Gewalt, Gigantenkämpfen und einer Sintflut, die alles verschlingt.

Narziss spiegelt sich heute schnöde auf dem Smartphone
Es ist schon verrückt, in einer Tour scheint sich das allzu Menschliche zu wiederholen. Nicht nur dieser kostbare Kelch, die ganze Ausstellung verhandelt - mit unerheblichen Abwandlungen - unsere Gegenwart. Wobei die Zerstörungswut wieder besonders blutige Wellen schlägt. Liebe, Hass und Eifersucht gehören eh zum Leben, und Narziss darf heute seine Selbstvernarrtheit in unendlich vielen Selfies feiern.
„Metamorphoses“ bis 25. Mai im Rijksmuseum Amsterdam, vom 22. Juni bis 20. September in der Galleria Borghese in Rom, engl. Katalog (Hannibal, 352 Seiten, 40 Euro)
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