Kuhdung aus Gröbenzell

Das Lenbachhaus zeigt ab heute das Werk von Sheela Gowda – online natürlich. Die indische Künstlerin besinnt sich auf das Einfachste
| Roberta De Righi
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Sheela Gowda: What Yet Remains, 2017, Ausstellungsansicht
Lenbachhaus, Simone Gänsheimer/Sheela Gowda 5 Sheela Gowda: What Yet Remains, 2017, Ausstellungsansicht
Sheela Gowda: In Public, 2017, Ausstellungsansicht
Lenbachhaus, Simone Gänsheimer/Sheela Gowda 5 Sheela Gowda: In Public, 2017, Ausstellungsansicht
Iris Winkelmeyer, Restauratorin, die Künstlerin Sheela Gowda und die Kuratorin Eva Huttenlauch.
Simone Gänsheimer/Sheela Gowda 5 Iris Winkelmeyer, Restauratorin, die Künstlerin Sheela Gowda und die Kuratorin Eva Huttenlauch.
Sheela Gowda: Darkroom, 2006, Ausstellungsansicht
Lenbachhaus, Simone Gänsheimer/Sheela Gowda 5 Sheela Gowda: Darkroom, 2006, Ausstellungsansicht
Die indische Künstlerin Sheela Gowda.
Thierry Bal 5 Die indische Künstlerin Sheela Gowda.

Kuhdung ist in Indien ein Allround-Material: Es dient nicht nur als Dünger, sondern gepresst und getrocknet als Brennmaterial und Baustoff. Auch Räucherwerk für Tempel und sogar Spielzeug wird daraus hergestellt. Da ist es naheliegend, dass die indische Künstlerin Sheela Gowda (geboren 1957) getrockneten Kuhmist als Werkstoff nutzt.

Am heutigen Montag sollte Sheela Gowdas große Überblicks-Ausstellung „It .. Matters“ im Kunstbau des Lenbachhaus eröffnet werden, 2019 war sie dort mit dem Maria-Lassnig-Preis geehrt worden. Weil das Publikum die von Eva Huttenlauch kuratierte Schau in absehbarer Zeit nicht betreten kann, hat sich das Haus entschlossen, diese um 10 Uhr digital zu eröffnen und vorerst im Netz sichtbar zu machen.

Das ist bei einem Werk, das vor allem aus begehbaren Raum-Installationen sowie aus Materialien besteht, die nicht nur visuell, sondern auf alle Sinne wirken, eine Herausforderung. Doch wenn man nach Ablenkung sucht – ermüdet vom täglichen Krisenmodus – und sich auf das Experiment einlässt, wird die unmittelbar sinnliche Komponente dieser Arbeiten aus der Distanz umso deutlicher. Es lohnt sich also durchaus, sich vorerst virtuell damit auseinanderzusetzen; zumal ein Dokumentarfilm über Gowda, der eigens fürs Lenbachhaus gedreht wurde, ebenfalls auf der Homepage gezeigt wird.

Kokosfaser, Haare und alte Teefässer landen in dieser Kunst

Die Künstlerin lebt und arbeitet in Bengaluru/Bangalore. Bis in die 1990er Jahre schuf sie Ölmalereien, ehe sie sich neuen Ausdrucksformen und Grundstoffen zuwandte. Sie sucht ihre Materialien im Alltag, verwendete Kokosfasern, Haare, Steine und alte Teerfässer. Einiges wie das rote Kumkum-Pulver, mit dem die Hindus etwa das dritte Auge auf der Stirn markieren, entstammt dem spirituellen Kontext.

In ihrer Kunst reflektiert sie die religiösen, sozialen und politischen Gegebenheiten ihrer Heimat. So wie in der neuen Arbeit „Where cows walk“: In Indien wird Religion weiterhin politisch instrumentalisiert, entlädt sich Hindu-Nationalismus immer wieder in Gewalt gegen Moslems. Im Hinduismus gilt die Kuh als heilig, im Islam nicht. Gowda führt dies in dem 6-teiligen Werk ad absurdum: Die „Künstlerinnen“ sind in diesem Fall bayerische Kühe – vom Zillerhof bei Gröbenzell. Gowda legte im Stall Rechtecke aus Jute aus, auf denen die Tiere herumtrampelten und ihre Exkremente fallen ließen.

Das mag manchen Leser vor den Kopf stoßen, aber auch dies hat Tradition: Man denke an Chris Ofili, der 1998 beim Turner-Preis mit Elefantendung für Furore sorgte. Und Piero Manzoni packte schon 1961 für „Merda d’Artista“ Künstlerkacke in Dosen.

Rückführung auf das Einfachste

„Darkroom“ wiederum ist eine begehbare Skulptur aus zusammengeschweißten Teerfässern und wirkt mit vier gerundeten Ecktürmen wie eine kleine Festung. Gowda bezieht sich damit auf die notdürftigen Behausungen indischer Straßenarbeiter, die sie aus den leeren Relikten ihrer Arbeit schaffen. Ein einfacher Schutzraum, beklemmend und bergend zugleich. Eine perforierte Platte an der Decke sorgt immerhin dafür, dass Licht von oben einfällt.

Auch Bandlis, Schalen zum Transport von Baumaterialien, werden aus alten Fässern hergestellt. Die Künstlerin verwandelt sie in „What yet remains“ raumgreifend in konkrete Kunst. „Behold“ wiederum basiert darauf, dass sich Hindus Haare als Opfergabe vor dem Gang zum Tempel abschneiden, die daraus geflochtenen Zöpfe dienen als Talisman. In Gowdas Installation wird daraus ein fragiles Konstrukt aus Aberglaube und Wirklichkeit.

In Krisenzeiten mag die radikale Erweiterung des Kunstbegriffs dekadent erscheinen. Bei Sheela Gowda ist sie das Gegenteil: nämlich die Rückführung der Kunst auf das Einfachste, um diesem seinen elementaren Wert zurückzugeben. Und diese Besinnung kann jetzt helfen, um den Alltag im Ausnahmezustand weiterhin zu bestehen.

Sheela Gowdas Ausstellung auf www. lenbachhaus.de, bis 26. Juli 2020

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