Kritik

Grünwald: Karl Valentin und seine Mittelaltermarotte

Eine Ausstellung zeigt am passenden Ort „Karl Valentin und die alten Rittersleut“. Dabei erfährt man viel über den großen Münchner Künstler
von  Peter Gratz
Szenenfotografie aus „Ritter Unkenstein“, 1939: Karl Valentin (li., 1882 - 1948) und seine langjährige Partnerin Liesl Karlstadt (1892-1960).
Szenenfotografie aus „Ritter Unkenstein“, 1939: Karl Valentin (li., 1882 - 1948) und seine langjährige Partnerin Liesl Karlstadt (1892-1960). © Eduard Sohler, Nachlass Karl Valentin, Universität zu Köln

Dass Karl Valentin - der grantelnde Parademünchner - aufgrund seiner sächsischen Vorfahren Protestant war, wissen die wenigsten. Dass er am Ende Planegger war, ist schon bekannter. Denn hier verhungerte er - menschenscheu und auch Menschenfeind - nicht gerade beliebt in den Nachkriegsmangeljahren in Februar 1948. Dass er für Jahre auch Grünwalder war, ist wiederum relativ unbekannt.

Die Komödie „Raubritter von München“, die in Nachtvorstellungen an den Kammerspielen gezeigt wurde.
Die Komödie „Raubritter von München“, die in Nachtvorstellungen an den Kammerspielen gezeigt wurde. © Eduard Sohler, Nachlass Karl Valentin, Universität zu Köln

Dem Bombardement Münchens ausweichend wohnte Valentin von 1941 bis 1943 im Hotel neben der Burg in Grünwald. Das war kein Zufall. Denn der Komiker, Künstler, Schauspieler, Dramatiker und Regisseur hatte ein leidenschaftliches Interesse an Rittern und Mittelalter. Das spiegelt sich in vielen seiner Werke, nicht zuletzt im Spottlied „Ja, so warn’s, die altn Rittersleut“. Passend hierzu ist auf der Burg Grünwald zur Zeit die Ausstellung „Karl Valentin und die alten Rittersleut“ zu sehen.

Im Hotel neben der Burg Grünwald wohnte Karl Valentin in den Kriegsjahren 1941 bis 1943.
Im Hotel neben der Burg Grünwald wohnte Karl Valentin in den Kriegsjahren 1941 bis 1943. © Peter Gratz

Valentin machte selbst archäologische Grabungen

Die von Reinhard Wittmann kuratierte Ausstellung ist im ersten Stock. August Everding wohnte als Generalintendant der Bayerischen Staatstheater von 1978 bis 1993 auf der Burg und empfing im Saal seine Gäste. Jetzt kann man hier in die Werk- und Lebensgeschichte Valentins zwischen 1915 und 1943 eintauchen - mit dem Schwerpunkt auf Valentins Mittelalter-Begeisterung - wie die Entwicklung seiner grotesken Komödie „Die Raubritter von München“ - ein Stück, das als Langläufer als Nachtprogramm der Münchner Kammerspielen immer um Viertel nach zehn Uhr gezeigt wurde und auch auf Burg Grünwald verfilmt werden sollte.

Dazu sieht man auch Valentins Brief an den NS-Reichsfilmdramaturgen für eine Drehgenehmigung. Zur Vorbereitung auf das Filmprojekt soll sich Valentin - während seines Aufenthalts im Süden Münchens über der Isar - auch täglich viele Stunden mit dem Spaten „Ausgrabungen“ auf dem Burggelände gewidmet haben. Wozu passt, dass die Burg Grünwald heute eine Außenstelle der Archäologischen Staatssammlung ist. Der Verein „Forum Humor und komische Kunst“ hat hier jetzt - neben den Exponaten und Erklärungen zu Valentins „Die Raubritter von München“ - auch Material und Dokumentationen von Valentins „Ritterspelunke“ ausgestellt. Ab 1939 betrieb und bespielte Valentin dazu Räume am Färbergraben 33 inklusive Theaterbetrieb und Gruselkeller. Heute ist hier das Hirmer-Parkhaus.

Der gerade herausgekommene Karl-Valentin-Kalender.
Der gerade herausgekommene Karl-Valentin-Kalender. © Volk Verlag


Die Exponate auf Burg Grünwald hat Reinhard Wittmann aus dem Archiv der Universität zu Köln und von der Erbengemeinschaft Valentins zur Verfügung gestellt bekommen - darunter maschinengeschriebene Filmskripte, Illustrationen seines Freundes und Bühnenbildners Ludwig Greiner und ein handgemaltes Moritatenplakat.

Die Herkunft dieser Dokumente offenbart eine peinliche Posse. Denn der Großteil des Nachlasses des Münchner Originals - oft schon vom akribischen, peniblen Meister persönlich archiviert - befindet sich in Köln. Die Stadt München wollte Anfang der 50er Jahre keine 7000 DM für den Nachlass von Karl Valentin bezahlen, sodass das Erbe dieses großen Münchner Allround-Künstlers seitdem auf Schloss Wahn in Köln lagert.

Der Theaterwissenschaftler Carl Niessen - in der NS-Zeit Befürworter eines völkischen Theaters, Professor und SA-Truppführer - hatte den Nachlass nach dem Verzicht der Stadt München aus eigener Tasche erworben. Nach seinem Tod ging das Material, gelagert in einem nicht allzugroßen Stahlschrank, in die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln ein.

In Grünwald kann man jetzt aber nicht nur Exponate bestaunen. Die Besucher dürfen auch mit der Ausstellung interagieren. So gibt es QR-Codes, über die man am Smartphone Aufnahmen anhören kann. Weiters kann man seine eigene Strophe zu „Ja, so warn’s, die altn Rittersleut“ dichten. Kinder können einen Ritter nach Valentin-Art (mit Knubbelnase und riesigem Schnauzbart) zeichnen.

bis 15. November, Burg Grünwald, Zeillerstraße 3, Mi - So, 10 bis 17 Uhr, 4 / 2 Euro. Kinder und Schüler: Eintritt frei. Begleitprogramm: archaeologie.bayern.de

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