Jacques-Louis David - das Chamäleon an der Seite der Mächtigen

Nicht nur das Bild Napoleons hat Jacques-Louis David geprägt. Er war genauso der Maler der Französischen Revolution. Zum 200. Todestag ist seine Kunst im Pariser Louvre in einer famosen Retrospektive zu erleben
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So kommt man zwar nicht über den Berg, aber da weiß einer genau, wo’s lang geht: „Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt.
Foto: Musée National des Châteaux de Malmaison et Bois-Préau, Grand Palais Rmn / Franck Raux 8 So kommt man zwar nicht über den Berg, aber da weiß einer genau, wo’s lang geht: „Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt.
Jacques-Louis David porträtiert sich 1794 im Gefängnis.
Paris, Musée du Louvre, Copyright Grand Palais Rmn / Adrien Didierjean / Sylvie Chan-Liat 8 Jacques-Louis David porträtiert sich 1794 im Gefängnis.
Superstrenger Klassizismus: Jacques-Louis Davids berühmter „Schwur der Horatier“ von 1784.
Paris, Musée du Louvre / Copyright Grand Palais Rmn (musée du Louvre) / Michel Urtado 8 Superstrenger Klassizismus: Jacques-Louis Davids berühmter „Schwur der Horatier“ von 1784.
Jacques-Louis David inszeniert den „Tod des Marat“ 1793 im Stil des obersten christlichen Märtyrers. Dabei kombiniert er Caravaggios Kreuzabnahme mit der Grablegung, das ist ein Coup, der die Betrachter unmittelbar anrührt. Foto: Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel, J. Geleyns
Bruxelles, Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique / photo J. Geleyns 8 Jacques-Louis David inszeniert den „Tod des Marat“ 1793 im Stil des obersten christlichen Märtyrers. Dabei kombiniert er Caravaggios Kreuzabnahme mit der Grablegung, das ist ein Coup, der die Betrachter unmittelbar anrührt. Foto: Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel, J. Geleyns
Jacques-Louis David stellt Ende 1793 den „Tod des jungen Bara“ dar. Der Junge hatte sich als Trommler den revolutionären Truppen angschlossen.
Avignon, Musée Calvet, Copyright Ville d’Avignon, Musée Calvet 8 Jacques-Louis David stellt Ende 1793 den „Tod des jungen Bara“ dar. Der Junge hatte sich als Trommler den revolutionären Truppen angschlossen.
David hat Napoleon 1812 in seinem Arbeitszimmer im Tuilerien-Palast porträtiert. Der Kaiser trägt die blau-weiße Uniform eines Obersten der Fußgrenadiere. Im selben Jahr läutet der verheerende Russlandfeldzug den Untergang Bonapartes ein.
National Gallery of Art, Washington 8 David hat Napoleon 1812 in seinem Arbeitszimmer im Tuilerien-Palast porträtiert. Der Kaiser trägt die blau-weiße Uniform eines Obersten der Fußgrenadiere. Im selben Jahr läutet der verheerende Russlandfeldzug den Untergang Bonapartes ein.
Irritierender Griff in die Mythenkiste: Im Jahr vor seinem Tod 1825 malt Jacques-Louis David im Brüsseler Exil „Mars entwaffnet durch Venus und die drei Grazien“.
Bruxelles, Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique / photo J. Geleyns 8 Irritierender Griff in die Mythenkiste: Im Jahr vor seinem Tod 1825 malt Jacques-Louis David im Brüsseler Exil „Mars entwaffnet durch Venus und die drei Grazien“.
„Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt.
Foto: Musée National des Châteaux de Malmaison et Bois-Préau, Grand Palais Rmn / Franck Raux 8 „Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt.

Weit geöffnet sind die Augen und doch auch müde, desillusioniert. Im August 1794 porträtiert sich Jacques-Louis David vor neutralem grauen Fond an der Staffelei - er sitzt gerade im Gefängnis. Der Sturz Robespierres liegt nicht lange zurück, und während die meisten Franzosen aufatmen, muss der knapp 46-jährige Maler um sein Leben fürchten. Bis zum Schluss hat er den zum „Bluthund“ mutierten „Unbestechlichen“ unterstützt, von der Französischen Revolution in sämtlichen Phasen profitiert, sie als Politiker sogar selbst vorangetrieben und nicht zuletzt ihre bekanntesten Bilder geschaffen.

Jacques-Louis David porträtiert sich 1794 im Gefängnis.
Jacques-Louis David porträtiert sich 1794 im Gefängnis. © Paris, Musée du Louvre, Copyright Grand Palais Rmn / Adrien Didierjean / Sylvie Chan-Liat

David entgeht der Guillotine nur knapp und zieht sich klug zurück. Zu gerne wüsste man, ob der Künstler im Einsatz für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ins Zweifeln gekommen ist. Ihm kann nicht entgangen sein, dass das Verfolgen dieser hehren Ziele in der Realität zu einem unfassbaren Terror geführt hat. Doch wie durch ein Wunder mischt David schon bald wieder ganz vorne mit. Im Schlepptau Napoleon Bonapartes kreiert er die nächsten Ikonen. Dass da einer allein das Zepter schwingt, scheint den Republikaner nicht zu kümmern.

David ist ein Chamäleon mit
enormem Instinkt

Jacques-Louis David ist ein Chamäleon mit einem phänomenalen Instinkt für Menschen und Themen. Das wird jetzt im Pariser Louvre schnell offenkundig. Zum 200. Todestag am heutigen 29. Dezember ist dort eine umfassende Retrospektive zu sehen - die erste seit dem 200-jährigen Revolutionsjubiläum 1989. Die Sammlung mit den meisten Gemälden tut sich einigermaßen leicht. Dass wichtige Leihgaben aus der ganzen Welt zusammengekommen sind, ist dann doch nicht selbstverständlich. Aber wo könnte eine solche Schau stattfinden, wenn nicht im Louvre? Das Museum ist unter Napoleon mächtig angewachsen und nicht zuletzt durch die Plünderung Italiens, bei der David mit seinem Kunstwissen den idealen Berater gab.

Es wäre ein Leichtes, den Stab zu brechen. Noch zu Beginn des Revolutionsjahres 1789 ließ sich der Maler von Ludwig XVI. mit einem ersten königlichen Auftrag fördern. Nachdem sich dann der Wind gedreht hatte, sprach David sich sogar für dessen Exekution aus. Auf der anderen Seite kommt man mit Moralisieren nicht weiter, zumal dieser Künstler zu den wenigen seiner Zunft zählt, die selbst aktiv in der Politik mitgemischt haben, zeitweise als Präsident des Jakobinerklubs und selbst des Nationalkonvents. In diesem Zusammenhang erfand er völlig neue Ikonografien.

Aus Marat wird ein Märtyrer, der an Christus erinnert

Zentral ist hier der tote Marat, der zusammengesackt in seiner Badewanne die Kreuzabnahme Caravaggios und schließlich die Grablegung vereint. Ein politisches Opfer in der Manier des obersten christlichen Märtyrers darzustellen, ist ein Coup - das Mitleid der Betrachter vorprogrammiert.

Jacques-Louis David inszeniert den „Tod des Marat“ 1793 im Stil des obersten christlichen Märtyrers. Dabei kombiniert er Caravaggios Kreuzabnahme mit der Grablegung, das ist ein Coup, der die Betrachter unmittelbar anrührt. Foto: Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel, J. Geleyns
Jacques-Louis David inszeniert den „Tod des Marat“ 1793 im Stil des obersten christlichen Märtyrers. Dabei kombiniert er Caravaggios Kreuzabnahme mit der Grablegung, das ist ein Coup, der die Betrachter unmittelbar anrührt. Foto: Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel, J. Geleyns © Bruxelles, Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique / photo J. Geleyns

Jeder kannte damals die Story um Charlotte Corday, die bei ihrem Mord die Wehrlosigkeit des von einer Hautkrankheit geplagten Demagogen ausgenutzt hat. Neben dem Original aus Brüssel demonstrieren die Kopien von Davids Schülern Langlois und Serangeli, wie bedeutend dieses Gemälde für die Revolutionäre gewesen ist.

Jacques-Louis David stellt Ende 1793 den „Tod des jungen Bara“ dar. Der Junge hatte sich als Trommler den revolutionären Truppen angschlossen.
Jacques-Louis David stellt Ende 1793 den „Tod des jungen Bara“ dar. Der Junge hatte sich als Trommler den revolutionären Truppen angschlossen. © Avignon, Musée Calvet, Copyright Ville d’Avignon, Musée Calvet

David schreckt genauso wenig davor zurück, mit einer nackten Kinderleiche Stimmung zu machen. Der erst 13-jährige Joseph Barra hatte sich freiwillig zur Truppe der Republikaner gemeldet und starb bei der Verteidigung gegen die Royalisten. Nun liegt er fast bäuchlings mit seinem schönen unschuldigen Gesichtchen an einer Mauer, und unwillkürlich muss man an den ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum denken. Der Hintergrund mag ein völlig anderer sein, aber es wird genauso das kindliche Opfer strapaziert.

„Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt.
„Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1800 von Jacques-Louis David gemalt. © Foto: Musée National des Châteaux de Malmaison et Bois-Préau, Grand Palais Rmn / Franck Raux

David hat das Bild Napoleons geprägt

Solche Bilder brennen sich ins Gedächtnis. Der tote Marat badet nach wie vor in den Geschichtsbüchern, und nicht nur in Frankreich. Wer an Napoleon denkt, sieht die Kompositionen Jacques-Louis Davids und besonders das Porträt hoch zu Ross am Großen Sankt Bernhard mit der siegesgewiss zum Himmel weisenden Hand des Eroberers.

So einer kann das Ruder rumreißen und eine ganze Nation aus dem Schlamassel holen. David ist von durchsetzungsfähigen Männern magisch angezogen, womöglich, weil er in jungen Jahren mit sich selbst nicht zurechtkam, einen Suizidversuch unternommen hatte und erst in der Werkstatt seines entfernten Vetters François Boucher Halt findet. Freilich tendiert er bald schon in eine andere Richtung, denn seine Kunst soll etwas bewirken, das heißt, den politischen und ethischen Wandel befördern.

Superstrenger Klassizismus: Jacques-Louis Davids berühmter „Schwur der Horatier“ von 1784.
Superstrenger Klassizismus: Jacques-Louis Davids berühmter „Schwur der Horatier“ von 1784. © Paris, Musée du Louvre / Copyright Grand Palais Rmn (musée du Louvre) / Michel Urtado

Pathos pur - beim „Schwur der Horatier“

Es entstehen hoch pathetische, wie mit Lineal und Zirkel angelegte Werke, die heute gerade durch ihre frostige Strenge Mühe machen. Der berühmte „Schwur der Horatier“ war 1784, in Anbetracht von gepuderten Perücken und ausschweifenden Rocaillen, radikal modern und ein Vorbote des Ballhausschwurs. Also fügt man sich in diesen Geschichtsunterricht, staunt über einen Maler, der nichts dem Zufall überlässt und die Darstellung seiner Heroen bis in die allerkleinsten Details austüftelt und mit Inhalt auflädt.

David hat Napoleon 1812 in seinem Arbeitszimmer im Tuilerien-Palast porträtiert. Der Kaiser trägt die blau-weiße Uniform eines Obersten der Fußgrenadiere. Im selben Jahr läutet der verheerende Russlandfeldzug den Untergang Bonapartes ein.
David hat Napoleon 1812 in seinem Arbeitszimmer im Tuilerien-Palast porträtiert. Der Kaiser trägt die blau-weiße Uniform eines Obersten der Fußgrenadiere. Im selben Jahr läutet der verheerende Russlandfeldzug den Untergang Bonapartes ein. © National Gallery of Art, Washington

Zum Russlandfeldzug gibt es den nachts arbeitenden Kaiser

Nur auf den ersten Blick ist „Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer im Tuilerienpalast“ ein salopperes Gegenstück zum galoppierenden Feldherrn in den Alpen. Umgeben von Akten hat dieser Diener des Volkes wieder einmal die Nacht am Schreibtisch verbracht, die Kerze ist schon fast abgebrannt, der Uhrzeiger steht auf kurz nach vier Uhr. Auch die Uniform sitzt nicht mehr perfekt, die Haare sind vom vielen Grübeln leicht zerzaust. Denn neben ihm liegt eine Papierrolle, die sich als „Code Napoléon“ erweist, dem neuen Gesetzbuch, das ihn lange überdauern wird.

Das Porträt hat David 1812 geschaffen, im Jahr des verheerenden Russlandfeldzugs, der den Untergang des Kaisers einläuten wird. Sich noch einmal neu zu orientieren und die Seite zu wechseln, macht für den „Ersten Hofmaler“ keinen Sinn mehr. Er könnte sich 1815 beim Sturz Napoleons sogar distanzieren. Doch mit den Bourbonen mag David sich nicht arrangieren und geht lieber ins Exil nach Brüssel.

Irritierender Griff in die Mythenkiste: Im Jahr vor seinem Tod 1825 malt Jacques-Louis David im Brüsseler Exil „Mars entwaffnet durch Venus und die drei Grazien“.
Irritierender Griff in die Mythenkiste: Im Jahr vor seinem Tod 1825 malt Jacques-Louis David im Brüsseler Exil „Mars entwaffnet durch Venus und die drei Grazien“. © Bruxelles, Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique / photo J. Geleyns

Am Ende serviertder Maler Kitsch aus der Mythenkiste

Der Künstler, der um Erneuerungen nie verlegen war, sucht seinen Ausweg im mythologischen Kitsch. Den allerdings bekommen die Salonmaler besser und witziger auf die Leinwand. Venus, die Mars auf der Récamiere bezirzt und dabei ein Rosenkränzlein schwingt, während die Scham des Kriegsgotts von turtelnden Täubchen verdeckt wird, ist mindestens irritierend. Ob bei diesem letzten Gemälde von 1824 Ironie oder gar Sarkasmus im Spiel war, lässt sich schwerlich nachprüfen. Vielleicht ist das aber gar nicht so wichtig. Jacques-Louis David hat eine hochwirksame Bildsprache entwickelt, die bis heute in den Köpfen sitzt.

„Jacques-Louis David“, bis 26. Januar 2026 im Louvre, Paris, Katalog 49 Euro

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