„Eingestellte Gegenwarten“ im Lenbachhaus
Franz Wanner ist - im positiven Sinn - eine Nervensäge. Der 1975 in Bad Tölz geborene Künstler sucht Orte auf, deren Vergangenheit nur zu gerne vergessen wird. Er stellt scheinbar einfache Fragen. Er zeigt vermeintlich harmlose Bilder und setzt diese so zusammen, dass sie im Kontext ihre Unschuld verlieren. Wanner hat eine Ausbildung als Fotograf und Filmer absolviert. Bild- und Ton-Dokumentation bei suggestiver Montage-Technik in der Tradition von Harun Farocki hat er zu seiner künstlerischen Praxis gemacht.
Nun zeigt das Lenbachhaus einige seiner jüngsten Recherchen unter dem sperrigen Titel „Eingestellte Gegenwarten“. Und auch die verborgene Wirklichkeit, die er an die Oberfläche holt, sperrt sich einer einfachen Aufarbeitung. Die kompakte und umso inhaltsreichere Präsentation im Georg-Knorr-Saal ist Teil einer Kooperation mit dem Berliner KINDL - Zentrum für zeitgenössische Kunst und dem Kunsthaus Meran.
Die eigene Familiengeschichte war es, die ihn einst zur Nachforschung animierte: Er fand heraus, dass im urgroßväterlichen Sägewerk in Dietramszell zur NS-Zeit Zwangsarbeiter schufteten. Und spätestens seit „Dual-Use“ 2026 fürs Lenbachhaus über die militärische und zivile Nutzung von Technologie, arbeitet Wanner investigativ - und sehr genau. Das Thema Zwangsarbeit im weiteren Sinne ließ ihn aber nie mehr los und führte ihn auch für eine Reihe von Feldstudien unter anderem nach Südtirol.
Der Tod von etwa zwei Millionen Menschen wurde billigend in Kauf genommen
Etwa 13 Millionen Personen mussten während der Nazi-Zeit Zwangsarbeit auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches verrichten. Unter schwersten Bedingungen und ohne jeden Arbeitsschutz, sodass der Tod von etwa zwei Millionen Menschen mehr als billigend in Kauf genommen wurde. Von rund 30.000 Zwangsarbeiterlagern, darunter tausend KZ-Außenlager, sind heute noch zwei erhalten. Eines davon sind die acht Baracken in Neuaubing, deren Insassen im Reichsbahnausbesserungswerk geschunden wurden.

Exemplarisch in der Schau steht für Bedingungen, Opfer und Profiteure die von einem/r unbekannte/n Zwangsarbeiter/in für sich selbst gefertigte Schutzbrille aus Plexiglas, die 2006 im KZ Sachsenhausen gefunden wurde.
Wanner recherchierte über das Material, das seit 1933 von der Darmstädter Firma Röhm & Haas patentiert, hergestellt und von der NS-Rüstungsindustrie im Flugzeugbau verwendet wurde. Fast glitzernd schön sehen wiederum die 42 mehr oder weniger versengten Teststücke aus Plexiglas der Raumfahrtforschung aus, die der Spurensucher auf verschlungenen Wegen herbeischaffen konnte.

Darüber hinaus ist Found-Footage-Filmmaterial von 1943 zu sehen: Eine augenscheinliche Ausflugs-Idylle in Berlin-Lichtenberg mit Mutter und Sohn, durch die beiläufig im Hintergrund Zwangsarbeiterinnen eilen: zu erkennen an der Kluft mit Kopftuch und hastigem Schritt mit gesenktem Blick.
Die Erinnerung schreddern
Außerdem hört Wanner dem Sohn des norwegischen Widerstandskämpfers Haakon Sørbye zu, welcher zunächst ins Lager Natzweiler-Struthof kam und später in Ottobrunn 18 Stunden am Tag schuften musste. Dort war 1940 bis 1945 die „Luftfahrtforschungsanstalt München“ ansässig, in der Häftlinge eines KZ-Außenlagers und Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisteten. Heute ist hier nicht nur der Standort von Airbus, hervorgegangen aus einem Konglomerat von Rüstungsunternehmen (neben Dornier u.a. Messerschmitt-Bölkow-Blohm). Sondern auch von „Bavaria One“, Bayerns 2018 begründetem Raumfahrtprogramm.
Ein paar hundert Meter entfernt vom heutigen Ludwig-Bölkow-Campus der TU an der Willy-Messerschmitt-Straße gab es im Wald noch Fundamente und Kellerräume des einstigen Kriegsgefangenenlagers, in dem neben Sørbye einige hundert Menschen hausten. Da das einst im Besitz der Bundesrepublik befindliche Areal an Privat veräußert wurde, sind Dokumentation und Erhalt der Bausubstanz kein Thema, obwohl das Bayerische Denkmalamt sie als Bodendenkmal führt. Der heutige Besitzer begann, die Reste rauszureißen und zu schreddern.

Wichtigste Quelle für die Lager-Relikte, die amtlich heute zur Gemeinde Taufkirchen gehören, ist die Facharbeit „Im Zwang für das Reich“ des Ottobrunner Gymnasiasten Martin Wolf von 1995. Engagierte Lehrer und Schüler arbeiten seit vielen Jahren die lokale Geschichte auf.
Dem Freistaat indes ist es offensichtlich kein Anliegen, die dunkle Seite von Ottobrunns Tradition als Luftfahrttechnik-Standort sichtbar zu machen. Franz Wanner konnte zuletzt 2024 Betonsockel und zugeschüttete Schächte inspizieren. Unklar ist, was jetzt noch erhalten ist.
Bis 19. Juli, Lenbachhaus, Di bis So, 10 bis 18, Do bis 20 Uhr
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