In der Stuckvilla fasziniert eine Geisterbahn des Katholizismus
Licht in der Finsternis, Blut und Wunden, halbnackte Körper und starke Gefühle - die Bildregisseure der katholischen Kirche wussten spätestens seit dem Barock, womit man Aufmerksamkeit erregt.
Und ob Zurbarán, Ribera, Goya - die spanischen Malerei war jahrhundertelang immer ein bisschen düsterer, krasser, surrealer und schmerzhafter als im Rest von Europa. Im Werk von Gonzalo Borondo (geb. 1989) hallt diese Tradition nach. 2025 hat der spanische Künstler die Fassaden der Villa Stuck großflächig gestaltet, nun hat ihn das Museum eingeladen, den ganzen Neuen Ateliertrakt zu bespielen, Titel der Ausstellung: „Mater“.
Wobei „Ausstellung“ nicht ausreicht, um dieses zwischen Fantastik und Nachtmahr schillernde theatrum sacrum zu beschreiben, das Borondo hier - passend zum Monat des Totengedenkens - inszeniert hat. Heiligenfiguren, mystische Symbole, Licht, Ton und bewegte Bilder verbinden sich zu einem sinnlich-verrätselten Gesamtkunstwerk als ferne Hommage an den einstigen Hausherrn Franz von Stuck.

Madonnen oder Monster, Engel oder Dämonen beherrschen den Raum
Dafür verdunkelt der Künstler erst mal alle Räume, so dass man sich nach dem Eintreten wahlweise im Horrorkabinett oder in einer Kapelle wähnt. Dort begegnet man sich auch selbst im Spiegel, durch den man (im weiteren Sinne) steigen muss, um in tiefere Bewusstseinsschichten zu dringen. In Sanktuarium des Dr. Seltsam klackert, klingelt, klingt und klopft es allenthalben. Überlebensgroße Gestalten, Madonnen oder Monster, Engel oder Dämonen, beherrschen den Raum, an den Wänden sorgen kinetische Klang-Installationen dafür, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Es ist ein Reich der Schatten und Spiegelungen, und voller bizarrer angeblicher Reliquien. Ein abgeschnittener Kopf bringt ein Saiteninstrument repetitiv säuselnd zum Klingen, gegenüber dreht sich ein Rad mit klirrenden Schlüsseln und ein Herz schlägt auf ein Tamburin - Poesie und Splatter liegen hier nah beieinander. Im Obergeschoss lässt eine raumgreifende Rundum-Projektion Bilder über die Wände laufen. Nebenan wiederum hat Borondo ein mehrteiliges Altargemälde als Hinterglasmalerei errichtet, das den Raum beherrscht. Doch das Personal der Gemarterten ist getilgt. Übrig sind nur die leeren Schauplätze der Christus- und Heiligenlegenden, von Verkündigung, Taufe, Abendmahl, Kreuzigung und Auferstehung.
Die Skulpturen des Nationalmuseums im Röntgenblick
Im Alten Atelier des Malerfürsten schließlich hat Gonzalo Borondo eine veritable Geistergalerie eingerichtet, durch die man im Dämmer stolpern kann. Auf hohe Glasplatten wurden Röntgenaufnahmen von Skulpturen aus dem Bayerischen Nationalmuseum übertragen. Diese schemenhaften Märtyrer und Bekenner wirken in ihrer weißen Röntgenbelichtung ebenso gespenstisch wie diaphan. Am Ende tritt man nach diesem irren Trip durch die Geisterbahn des Katholizismus taumelnd heraus und freut sich wie ein Sellerieschnitzel, wenn der eigene Kopf doch noch da sitzt, wo er hingehört.
„Mater“, bis 29. März 2027, München, Villa Stuck, Di - So, 11 bis 18, Mi bis 20 Uhr; jeden ersten Freitag im Monat ab 18 Uhr, Eintritt frei
- Themen:
- Katholische Kirche


