Höheflüge auf der Art Basel - deshalb bleibt sie die wichtigste Kunstmesse der Welt
Die Millionen werden hin und hergeschoben, und doch geht es in diesem Jahr fast angenehm entspannt zu. Zumindest wenn man die Sicherheitschecks am Eingang der Art Basel passiert hat. Die Scanner und Taschenlampen irritieren zwar noch, aber auch in der soliden Schweiz und auf der weltweit größten und wichtigsten Kunstmesse geht man auf Nummer sicher. Die letzten Schranken öffnet dann der Barcode des Tickets, und huch - schon steht man vor einem Dutzend Polizeiuniformen mit Schlagstock, Beretta und Handschellen.
Chris Burden erlaubt sich dieses Schockaufgebot. Tatsächlich sind es bloß die schwarzen Anzüge, für die man erst einmal die Zwei-Meter-Hünen finden müsste. 1993 hat er mit 30 dieser martialischen Ausrüstungen auf den Freispruch mehrerer Cops reagiert. Sie wurden nach einer Prügelattacke auf den schwarzen Autofahrer Rodney King flugs entlastet, obwohl der Videomitschnitt etwas anderes nahegelegt hatte.

Schwarze Cop-Uniformen wirken mit Wucht
Unwillkürlich muss man an den Tod von George Floyd und die Black-Lives-Matter-Bewegung denken. Die Uniformen-Parade wirkt in dieser Wucht bis heute. Aber alles sprengt hier die üblichen Dimensionen, der Titel „Unlimited“ ist Programm. Die Galerien nutzen die Gelegenheit, besonders ausladende Werke vorzuführen, und die Kuratoren setzen auf kritische Kunst.
Das beschert auch Rembrandts „Nachtwache“ einen opulenten Auftritt, allerdings in einer Version mit Knüppeln. Eduardo Arroyo hat damit 1975 auf den Tod von Diktator Franco reagiert. Dagegen ist Yoyoi Kusamas kosmische Riesenblume ein bunter Hingucker, der den perfekten Hintergrund fürs obligatorische Erinnerungsfoto liefert.
Picasso geht immer - und vor allem schnell weg
Irgendwas muss man ja von der Art mitbringen. Nicht jeder kann sich einen Picasso für 35 Millionen Dollar leisten. Oder Kapuzenmänner von Phil Guston, die bei 15 Millionen Dollar liegen. Das sind freilich Ausreißer nach oben, aber siebenstellige Beträge keine Seltenheit. Gagosian bietet zum Beispiel ein in Formaldehyd versenktes schwarzes Schaf von Damien Hirst für 3 Millionen Dollar. Und eins ist gewiss, es wird einen Stall finden.

Helen Frankenthaler sorgt für Fulminanz
Auch der erst letzte Woche verstorbene David Hockney sorgt für Spitzenpreisen. Bei Gary ist sein „Studio Interior“ für 8,5 Millionen Dollar im Angebot. Zwei kopfüber schwebende Frauen von Georg Baselitz sind bei Thaddaeus Ropac mit 1,9 Millionen Euro angesetzt. Und schließlich gehen nicht nur nach dem Tod, sondern auch durch Ausstellungen die Summen nach oben. Für Arbeiten der in Europa sträflich vernachlässigten Helen Frankenthaler, die im Kunstmuseum Basel mit einer fulminanten Schau gefeiert wird (bis 23. August 2026), muss man bei Yares Art zwischen 2 und 5,8 Millionen Dollar hinblättern.
Um das Außergewöhnliche der Messe zu betonen, hat sich die Art übrigens eine neue Initiative einfallen lassen, und die meisten Galerien sind bei „Basel Exclusive“ dabei. Das heißt, sie haben Werke bis zur VIP-Preview am Dienstag zurückgehalten und nicht bereits vorab irgendwo gezeigt.

Für „Basel exclusive“ wird auch mal auf Instagram gelöscht
Der belgische Künstler Hans Op de Beeck musste deshalb im Eiltempo den dokumentierten Entstehungsprozess seiner aktuellen und wie immer grau-in-grauen Skulptur „Cécile“ (110.000 Euro) bei Instagram löschen. Die Art-Verantwortlichen haben noch mal ein Auge zugedrückt. Aber das Live-Erlebnis von Kunst und die Entdeckung des „Ungesehenen“ spielen nach wie vor die entscheidende Rolle. Auch bei den jüngeren Sammlern, die in erstaunlich großer Zahl unterwegs sind, und selbst bei den Digital Natives, die langsam für den Kunstmarkt interessant werden.
Sich durchs Netz zu klicken, ist halt doch fad im Vergleich zu einem Rundumerlebnis. Von der berühmten Aura mal ganz zu schweigen. Dass die Art Basel Ableger in Miami Beach, Hongkong, Paris und seit Februar außerdem noch in Katar hat, kommt ja nicht von ungefähr.

Gerade auch „Zero 10“, der neue Sektor mit Digitaler Kunst, profitiert vom Ausprobieren vor Ort. Raffaelo Lonzano-Hemmer etwa arbeitet mit einem spiralförmig-parabolischen Bildreflektor, der mit einer Kamera samt integrierten Algorithmen ausgestattet ist. Stellt man sich davor, wird das Gesicht in Echtzeit extrahiert und verwirbelt, nun ja, ins Nirwana oder in die Ewigkeit rotiert. So genau weiß man das nicht.
Ratzfatz landet man im „Schwarzen Loch“ und verwirbelt
Gerade auch „Zero 10“, der neue Sektor mit Digitaler Kunst, profitiert vom spielerischen Ausprobieren vor Ort. Rafael Lozano-Hemmer etwa arbeitet bei seinem jüngsten Werk mit einem spiralförmig-parabolischen Bildreflektor. Im Zentrum befindet sich eine Überwachungskamera, man könnte auch sagen, ein „Schwarzes Loch“, das die Blicke der Betrachter verfolgt und zugleich aktiviert wird. Wer davor steht, sieht plötzlich das eigene Konterfei, ganz kurz nur, und schon wird es verwirbelt und beginnt sich aufzulösen. Ist das womöglich die Warnung vor zu vielen Selfies?

Gleich nebenan blüht Leander Herzogs „Infinite Garden“, und es wird einem fast schummrig von den ständig neuen Farben und Formen. Dieses sich wandelnde Ökosystem reagiert auf Jahres- und Tageszeiten, ja sogar auf die Aktivitäten der potenziellen Sammler, erklärt der Schweizer Künstler. Und das auf der Basis der Blockchain. Man kann ihm kaum widersprechen, denn wer kapiert das schon?
Im unendlichen Garten sorgen Algorithmen für tolle Blüten
Nichts würde sich bei dieser digitalen Flora wiederholen, sagt Herzog. Aber das ist, mit Verlaub, in der realen Natur nicht anders. Doch egal, auf diese Weise gewinnen auch Anhänger der klassischen Genres eine Vorstellung davon, was beim Basteln mit Bits, Bytes und Algorithmen am Ende herauskommt. Offen bleiben, lautet die Devise, um dann doch die wohnzimmertaugliche Flachware zu erwerben. Die funktioniert immerhin ohne Strom, das kann nicht so verkehrt sein.

Debora Schamoni hat eine starke Schnecke dabei
Und sonst? Aus München sind mittlerweile nur noch drei Galerien vertreten. Das sollte man nicht überbewerten, zumal dieses Trio wacker die Stellung hält. Da wären die unverwüstlichen - und finanzierbaren - Editionen, die Knust und Kunz präsentieren. Deborah Schamoni, die weit draußen an der Mauerkircherstraße ihre Galerie führt, überzeugt mit einem frischen jungen Programm. Die hintersinnige Backsteinschnecke, die sie von Judith Hopf dabei hat (50.000 Euro) ist ein Knüller. Und Rüdiger Schöttle darf man ohnehin als Phänomen bezeichnen.
Er serviert Klassiker wie Stephan Balkenhol, Candida Höfer oder Karin Kneffel, hat aber auch immer ein Auge auf die Neulinge aus der Akademie. Und mit der Konzeptkünstlerin Goshka Macuga ist er diesmal sogar auf der Unlimited vertreten. Vom Zusammenschluss der europäischen Kunstgalerien erhielt der staubtrockene Schwabe nun den Preis für sein Lebenswerk. Die Laudatio hielt Chris Dercon, einst Chef am Haus der Kunst und mittlerweile Generaldirektor der noblen Fondation Cartier in Paris, gleich vis-à-vis des Louvre. Was will man da mehr?
Art Basel, 18. bis 21. Juni 2026, Tagesticket 70 CHF, mehr auf www.artbasel.com
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