Im Untergrund der Mode

Wie und wo Holger Sedlmayer mit seinem hide [m] versteckt die Avantgarde in München voranbringt
von  Niclas Kauermann
Der Laden in einem Untergeschoß in der Rosenheimerstraße.
Der Laden in einem Untergeschoß in der Rosenheimerstraße. © hide [m]

In Franz Kafkas „Verwandlung“ wird der Protagonist Gregor Samsa von der Gesellschaft verstoßen. Der Grund dafür ist sein verändertes Erscheinungsbild als Käfer. Im Verlaufe der Geschichte erkennt er, dass die Gesellschaft sein verwandeltes Aussehen nicht akzeptiert, und so muss er sich in seinem dunklen Zimmer versteckt halten. Es ist eine Metapher, die sich perfekt auf die avantgardistische Modewelt in München anwenden lässt. Doch was ist eigentlich diese avantgardistische Mode?

Ein Laden in München, der als eine der wichtigsten Anlaufstellen für avantgardistische Mode weltweit gilt, hält einen Hinweis auf diese Frage schon in seinem Namen: hide [m] - versteckt in München.

Er liegt am Rosenheimer Platz und ist dennoch nicht so leicht zu finden. Wer ein großes Schaufenster mit einer Reihe von schick eingekleideten Schaufensterpuppen erwartet, wird nicht fündig. Lediglich ein kleines Klingelschild an einem Mehrfamilienhaus trägt die handgeschriebene Aufschrift hide [m]. Traut man sich zu klingeln und werden einem die ersten Tore geöffnet, muss man mit dem Aufzug hinab in den Keller. Erst dann eröffnet sich einem eine versteckte Welt der avantgardistischen Mode.

„Ich will keinen erziehen oder umwandeln“

Das Versteckspiel ist einer dieser Punkte, der diese spezielle Modewelt ausmacht. Verstecken bedeutet hier aber nicht, ungesehen bleiben zu wollen. Es bedeutet eher, sich gezielt auszusuchen, von wem man gesehen wird. „Ich will keinen erziehen oder umwandeln“, erklärt Holger Sedlmayer, der Inhaber von hide [m], „Die Leute, die hier reinkommen, verstehen die Geschichten hinter den Kleidungsstücken, weil sie gezielt danach gesucht haben.“ Diese dunkle Modewelt, die Sedlmayer für seinen Laden sucht und kuratiert, möchte sich bewusst von Fast-Fashion-Unternehmen abheben: So wie sich ein Sternekoch nicht in einer Food-Mall neben Fast-Food-Ketten niederlassen würde.

Holger Sedlmayer betreibt das hide (M) in Haidhausen.
Holger Sedlmayer betreibt das hide (M) in Haidhausen. © privat

Dunkel sind hier unten in Sedlmayers Refugium aber nur die edlen Kreationen. Sein Laden ist groß und in neutralem Weiß gehalten und wird über ein Dachfenster erleuchtet. Man fühlt sich wie in einem Museum, in dem lichtweiße Wände die modischen Kunstwerke zur Geltung bringen. Diese Atmosphäre wird verstärkt durch eine Skulptur, die einem beim Betreten des Ladens begegnet. Sie besteht aus einem losen Outfit ohne Träger oder Puppe. Festgehalten in einer fallenden Bewegung schwebt die Kleidung vor der Wand. Der deutsche Modedesigner Leon Emanuel Blanck hat sie entworfen. Er ist dafür bekannt, auch seine Kleidung so zu konstruieren, dass sie immer wie in Aktion wirkt. Seine Schnitte sind so, dass Jacken angewinkelte Ärmel haben oder die Hosenbeine nach hinten wegknicken.

Auch das charakterisiert die avantgardistische Mode, die Sedlmayer verkauft: Es ist das Kleidungsstück, das in Bewegung ist, und nicht sein Träger. Die Kleidung steht im Mittelpunkt, der Kunde führt sie spazieren. „Entweder es passt oder es passt nicht“, erklärt Sedlmayer, „die hier vertretenen Designer haben ihre Schnitte, ihre Philosophie und wollen diese auch nicht an irgendwen anpassen.“ Mode wird hier zum Kunst- und nicht zum Funktionsobjekt.

„Ich kenne mich mit Mode nicht aus“

Sedlmayer selbst war einer der Ersten, der die Kreationen von Leon Emanuel Blanck in seinem Laden aufnahm - 2012 war das. Sein Reich war damals noch deutlich kleiner. Er fing mit nur 20 Quadratmetern an, ein Zentrum für die avantgardistische Mode aufzubauen. „Einfach, weil es kein anderer gemacht hat“, erklärt er. „Das gab es in ganz München und Bayern einfach nicht.“

Doch das war nicht immer so: In den frühen 90er-Jahren verkaufte eine Reihe von Münchner Läden alternative Designer aus Antwerpen, Japan oder Österreich. Boutiquen wie „Klamotte“ in der Maximilianstraße 15, „Daisy of Jonas“ in der Trautenwolfstraße 5 oder „Pool“ in der Maximilianstraße 11 begannen avantgardistische Marken wie Yohji Yamamoto, Maison Martin Margiela oder Helmut Lang in München anzubieten.

Am Rosenheimer Platz fährt man mit einem Aufzug nach unten in den Modeladen hide [m]. Hier erwartet einem auch eine Modeskulptur von Leon Emanuel Blanck.
Am Rosenheimer Platz fährt man mit einem Aufzug nach unten in den Modeladen hide [m]. Hier erwartet einem auch eine Modeskulptur von Leon Emanuel Blanck. © hide m

Aber diese Art von Mode - die sich eher auf das Handwerk hinter den Klamotten fokussierte - schaffte es nicht, sich gegen die glitzernden Schaufenster der benachbarten Läden durchzusetzen. Dementsprechend mussten viele dieser Läden Anfang der 2000er-Jahre wieder schließen. Daraufhin gab es für lange Zeit keine avantgardistische Mode mehr in München.

Dies wollte Sedlmayer wieder ändern. Ursprünglich war er ein Fan von Dior unter Hedi Slimane gewesen. Als er jedoch eines Tages einen Schuh der Marke „Carpe Diem“ in der Hand hält, ändert sich sein Blickwinkel: Wozu diese Mode von Dior, die nur auf Namen und Werbung basiert, fragt er sich.

Mit der Schere geschnitten

Denn was in seinem Laden verkauft wird, ist keine Mode im Sinne von aktuellen Trends, verkauft durch große Markennamen. „Ich kenne mich mit Mode auch überhaupt nicht aus“, meint Sedlmayer. Und das ist der dritte Charakterzug dieser Kleidung: Viele der Stücke, die hier verkauft werden, sind handgefertigt - von Kopf bis Fuß. Die einzige Technologie, die manche Teile hier gesehen haben, ist das EC-Kartenlesegerät, wenn sie über die Theke wandern. Kein Laserschneidegerät, keine Nähmaschine hat es gebraucht, um die Sachen zu fertigen, sie werden mit der Schere geschnitten und anschließend handgenäht.

Hart wie der Käferpanzer von Kafkas Gregor Samsa sind auch die Lederjacken hier. Ein Zeichen dafür, dass das Leder nicht künstlich bearbeitet oder mit Chemie behandelt wurde.

Und auch der Schmuck, der hier unten bei hide [m] verkauft wird, ist handgefertigt und stammt aus der Nachbarschaft. Die Marke, um die es sich hier handelt, trägt sogar mehr als nur den Anfangsbuchstaben der bayerischen Kulturmetropole in ihrem Namen: Werkstatt München. Auf der anderen Seite der Isar, mitten in Sendling, liegt ihre Werkstatt seit fast 30 Jahren. Gegründet von Klaus Lohmeyer vereint sie ein Kollektiv aus Handwerkern, Modedesignern und Künstlern, die zusammen langlebige Schmuckstücke herstellen, die in Zukunft dann in „Omas Schmuckkästchen“ an eine nachfolgende Generation weitervererbt werden können.

Wegbereiter sein

Die einzelnen Stücke werden nach traditionellem Handwerk hergestellt und kommen ohne chemische Bearbeitung aus. Mit dieser auf das Material fokussierten Arbeitsweise hat sich Werkstatt München einen großen Namen gemacht und stellt ihre neuen Kreationen jährlich in Paris aus. Das ist ein weiterer Punkt, der avantgardistische Mode ausmacht: der handwerkliche Fokus. Und ein letztes Kennzeichen ist das innovative Experimentieren mit Materialien oder Verarbeitungen.

So entstand auch der Begriff „Avantgarde“ selbst. Eigentlich stammt er aus der Militärsprache. „Vordere Wache“ wäre es auf Deutsch, und beschrieb zunächst Erkundungstrupps, die in vorderster Linie nach dem Feind Ausschau hielten, bevor die restlichen Truppen nachrückten. Übertragen auf die Kunst und Mode bedeutet es: Wegbereiter sein, Sachen ausprobieren, bevor sie von der Industrie übernommen werden.

Die Avantgarde schreitet weiter voran

Einer dieser experimentellen Designer, die im hide [m] zu finden sind, ist der Münchner Boris Bidjan Saberi. In seinem Atelier in Barcelona führte er lange Zeit auch ein Labor, in dem er neue Produktionswege zum Herstellen seiner Kleidung herausarbeitete. Einer davon ist zum Beispiel das Konzept der Körperformung, bei dem der Schnitt eines Kleidungsstücks direkt am Körper erfolgt und nicht wie üblich auf dem Papier. Mit diesen Techniken schaffte Boris Bidjan Saberi es, die Pariser Modewelt für mehrere Jahre in seinen Bann zu ziehen.

Gregor Samsa wird in Kafkas „Die Verwandlung“ als Fremdkörper erschlagen. Die avantgardistische Modewelt in München aber wächst weiter. Am ersten September hat Sophie Reuter mit ihrem Laden „Monolyt“ in der Weißenburger Straße 24 ein weiteres Zentrum für avantgardistische Mode in München eröffnet. Zwar gibt es ein Schaufenster, doch eine Klingel bleibt, um auch hier den persönlichen Kontakt mit den Kunden zu forcieren. Denn auch sie bietet Kleidungsstücke an, die aus traditioneller handwerklicher Fertigung stammen.

Ein ganz neuer Laden für Avantgarde-Mode: Das Monolyt in der Weißenburgerstraße 24.
Ein ganz neuer Laden für Avantgarde-Mode: Das Monolyt in der Weißenburgerstraße 24. © Monolyt

Gleichzeitig formiert sich eine neue Generation an avantgardistischen Designern aus München. Karl Luis Gebhardt hat dieses Jahr seine Bachelor-Kollektion an der Modeakademie in Antwerpen vorgestellt. Dabei hat er traditionelle Herrenschneiderei mit Formationen aus der Natur verbunden - mit Bergzügen, die aus den Schultern seiner Anzüge herauswachsen, oder mit den Konturen von Küsten, die als Grundlage seiner Schnitte dienen.

Avantgardistische Mode bedeutet heute nicht, sich nur im Dunkeln zu verstecken. Es geht darum, in einem Zeitalter von Fast-Fashion-Marken, „als Entschleunigung“ aufzutreten, erklärt Sedlmayer. Das Tempo wird herausgenommen, indem die Designer ihren Fokus wieder auf das traditionelle Handwerk legen, das sie dann mit innovativen Designs ergänzen.

Holger Sedlmayers hide [m] in der Rosenheimer Str. 44

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