Kataloniens starker Aufbruch in der Kunsthalle München

Gaudí zieht einfach an. Hundert Jahre nach dem Tod des kauzig-genialen Baumeisters drängen sich mehr Menschen denn je durch die Sagrada Família. Dass Barcelonas "Kathedrale der Armen" durch den Jesus-Christus-Turm nun das Ulmer Münster um gut zehn Meter an Höhe übertrifft, ist nur ein später Nebenaspekt dieses überdimensionalen Faszinosums. Man übersieht ohnehin, dass der gottesfürchtige Antoni Gaudí durch opulente, bis ins kleineste Detail geplante Häuser für die Hautevolée bekannt wurde – und bedeutende Kollegen hatte.
Anders wäre das "Eixample", die immense Stadterweiterung Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so fulminant verlaufen. Die Industrialisierung spülte unzählige Arbeitssuchende nach Barcelona, und bei allen sozialen Malaisen entstand zugleich eine vibrierende Kunstszene, die den "Modernisme" prägte. Dieser katalanische Sonderweg des Jugendstils ist jetzt in der Kunsthalle München zu erleben. So umfangreich übrigens, wie das auch in keinem spanischen Museum möglich wäre. Und tatsächlich fragt man sich, weshalb diese Künstler über Spanien hinaus kaum noch jemand kennt.
Kandinsky imitiert Anglada Camarasa – echt jetzt?
Werke von Santiago Rusiñol, Ramón Casas oder Hermen Anglada Camarasa wurden um 1900 in Berlin, München und Köln ausgestellt und positiv besprochen. Von einer "glücklichen Imitation" Angladas durch Wassily Kandinsky ist sogar die Rede. Genauso ließen sich Gustav Klimt und Edvard Munch von diesem symbolistisch angehauchten Dompteur des Ornaments inspirieren.
Anglada ging es nicht um eine Nachahmung, sondern um eine Steigerung des Sichtbaren. Die regionalen Trachten und Bräuche, die er 1904 in Valencia für sich entdeckte, haben bei ihm so gar nichts Volkstümliches. Viel mehr tendieren sie zum farbrauschend Schrillen, ja Grotesken, und man weiß manchmal nicht, wo auf seinen Bildern die echten in die gewebten Blumen einer Mantilla übergehen.

Im Künstler-Café El Quatre Gats wurde debattiert, gezecht – und ausgestellt
Mit seiner Malerei hat er sich noch am besten in die europäischen Strömungen um die Jahrhundertwende gefügt, war zudem korrespondierendes Mitglied der Münchner Secession, wobei den Modernisme vor allem eines ausmacht: Es gab keinen einheitlichen Stil. Man traf sich im Bohème-Café El Quatre Gats (Die vier Katzen), das in der Kunsthalle nachempfunden ist, debattierte, organisierte und porträtierte sich gegenseitig. Sportlich modern als Radfahrer, zechend natürlich und oft genug als Parodie.

Von diesem Austausch profitierte auch der junge Pablo Picasso. Dass er aus Barcelona weit mehr als die fundierte Ausbildung mit nach Paris genommen hat, fällt gerne unter den Tisch. Dabei wirkte die Kunst um den brillanten Netzwerker Rusiñol nachhaltig: Picasso kopierte ihn wie verrückt, hatte seine erste Ausstellung im Quatre Gats und behielt außerdem die Eindrücke der Straße im Gedächtnis. Seine "Demoiselles d’Avignon" mag er 1906/07 auf dem Montmartre gemalt haben, einige Studien sind noch in Barcelona entstanden. Und der Titel bezieht sich nicht auf die Stadt in Südfrankreich, sondern auf den Carrer d’Avinyó, wo es ein Bordell gab.
Nach dem Schliff in Paris wurde in Barcelona an einer eigenen Moderne gestrickt
Auch Rusiñol und Ramón Casas zog es nach Paris. das die Grand Tour nach Rom abgelöst hatte. Beide schulten sich am Impressionismus und gingen zurück in der Heimat doch wieder eigene Wege. Rusiñol ist mit seinen Bildern der Gärten Spaniens vertreten. Bei ihm sind es poetisch-melancholische Orte der Vergänglichkeit und des Rückzugs, gerade in Zeiten des schnellen Wandels.

Genauso darf man die Landschaften Joaquim Mirs als Gegenentwurf zu einer enervierend laut gewordenen Stadt begreifen. Mir hat sich von 1900 an auf die noch halbwegs unberührte Natur Mallorcas konzentriert und durch die Kontraste zwischen Wasser und Felsen zu einer sehr eigenen, stellenweise bizarren Bildsprache gefunden.
Joaquim Mir ist nah dran an der Abstraktion
Eine Wiedergabe der Realität interessierte ihn nicht, ihm ging es um den subjektiven Eindruck, den Klippen und Abgründe bei ihm hinterließen. Anders als die französischen Impressionisten überführt er nicht das Licht, sondern die Form in Farbe. Im Hinblick auf die Abstraktion ist das eine erstaunliche Variante, die mehr Beachtung verdient.

Der politische Casas, der nolens volens zum Maler der Schönen und Reichen avancierte, hat dagegen das moderne Leben festgehalten: Frauen am Steuer eines Autos, allein im Restaurant wie Prostituierte oder herausfordernd lasziv, männermordend - so porträtierte er seine Gemahlin in spe.
Diese Künstler wagten sich in neue Lebenswelten, Rusiñol malte sogar eine Morphinistin, die sich wie eine Heilige nach der Ekstase zu entspannen beginnt. Die Droge wirkt. Das muss man sich trauen. Aber dieses äußerst unkonventionelle Spiel mit den alten Idealen, Themen und Formen findet sich auch in der Architektur.

Auf der Fassade wogt das Meer, das Dach ist ein Drache
Am Passeig de Gràcia mitten im Eixample stehen drei bemerkenswerte Gebäude direkt nebeneinander: Josep Puig i Cadafalch hat für einen Schokoladenfabrikanten in der Casa Amatller auf den Stufengiebel der spätmittelalterlichen Patrizierhäuser Zentraleuropas zurückgegriffen. Die von Lluís Domènech i Montaner geplante Casa Lleó Morera verbindet gotisierende Elemente und florales Dekor mit Allegorien, deren Attribute Fotokamera, Glühlampe und Telefon auf die neueste Technik Bezug nehmen. Und Gaudís Casa Batlló ist schließlich der Gipfel: mit einer wellenförmigen Fassade, die das Meer nachahmt, und einem Drachenrücken als Dach. Das muss einem selbst in der Stadt des Heiligen Georg erst einmal einfallen.
"Barcelona modern. Von Gaudí bis Picasso", bis 21. Februar 2027 in der Kunsthalle München, täglich von 10 bis 20 Uhr, Katalog (296 S, Prestel) 39 Euro im Haus