Kennen Sie den Münchner Hofgarten? Aber vielleicht (noch) nicht den „Griechenlandzyklus“ dort

Vielleicht sind sie etwas zu hoch an der Wand, vielleicht die Texte etwas sperrig - auch wie sie grafisch gesetzt sind. Das hat zwar alles einen Grund, aber ändert nichts daran: Im Hofgarten in den langen Nordarkaden geht man an Richard Seewalds Griechenlandzyklus von 1961 vorbei - die allermeisten wohl achtlos. Dabei handelt es sich um etwas ganz Besonderes mit einer besonderen Geschichte.

Schon vor der Französischen Revolution hatte der eigentlich unbeliebte Kurfürst Karl Theodor um 1780 hier eine öffentliche Galerie zur standeslosen Erbauung der Bevölkerung eingerichtet. Ludwig I. wollte hier dann noch das Staatsbewusstsein der Bayern schärfen - und ließ in den neu errichteten Arkaden zum Odeonsplatz hin einen „Wittelsbacher-Zyklus“ malen - eine Heroisierung der jetzt königlichen Familie. Diese Bilder sind bis heute hier. Dazu sollte ein Griechenlandzyklus von Carl Rottmann kommen, darüber Bilder vom griechischen Freiheitskampf gegen die Osmanen - gemalt vom Schlachtenmaler Peter von Hess.
Klenzes Bedenken und der Weltkrieg veränderten alles
Rottmanns von einer Dienstreise mitgebrachte Griechenlandimpressionen, dann großformatig in Öl umgesetzt, hier öffentlich aufzuhängen, verhinderte Architekt Leo von Klenze - nicht aus Neid, sondern aus Angst vor Vandalismus: „Wahrlich ich beginne vor dem Gedanken zu erschrecken, dass solche Bilder der Rohheit des Publikums ausgesetzt werden sollten“, schrieb er an den König. Diese Bilder wanderten in die Pinakothek. Peter von Hess’ Freiheitskampf-Szenen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Was bleibt? Ein neuer Griechenlandzyklus in den langen Nordarkaden. Dort, wo 1937 die NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurde, durfte der selbst mit einigen Bildern als „entartet“ eingestufte Maler Richard Seewald innerhalb von nur vier Monaten 1961 seine Griechenlandfresken malen.
„Meine Entwürfe wurden von einer Jury einstimmig genehmigt, obgleich sie von einer großen Kühnheit waren. Die Rückwand der gesamten Arkaden ist nämlich in einem starken pompejanischen Rot gestrichen, nur da, wo die Schaufenster von Läden aufhörten, hatte man in der gleichen Größe graue Vierecke ausgespart“, schreibt Seewald in seiner Autobiografie. Er wird diese Felder nicht als Bilderflächen nutzen, sondern hierin in der Schrift „Antiqua“ Übersetzungsfragmente von altgriechischen Texten setzen. Seine eigenen, eigentlichen Bilder setzt er hoch oben darüber. Erstens brauchte er Querformate, zweitens größeren Witterungsschutz - und auch die Furcht vor Vandalismus (siehe Klenzes Bemerkung über mögliche Bilder von Carl Rottmann an dieser Stelle) hat eine Rolle gespielt.
Der Münchner Altphilologe, Pädagoge und Referatsleiter a.D. im Kultusministerium Rolf Kussl hat anderthalb Jahre damit verbracht, die 15 Bilder und die dazugesetzten Texte zu erforschen, und hat dazu das Buch „Hellas im Hofgarten“ verfasst. „Ganz einfach, weil sie zu Unrecht ein Schattendasein führen. Seewald war ein bedeutender Maler der Moderne, seine Bilder sind Zeugnis des Versuchs, nach dem moralischen und tatsächlichen Zusammenbruch des Dritten Reichs wieder an etwas anzuknüpfen: den Humanismus“, sagt Kussl.

Seewald war vor dem aufziehenden Nationalsozialismus 1931 in die Schweiz ausgewichen und hat dafür sogar seine Professur an den Kölner Werkschulen aufgegeben. 1934 zog es ihn nach Griechenland, wo er viele Landschafts- und Orts-Skizzen mitbrachte. Später kehrte er noch mehrmals dorthin zurück. Als er den Zuschlag für seine Konzeption der Gestaltung der Hofgartenarkaden bekam, hatte er 15 Motive daraus ausgesucht. Die ersten drei lässt er ohne Texte - „wie eine Art Vorspann“, meint Kussl: Seine Liebe für das Schiff als Symbol der Freiheit, der künstlerischen Suche, des Aufbruchs, vielleicht auch des Auswanderns ist hier thematisiert: „Felsige Küste“, „Griechisches Schiff“ und „Pinie und Cypresse“ leiten zu dem Zwölfer-Reigen griechischer Orte: Athen, Olympia, Delphi, Ithaka, Korfu, Zypern, Akrokorinth, Naxos, Korinth, Sunion, Ägina und schließlich Poros (wieder mit Schiffsmotiv und an der Wand signiert).
Manches ist seltsam, manches zunächst unverständlich
Die konkreten und trotz Grautönen auch leicht expressionistischen Fresken haben in größerem Format Texte daruntergesetzt, die auf Augenhöhe auch die größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Ich habe die klassischen Verse von Homer und Sappho, von Pindar und Hölderlin sorgsam ausgewählt, damit sie zu den gemalten Landschaften in schöpferischer Beziehung stehen“, hat Seewald selbst gesagt. Auch Goethe ist dabei.

„Interessant ist, dass diese Selbstaussage von Seewald nicht beim ersten Sehen und Lesen eingelöst wird“, meint der Altsprachler und Gymnasiallehrer Kussl, weshalb er unter anderem auch sein Buch geschrieben hat. „Es gibt sogar Übersetzungsfehler aus dem Griechischen oder Unachtsamkeiten - bis hin zur Frage, warum jeweils genau dieser Textausschnitt genommen wurde, der das Ganze fast kryptisch macht oder gar inhaltlich verzerrt.“ Sappho zum Beispiel wird zur Insel Poros zitiert: „Einer meint: die Reiter, ein anderer Fussvolk / Mancher: Schiffe seien der dunklen Erde schönstes Gut“ steht da an der Wand: „Da sind sie wieder, Seewalds Lieblingsmotive: die Schiffe“, sagt Kussl: „Aber das Gedicht geht ja weiter - mit einer entscheidenden Zeile, die einfach weggelassen wird: ,Ich aber sage: das, wonach sich jemand in Liebe sehnt!’“
Kussl hat sich zu alldem Gedanken gemacht, die benutzten Übersetzungen ausgewertet, Seewalds Bildmotive lokalisiert und liefert zu allem Erläuterungen. Seewald selbst hat als Realgymnasiumsbesucher in Stralsund wohl nie Altgriechisch gelernt, schließlich wollte der Vater, dass er Architekt würde und nicht Künstler. Vor 50 Jahren starb Seewald mit 87 Jahren in München und liegt in seinem ehemaligen Exilort Ronco sopra Ascona begraben. In der NS-Zeit waren viele seiner Werke vernichtet worden, andere wurden im Krieg zerstört. München aber hat noch diesen Schatz - ganz öffentlich, wenn auch etwas erhöht. Dass seine Hofgartenbilder 65 Jahre, nachdem Seewald sie gemalt hat, nun wieder entdeckt und verstanden werden können, dafür hat Rolf Kussl gesorgt.

Rolf Kussl: „Hellas im Hofgarten - Richard Seewalds Griechenlandzyklus in München“ (Schnell und Steiner, 92 Seiten, Großformat, mit vielen Abbildungen und Erläuterungen, 12 Euro)