Das tragische Leben des Antoni Gaudí

Der Trambahnfahrer hupte vergeblich. Am 7. Juni 1926 rammte sein Gefährt am frühen Abend in Barcelona einen älteren Herren, der sich auf dem Weg zu seinem täglichen Gebet mit seinem Beichtvater befand. Das bewusstlose Unfallopfer war physisch ausgezehrt und ärmlich gekleidet, hatte keinen Ausweis und nur 25 Centimes in den Taschen, sodass sich zunächst kein Taxifahrer fand, den vermeintlichen Landstreicher in ein Krankenhaus zu fahren. Das geschah nur auf Druck der Polizei.
Mit einiger Verzögerung gelang es besorgten Freunden, den Vermissten in einem Armenkrankenhaus ausfindig zu machen. Sofort wurde Antoni Gaudí, der Schöpfer der Sagrada Família, aus dem 40 Mann fassenden Saal in ein Einzelzimmer verlegt. Drei Tage später starb der bis heute berühmteste Architekt der Mittelmeermetropole an den Folgen einer Gehirnblutung im Alter von 73 Jahren.
Gegen den Willen des zuletzt vollkommen asketisch neben der Baustelle seiner Sühnekirche lebenden Mannes wurde er mit großem Pomp und einem Staatsbegräbnis verabschiedet und - mit Genehmigung des Papstes - in der Krypta der Sagrada Família beigesetzt.
Zum 100. Todestag von Antoni Gaudí hat die Journalistin Kathrin Benz nun eine neue Biografie über den „Architekten Gottes“ herausgebracht. Sie arbeitet akribisch das Leben dieses Solitärs und Sonderlings auf, der auch in politisch bewegten Zeiten Bauten schuf, die noch heute von Millionen Menschen jährlich vor allem in Barcelona besucht und bewundert werden.

Geboren und aufgewachsen ist Gaudí in Reus im Süden Kataloniens in einer Familie, die seit Generationen vom Handwerk der Kesselschmiederei lebte. Darauf war Gaudí nicht nur Stolz, seine gelegentliche Mitarbeit in der väterlichen Schmiede formte auch seine räumliche Vorstellungskraft. „Ein Kesselschmied kann aus einer flachen Platte ein Volumen erzeugen“, sagte er einmal, „und bevor er mit der Arbeit beginnt, hat er es sich bereits plastisch vorgestellt.“ Daher rührte seine lebenslange Vorliebe für Architekturmodelle, Zeichnungen interessierten ihn weit weniger.
Lesen im großen Buch der Natur
Gaudí wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, Schicksalsschläge verdüsterten das Familienglück. Als er 1852 zur Welt kam, waren zwei seiner Geschwister bereits gestorben. Auch der kleine Antoní war ein kränkliches Kind, das häufig an den wilden Tobereien der anderen Kinder nicht teilnehmen konnte. Er vertiefte sich in die Betrachtung der Natur, erforschte die Struktur von Pflanzen, die schillernden Flügel eines Käfers, die Beschaffenheit eines Kiefernzapfens. All das würde später seine Bauten prägen. „Das große Buch der Natur ist immer aufgeschlagen, und man sollte sich die Mühe machen, es zu lesen“, war sein künstlerisches Credo. Der tiefgläubige Gaudí hätte sich niemals als Genie bezeichnet, er bediente sich einfach an Gottes Schöpfung. So nannte er einen Eukalyptusbaum, den er durch sein Fenster im Atelier vor der Sagrada Família sehen konnte, seinen „wichtigsten Lehrmeister“. Und wer die Sagrada Família betritt, steht wirklich in einem Wald angeschrägter Säulen.

Gemeinsam mit seinem Bruder Francesc besuchte Antoní das von einem Piaristenorden geführte Colegio in Reus, spätter gingen beide zum Studium nach Barcelona. Gerade in Arithmetik erhielt Gaudí bis zum Ende seines Studiums schlechte Noten und sein Rektor soll nach abgelegter Abschlussprüfung über Gaudí gesagt haben: „Heute haben wir einen zum Architekten gemacht, der entweder ein Spinner oder ein Genie ist.“
Die Freude über seinen endlich geschafften Abschluss - er war zuvor fünf Mal durch einzelne Prüfungen gefallen - währte nur kurz. Erst starb sein Bruder Francesc mit 25 Jahren an Tuberkulose, dann erlosch der Lebenswille seiner Mutter endgültig. Sein Vater gab die Werkstatt in Reus auf und zog zu Antoní nach Barcelona, wo auch noch die Schwester Rosa samt trunksüchtigem Ehemann und gemeinsamer Tochter Roseta lebte. Die Rumpffamilie war nun wieder zusammen in einer Stadt.

Eine Vitrine brachte den Durchbruch
Gaudís erste Aufträge als Architekt waren Entwürfe für eine Arbeitersiedlung und öffentliche Toilettenanlagen. Beide wurden nicht realisiert. Die Wende brachte seine prunkvoll gestaltete Vitrine für ein Handschuhgeschäft, das seine Produkte auf der Weltaustellung 1878 in Paris präsentierte.

Gaudí gewann eine Silbermedaille, viel wichtiger aber war, dass die Vitrine einem Mann in Paris auffiel: Eusebi Güell i Bacigalupi, 32 Jahre alt, Lokalpolitiker in Barcelona, Unternehmer, einer der reichsten Männer Spaniens - und wie Gaudí ein glühender katalanischer Nationalist. Zurück in seiner Heimat setzte er sich mit dem jungen Schöpfer der Vitrine in Verbindung und es begann eine Jahrzehnte währende Freundschaft und Zusammenarbeit, die nicht nur Barcelona veränderte.
Der Mann, den die Frauen nicht liebten
Zunächst aber traf Gaudí ein weiterer Schicksalsschlag. Seine Schwester Rosa starb mit 34 Jahren. Ihr Ehemann machte sich aus dem Staub und der Architekt und sein Vater nahmen die dreijährige Roseta in ihren Haushalt auf.
Gaudí, der in seinen jungen Jahren auch zwischen Theatern und Cafés pendelte, bevor er sich zum Asketen entwickelte, unternahm wenige, aber ernsthafte Versuche, um eine Frau zu finden. Vergeblich. Nach einer besonders schmerzhaften Abfuhr im Jahr 1889, beschloss er das Thema ad acta zu legen. Fortan widmete er sich ausschließlich der Architektur, Gott und dem katalanischen Nationalismus.
Gaudís erstes Haus in Barcelona ist eine dreistöckige Luxusvilla, die er für den Börsenmakler Manuel Vicens i Montaner baute. Sie ist noch tief inspiriert vom Orientalismus im Mudéjar-Stil. Aber Gaudí wurde schnell mutiger.

Im März 1883 übernahm er bereits die Leitung über den 1882 im Auftrag der Josefsbruderschaft begonnenen und allein mit Spenden finanzierten Bau der Sagrada Família. 1886 startete er die Arbeit am „Palau Güell“, den er einschließlich des Mobiliars für seinen Mäzen gestaltete, wobei er bisweilen den Handwerkern mit seinen peniblen Anweisungen und ständig neuen Ideen gehörig auf die Nerven ging. Gaudís Bauten erzählen Geschichten, und so schwebt über dem Portal ein Phönix als Sinnbild für die Renaixença, die Wiederbelebung der katalanischen Sprache und Kultur.
Seine Bauen wurden geliebt und verspottet
Im Jahr 1900 begann er mit dem „Parc Güell“, der eine Wohnsiedlung beinhalten sollte, die aber mangels Interessenten auf zwei Häuser beschränkt blieb. In eines zog Gaudí schließlich selbst ein.
Auch die „Casa Batlló“ und die „Casa Milà“, die den Spitznamen „La Pedrera“, „der Steinbruch“ erhielt, zählen heute neben fünf anderen Bauten Gaudís zum Unesco-Weltkulturerbe. Zeitlebens aber erntete Gaudí aber auch viel Spott.
„Picasso verachtete Gaudís ästhetische Opulenz und Religiosität und betrachtete die Sagrada Família als Geldverschwendung“, schreibt Kathrin Benz. Noch deutlicher urteilt George Orwell, der 1937 aufseiten der POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit) im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Truppen gekämpft hatte, in seinem Erinnerungsbuch „Mein Katalonien“: „Ich bin der Ansicht, dass die Anarchisten schlechten Geschmack bewiesen, als sie die Kirche nicht in die Luft jagten, solange sie die Gelegenheit dazu hatten.“
Zum Jubiläum kommt der Papst nach Barcelona
Die anarchistische Gewalt hatte zu Beginn des Bürgerkriegs zur Vernichtung von fast 40 Kirchen in Barcelona geführt. Die Baustelle der Sagrada Familía blieb davon unberührt, aber das Atelier nebenan wurde in Brand gesteckt, alle Baupläne und Modelle Gaudís gingen verloren.
Der Kunsthistoriker Robert Hughes nennt den Bau der Sagrada Família „die Kopie eines nicht mehr vorhandenen Originals“. Aber das Urteil ist vielleicht zu hart, denn Gaudí sah, als er sich bewusst wurde, die Kirche nicht vollenden zu können, überhaupt kein Problem darin, dass sich seine Nachfolger in naher oder ferner Zukunft mit eigenen Ideen am stetig wachsenden Bauwerk verewigen würden. „Mein Kunde hat keine Eile“ hatte Gaudí einmal gesagt. Laut zigfach verschobenem Zeitplan soll die Sagrada Família, die seit einigen Monaten mit 172,5 Metern das Ulmer Münster als höchste Kirche der Welt abgelöst hat, Mitte der 30er Jahre fertiggestellt werden.
Zum 100. Todestag von Antoni Gaudí wird Papst Leo XIV kommenden Mittwoch in der Sagrada Família in die Krypta hinabsteigen, den Architekten ehren und nach einer Messe den neuen Jesus-Turm einweihen.
Kathrin Benz: „Antoni Gaudí - Der Architekt Gottes“ (wbg Theiss, 384 Seiten, 30 Euro)