Jacques-Louis David - das Chamäleon an der Seite der Mächtigen
Weit geöffnet sind die Augen und doch auch müde, desillusioniert. Im August 1794 porträtiert sich Jacques-Louis David vor neutralem grauen Fond an der Staffelei - er sitzt gerade im Gefängnis. Der Sturz Robespierres liegt nicht lange zurück, und während die meisten Franzosen aufatmen, muss der knapp 46-jährige Maler um sein Leben fürchten. Bis zum Schluss hat er den zum „Bluthund“ mutierten „Unbestechlichen“ unterstützt, von der Französischen Revolution in sämtlichen Phasen profitiert, sie als Politiker sogar selbst vorangetrieben und nicht zuletzt ihre bekanntesten Bilder geschaffen.

David entgeht der Guillotine nur knapp und zieht sich klug zurück. Zu gerne wüsste man, ob der Künstler im Einsatz für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ins Zweifeln gekommen ist. Ihm kann nicht entgangen sein, dass das Verfolgen dieser hehren Ziele in der Realität zu einem unfassbaren Terror geführt hat. Doch wie durch ein Wunder mischt David schon bald wieder ganz vorne mit. Im Schlepptau Napoleon Bonapartes kreiert er die nächsten Ikonen. Dass da einer allein das Zepter schwingt, scheint den Republikaner nicht zu kümmern.
David ist ein Chamäleon mit
enormem Instinkt
Jacques-Louis David ist ein Chamäleon mit einem phänomenalen Instinkt für Menschen und Themen. Das wird jetzt im Pariser Louvre schnell offenkundig. Zum 200. Todestag am heutigen 29. Dezember ist dort eine umfassende Retrospektive zu sehen - die erste seit dem 200-jährigen Revolutionsjubiläum 1989. Die Sammlung mit den meisten Gemälden tut sich einigermaßen leicht. Dass wichtige Leihgaben aus der ganzen Welt zusammengekommen sind, ist dann doch nicht selbstverständlich. Aber wo könnte eine solche Schau stattfinden, wenn nicht im Louvre? Das Museum ist unter Napoleon mächtig angewachsen und nicht zuletzt durch die Plünderung Italiens, bei der David mit seinem Kunstwissen den idealen Berater gab.
Es wäre ein Leichtes, den Stab zu brechen. Noch zu Beginn des Revolutionsjahres 1789 ließ sich der Maler von Ludwig XVI. mit einem ersten königlichen Auftrag fördern. Nachdem sich dann der Wind gedreht hatte, sprach David sich sogar für dessen Exekution aus. Auf der anderen Seite kommt man mit Moralisieren nicht weiter, zumal dieser Künstler zu den wenigen seiner Zunft zählt, die selbst aktiv in der Politik mitgemischt haben, zeitweise als Präsident des Jakobinerklubs und selbst des Nationalkonvents. In diesem Zusammenhang erfand er völlig neue Ikonografien.
Aus Marat wird ein Märtyrer, der an Christus erinnert
Zentral ist hier der tote Marat, der zusammengesackt in seiner Badewanne die Kreuzabnahme Caravaggios und schließlich die Grablegung vereint. Ein politisches Opfer in der Manier des obersten christlichen Märtyrers darzustellen, ist ein Coup - das Mitleid der Betrachter vorprogrammiert.

Jeder kannte damals die Story um Charlotte Corday, die bei ihrem Mord die Wehrlosigkeit des von einer Hautkrankheit geplagten Demagogen ausgenutzt hat. Neben dem Original aus Brüssel demonstrieren die Kopien von Davids Schülern Langlois und Serangeli, wie bedeutend dieses Gemälde für die Revolutionäre gewesen ist.

David schreckt genauso wenig davor zurück, mit einer nackten Kinderleiche Stimmung zu machen. Der erst 13-jährige Joseph Barra hatte sich freiwillig zur Truppe der Republikaner gemeldet und starb bei der Verteidigung gegen die Royalisten. Nun liegt er fast bäuchlings mit seinem schönen unschuldigen Gesichtchen an einer Mauer, und unwillkürlich muss man an den ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi am Strand von Bodrum denken. Der Hintergrund mag ein völlig anderer sein, aber es wird genauso das kindliche Opfer strapaziert.

David hat das Bild Napoleons geprägt
Solche Bilder brennen sich ins Gedächtnis. Der tote Marat badet nach wie vor in den Geschichtsbüchern, und nicht nur in Frankreich. Wer an Napoleon denkt, sieht die Kompositionen Jacques-Louis Davids und besonders das Porträt hoch zu Ross am Großen Sankt Bernhard mit der siegesgewiss zum Himmel weisenden Hand des Eroberers.
So einer kann das Ruder rumreißen und eine ganze Nation aus dem Schlamassel holen. David ist von durchsetzungsfähigen Männern magisch angezogen, womöglich, weil er in jungen Jahren mit sich selbst nicht zurechtkam, einen Suizidversuch unternommen hatte und erst in der Werkstatt seines entfernten Vetters François Boucher Halt findet. Freilich tendiert er bald schon in eine andere Richtung, denn seine Kunst soll etwas bewirken, das heißt, den politischen und ethischen Wandel befördern.

Pathos pur - beim „Schwur der Horatier“
Es entstehen hoch pathetische, wie mit Lineal und Zirkel angelegte Werke, die heute gerade durch ihre frostige Strenge Mühe machen. Der berühmte „Schwur der Horatier“ war 1784, in Anbetracht von gepuderten Perücken und ausschweifenden Rocaillen, radikal modern und ein Vorbote des Ballhausschwurs. Also fügt man sich in diesen Geschichtsunterricht, staunt über einen Maler, der nichts dem Zufall überlässt und die Darstellung seiner Heroen bis in die allerkleinsten Details austüftelt und mit Inhalt auflädt.

Zum Russlandfeldzug gibt es den nachts arbeitenden Kaiser
Nur auf den ersten Blick ist „Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer im Tuilerienpalast“ ein salopperes Gegenstück zum galoppierenden Feldherrn in den Alpen. Umgeben von Akten hat dieser Diener des Volkes wieder einmal die Nacht am Schreibtisch verbracht, die Kerze ist schon fast abgebrannt, der Uhrzeiger steht auf kurz nach vier Uhr. Auch die Uniform sitzt nicht mehr perfekt, die Haare sind vom vielen Grübeln leicht zerzaust. Denn neben ihm liegt eine Papierrolle, die sich als „Code Napoléon“ erweist, dem neuen Gesetzbuch, das ihn lange überdauern wird.
Das Porträt hat David 1812 geschaffen, im Jahr des verheerenden Russlandfeldzugs, der den Untergang des Kaisers einläuten wird. Sich noch einmal neu zu orientieren und die Seite zu wechseln, macht für den „Ersten Hofmaler“ keinen Sinn mehr. Er könnte sich 1815 beim Sturz Napoleons sogar distanzieren. Doch mit den Bourbonen mag David sich nicht arrangieren und geht lieber ins Exil nach Brüssel.

Am Ende serviertder Maler Kitsch aus der Mythenkiste
Der Künstler, der um Erneuerungen nie verlegen war, sucht seinen Ausweg im mythologischen Kitsch. Den allerdings bekommen die Salonmaler besser und witziger auf die Leinwand. Venus, die Mars auf der Récamiere bezirzt und dabei ein Rosenkränzlein schwingt, während die Scham des Kriegsgotts von turtelnden Täubchen verdeckt wird, ist mindestens irritierend. Ob bei diesem letzten Gemälde von 1824 Ironie oder gar Sarkasmus im Spiel war, lässt sich schwerlich nachprüfen. Vielleicht ist das aber gar nicht so wichtig. Jacques-Louis David hat eine hochwirksame Bildsprache entwickelt, die bis heute in den Köpfen sitzt.
„Jacques-Louis David“, bis 26. Januar 2026 im Louvre, Paris, Katalog 49 Euro
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