Krishna - ein Gott für jede Gelegenheit
Er sitzt gerne auf der Hollywood-Schaukel, hütet aber auch die Kühe. Er spielt betörend Flöte und die Frauen fliegen natürlich auf ihn. Dazu hat Krishna so viele Eigenschaften und Zuständigkeiten, dass man leicht den Überblick verliert. Diesen Liebling der Hindus könnte man als Multifunktionsgott bezeichnen. Selbst die westliche Popkultur hat er farbstark durchgewirbelt. Höchste Zeit also, diesen globalen Superhelden genauer in den Blick zu nehmen.
Mit über 100 Objekten aus den eigenen Beständen und Zeugnissen der heutigen Wertschätzung gelingt das im Museum Fünf Kontinente ausgesprochen facettenreich. Die historischen Skulpturen, Malereien, Tapisserien und Ritualgegenstände beleuchten die Lebensgeschichte einer Gottfigur, die gerade als Kleinkind höchste Verehrung erfährt.

Baby-Krishna wird mit Milch und Süßem gefüttert
Gläubige Hindus umsorgen eine entsprechende Baby-Bronzefigur wie ihren eigenen Nachwuchs. Das heißt, sie wird mit Milch und Süßem gefüttert, in den Schlaf gewiegt und attraktiv gekleidet. Dafür gibt es einen eigenen Markt, der von Stramplern bis zum Moskitonetz fürs Minibett alles bietet. Es ist kaum überraschend, dass mit dieser Aufgabe meistens Frauen zu tun haben, und das rund um die Uhr. Auf Reisen ist der Kleine auch dabei, er mag nicht lange allein sein.
Woher das kommt? Krishna hat bereits mit ein paar Monaten übermenschliche Kräfte an den Tag gelegt, und unwillkürlich muss man an den griechischen Halbgott Herakles denken: Der ging als Säugling eben mal zwei Schlangen an den Kragen.
Die Haut dieses Schönen schimmert wie eine Wasserlilie
Allerdings war Krishna auch eine Gefahr für den Tyrannen Kamsa. Dem hatte man prophezeit, dass ihn ein außergewöhnliches Kind töten würde. Also schickte Kamsa böse Dämonen, doch die hatten nichts zu lachen: Den gefräßigen Riesenkranich Bakasura verbrannte Krishna von innen heraus, und auch den Sturmgeist Trinavarta erledigte er - schwer geworden wie ein Berg - mit einem Lächeln.

Krishna verzaubert alle mit seinem Flötenspiel
Es gibt zahlreiche tolle Geschichten, wobei das allzu Menschliche sicher den größten Reiz Krishnas ausmacht. Zwar bringt er in seiner Gestalt sämtliche anderen Götter des indischen Pantheons zusammen, das macht ihn zum Tausendsassa bzw. zur universalen Gottheit, aber zugleich ist er ein Bub, der Streiche im Kopf hat, Krüge zerdeppert und alle mit seinem Charme verzaubert. Besonders die Hirtinnen, die sich von seinen Flötentönen in den Wald locken lassen und mit Krishna tanzen. Der vervielfältigt sich, damit er sich jedem Mädchen widmen kann.

Nur Radha erringt das göttliche Herz
Um Lösungen ist Krishna jedenfalls nie verlegen und zu allem auch noch der Schönste im ganzen Land. Denn seine Haut schimmert wie eine dunkelblaue Wasserlilie, und die Augen gleichen Lotosblättern. Eine Gespielin erringt dann aber doch das göttliche Herz: Radha verlässt sogar ihren Angetrauten und wird für eine Zeit Krishnas einzige Gefährtin. Die zwei schaukeln ins Glück - das hat zu einem viel praktizierten Ritual und zu prächtigen Kultgegenständen geführt.

Das Haus besitzt eine herrlich opulente vergoldete Schaukel, die mit allerlei Fabelwesen und reichen Ornamenten geschmückt ist. Und schön, wenn der aufgehängte Diwan sich zu bewegen beginnt, wippen viele in die Konstruktion eingelassene Miniaturschaukeln mit. Schade nur, dass dieses um 1900 entstandene Wunderwerk nicht mehr mobilisiert werden darf. Doch es gibt fürs Publikum eine Schaukel, die zur Fotosession einlädt. Ohne Selfie-Ecke geht heute nichts mehr, und ein bisschen Bollywood-Atmosphäre kommt sowieso gut.
Dieser sympathische, rundum kompatible Gott konnte freilich im Westen nicht ohne Resonanz bleiben. Goethe und Schopenhauer haben sich mit Krishna beschäftigt, auch der Indien-affine Hermann Hesse. Vor allem aber hielt die geradezu hedonistische Gottheit Einzug in die Popkultur. Am Ende dieser sehr sehenswerten Ausstellung demonstrieren das ganze Vitrinen voller Plattencover und Poster, Comics und T-Shirts.
Jimi Hendrix gibt sich als Krishna
unzählige Gestalten
Im Musical „Hair“ wird das Hare-Krishna-Mantra schnell zum Ohrwurm, die Beatles vereinnahmen ihn, und Gitarrengott Jimi Hendrix lässt sich und seine Bandmitglieder auf dem Album „Axis: Bold als Love“ als Vishvarupa darstellen. Das bedeutet, in unzähligen Gestalten mit unzähligen Gliedmaßen.

Krishna kleckert eben nicht. So werden ihm acht Ehefrauen nachgesagt, manche Quellen sprechen sogar von über 16.000. Zugleich taugt der Alleskönner zur Yoga-Ikone und zum Zeremonienmeister des Holi-Fests, bei dem alle ins Farb(beutel)bad tauchen.
Die Beispiele nehmen kein Ende. Ohnehin passt eine Krishna-Schau ganz gut nach München. In der Lithografie-Anstalt von Baumgarten sind Ende des 19. Jahrhunderts große Mengen Andachtsbilder gedruckt worden. Das Kolorieren von Hand hat viel Zeit in Anspruch genommen, deshalb konnte der immense Bedarf in Indien leichter und preisgünstiger über das Steindruckverfahren gedeckt werden.
Krishna ist umgeben von europäischen Landschaften
Teilweise ist es dadurch zu kuriosen Übernahmen gekommen. Der indische Künstler Raja Ravi Varma etwa hat Motive aus der hinduistischen Mythologie mit europäischer Landschaftsmalerei kombiniert. Auf Drucken, die in München entstanden sind, ähnelt der zentrale Baum einer Kiefer, und das Gebirge im Hintergrund verweist eher auf die Alpen als auf den Himalaja. Die Frisuren der Frauen erinnern an einen geflochtenen Dutt, den man zum bayerischen Dirndl trägt. Auf der anderen Seite sind Haarknoten und Nester eine weltweite Erscheinung. Dennoch zeigen solche Details, dass Krishna keine Grenzen kennt und sich letztlich in jede Kultur fügt. Nun ja, irgendwie.
„Krishna. Religion, Kunst und Popkultur“ bis 8. November 2026 im Museum Fünf Kontinente, Di bis So 9.30 bis 17.30 Uhr.
Ein lesenswerter Katalog (176 Seiten, 40 Euro) ist im Deutschen Kunstverlag erschienen
- Themen:
- Museum Fünf Kontinente
- The Beatles







