Kritik

Ein Fastentuch für den Münchner Dom

Das Kunstwerk der kolumbianischen Künstlerin Lisa Granada schmückt bis Ostern die Frauenkirche
Roberta De Righi |
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Lisa Granadas „Cartografía inconclusa“ im Chorraum des Domes.
EOM/Johannes Seyerlein 2 Lisa Granadas „Cartografía inconclusa“ im Chorraum des Domes.
Lisa Granada bei der Arbeit am Fastentuch.
EOM/Johannes Seyerlein 2 Lisa Granada bei der Arbeit am Fastentuch.

Asche aufs Haupt und ein Vorhang vor Bilder: Das Fastentuch verhüllt in den Kirchen bis Ostern die Darstellungen Jesu. Nun knüpft ein zeitgenössisches Kunstwerk an prominenter Stelle an diese Tradition an: die textile Installation "Cartografía inconclusa" ("Unvollendete Kartografie") von Lisa Granada.

Seit Aschermittwoch schmückt das hauchdünne, aber erstaunlich konsistente Tuch den Chorraum der Frauenkirche, schwebt hoch oben, allerdings hinter dem monumentalen Kruzifix. Die "CartografÍa inconclusa" ist eine Collage, zusammengefügt aus den Hälften tausender verwendeter Teebeutel. Daher kommt auch der mal mehr, mal weniger intensive bräunliche Farbton der einzelnen Rechtecke.

Das Work in progress wurde 2016 begonnen, misst aktuell rund vier mal zehn Meter und fügt sich subtil in den sakralen Kontext ein, obwohl es nicht explizit dafür geschaffen wurde. Und auch wenn sie ihren Glauben ein wenig anders lebt, empfindet es Lisa Granada (geboren 1991 in Bogotá) als "große Ehre", dass sie mit ihrem Werk "als ausländische Künstlerin" in den Münchner Dom eingeladen wurde.

Relikte des Alltags auf eine höhere Ebene führen

Nach dem Studium in ihrer Heimatstadt ging sie zum Masterstudium nach Grenoble und wurde anschließend Meisterschülerin an der Stuttgarter Kunstakademie bei Mariella Mosler. Inzwischen lebt sie in München, hat hier Atelier und Familie. Relikte des Alltags auf eine höhere Ebene zu überführen und gemeinschaftliches Handeln performativ zu reflektieren, ist ein wesentlicher Teil ihres künstlerischen Schaffens. Dabei ist die Sisyphus-Arbeit mit den Teebeuteln nicht nur achtsames Material-Upcycling, sondern auch eine Art Zeitmosaik: Jedes einzelne Kompartiment steht für eine vergangene Zeiteinheit.

Lisa Granada bei der Arbeit am Fastentuch.
Lisa Granada bei der Arbeit am Fastentuch. © EOM/Johannes Seyerlein

Auch in anderen Projekten wird Granadas kritisch-reflektierte Haltung sinnlich erfahrbar, etwa in "Domino", einem Dominospiel mit Steinen aus Steinkohle. Wer damit spielt, macht sich zwangsläufig die Finger schmutzig. Damit setzte sich die Künstlerin nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 mit den Untiefen der rot-grünen Realpolitik auseinander. Bei der Suche nach Alternativen zu russischem Gas wurde man auch im größten kolumbianischen Steinkohleabbaugebiet El Cerrejón fündig – obwohl die damals mitregierenden Grünen den Abbau dort noch vor einigen Jahren gegeißelt hatten.

Anstatt wie von der kolumbianischen Regierung geplant, den Kohleabbau einzustellen, wurden die Kapazitäten hochgefahren. Mit deutlichen Auswirkungen auf die Umwelt: Indigene wurden umgesiedelt, Luft- und Wasserverschmutzung sind immens. Deutschland kauft bis heute die schmutzige Kohle aus Kolumbien.

Wie man Selbstzweifel meistert

Derzeit ist Granada für eine einmonatige Künstler-Residency in der größten Kaffeeanbauregion in Kolumbien. Seit sie einen kleinen Sohn hat, kreist ihr Nachdenken viel um die Vereinbarkeit von künstlerischer Arbeit und Mutterschaft. Eine Kombination, die einen, so die Künstlerin, dazu bringe, die eigenen Grenzen zu spüren, zu testen und zu überwinden.

Lisa Granadas „Cartografía inconclusa“ im Chorraum des Domes.
Lisa Granadas „Cartografía inconclusa“ im Chorraum des Domes. © EOM/Johannes Seyerlein

Aktuell denkt sie intensiv über das "Impostor-Phänomen" nach: Trotz Kompetenz und Erfolg im Beruf hat man Selbstzweifel und Angst, als Betrüger entlarvt zu werden. Zwischen Spagat zwischen künstlerischer und Care-Arbeit fühle man sich auch oft als Hochstaplerin, erklärt Granada. Darum stempelt sie Stück für Stück das Wort "Impostador" an die Wand. So liefert sie sich selbst, Stempel für Stempel, schwarz auf weiß den Beweis, dass sie mit der Arbeit noch keineswegs fertig ist.

Frauenkirche, bis 30. März

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