Im Wahnwitz: Die Art Brut von Adolf Wölfli

"Bis ans Ende der Welt und über den Rand hinaus": Die Villa Stuck zeigt die Art Brut von Adolf Wölfli.
| Roberta de Righi
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"Riesen=Stadt, Robespierre in China" (1910).
Adolf Wölfli Stifung / Kunstmuseum Bern "Riesen=Stadt, Robespierre in China" (1910).

Genie und Wahnsinn dürften sich selten sichtbar so nah kommen wie im Werk des Schweizers Adolf Wölfli (1864 - 1930): Seinen überbordenden Bilder-Kosmos schuf er als Insasse der Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern. "Bis ans Ende der Welt und über den Rand" heißt die Ausstellung in der Villa Stuck, die seine Kunst jetzt fast zeitgleich zu einer Präsentation im Berner Zentrum Paul Klee mit 70 beispielhaften Werken aller Schaffensphasen umfassend präsentiert.

Geboren wurde Adolf Wölfli im Emmental als jüngstes von sieben Kindern. Der Vater verließ die Familie, die Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Wölfli wurde als "Verdingbub" auf wechselnden Bauernhöfen untergebracht. Als Arbeitssklave ausgenutzt, wurde er zunächst Opfer, dann selbst Täter: Wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger kam er 1890 ins Zuchthaus und ab 1895 mit der Diagnose Schizophrenie lebenslang in die Psychiatrie.

Wölfli: Bemalte die Wände in seiner Einzelzelle

Dort wurde Wölfli zum besessenen Zeichner. Aufgrund seiner Neigung zum Jähzorn isolierte man ihn ab 1919 zudem von den Mitinsassen. In seiner Einzelzelle, deren Wände er schließlich auch bemalte, entwarf er sich seine eigene Welt, in deren Parallelrealität er völlig aufging. Er schrieb in "Von der Wiege bis zum Graab" sein Leben zum Abenteuerroman um. Seine Heldenerzählungen gipfelten in der "Skt.-Adolf-Riesen-Schöpfung". Darin machte er sich selbst zu "Sankt Adolf II.": Weltenschöpfer und -bestimmer einer Utopie, für die er eine Währung und Zahlen erfand, die über die Quadrilliarde hinausgehen.

Dass sich etwa zeitgleich ein anderer Adolf zur Weltherrschaft aufmachte, ist eine bizarre Koinzidenz. Und noch irrer ist: Der andere galt nicht als geisteskrank. Den Größenwahn, der in Adolf Wölflis Bild-Visionen steckt, konterkariert Kurator Roland Wenninger, in dem er etwa die zarten Schriftbilder von Wölflis Mit-Patientin Konstanze Schwartzlin-Berberat danebenstellt.

Biografie über Wölfli: "Der Geisteskranke als Künstler"

Der Psychiater Walter Morgenthaler hatte in der Waldau das Zeichnen seiner Patienten gefördert und ihre Werke in der Krankenakte aufbewahrt. Über Wölfli verfasste er 1921 die viel beachtete Biografie "Der Geisteskranke als Künstler". Ausstellungsmacher Harald Szeemann war es dann, der dessen Werk für die documenta 5 von 1972 entdeckte.

Wölflis Reich ist bevölkert von comic-artigen, knubbeligen Männchen mit seltsam schwarzen Augen und Frauen, die von einer Art Heiligenschein aus Blütenblättern umwölkt sind. Sie sind eingebettet in imaginäre Veduten, die die Architektur der Waldau und die Stadtanlage Berns widerspiegeln und die zugleich, mit integrierter Schrift, Zinstabellen und allerlei christlichen oder rätselhaften Symbolen an kosmologische Darstellungen mittelalterlicher Buchmalerei erinnern - welche Wölfli aber wohl kaum gekannt hat.

Mal formiert sich alles zum gewaltigen Kreuz, mal tun sich bergende, Vulva-artige Öffnungen auf. Alle Blätter sind dabei dominiert von einem Horror vacui, der dafür sorgt, dass das Ornament strukturgebend und noch der letzte Winkel gefüllt oder beschriftet ist.

Wo endet die "Normalität" und wo beginnt der Wahnsinn? 

Und Wölflis Welt-Entwurf auf insgesamt über 25.000 Seiten ist noch um die Dimension des Klanges erweitert: Er fügte schwer lesbare Notationen auf sechs Notenzeilen ein, Kompositionen, die er in seiner Kammer auf der Papier-Trompete ausprobierte. Seine musikalische Schöpfung mündet in den aus reiner Lautmalerei zusammengesetzten "Trauer=Marsch", der unvollendet blieb, als Wölfli 1930 starb.

Wo endet die "Normalität" und wo beginnt der Wahnsinn? Roland Wenninger will mit der Schau auch zeigen, dass die Unterscheidung der so genannten Outsider Art marktgemacht ist, aber inhaltlich kaum sinnvoll.

Dafür holte er Arbeiten von Kollegen, die im Kunstbetrieb als Grenzgänger berühmt wurden, darunter Frühwerke von Kiefer, Beuys und Baselitz. Und wer Bewusstseinserweiterung ohne Drogen testen möchte, kann solange auf den Nachbau der von den Beatniks Brion Gysin und Ian Sommerville entwickelten "Dreammachine" mit Stroboskop-Effekt starren, bis man in Trance gerät und farbige Visionen sieht.

Auch Wölflis Machismo setzt Roland Wenninger inhaltlich einiges entgegen. Die Werke von Künstlerinnen, darunter von Valie Export und Nezaket Ekici, spielen provokant mit männlichen Macht-Fantasien und weiblichen Opfer-Rollen. Eine sinnfällige Ergänzung, ohne die Wölflis wahnwitziges Borderline-Opus zum Teil dann doch nur schwer verdaulich bliebe.


Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, ab Dienstag bis 25. Juli, Di - So, 11 - 18 Uhr. Tickets nur buchbar unter www.villastuck.de

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