Das Dorotheum wird zum Raubtierkäfig

Seit 1914 schleicht der Panther durch die Juweliergeschäfte, und die Liste seiner berühmten Trägerinnen wird immer länger. Mittlerweile ist die Raubkatze bei Taylor Swift angekommen. Als Anhänger. Am 22. Oktober 2026 versteigert das Dorotheum in Wien eine bedeutende deutsche Privatsammlung, in der die Panthère-Kollektion von Cartier eine besondere Rolle spielt. Am Dienstag sind die Objekte in der Münchner Dependance zu sehen. Mit dem Schmuckexperten des Auktionshauses hat die AZ über Kashmir-Saphire und getunte Diamanten, über Kultobjete und Ringe aus Popcornschachteln gesprochen.

AZ: Herr von Weitzel-Mudersbach, die großen Auktionshäuser werden über spektakuläre Gemälde und Rekordversteigerungen wahrgenommen. Wie steht es um den Schmuck?
CARL PHILIPP VON WEITZEL: Schmuck ist heute weit mehr als ein Luxusaccessoire. Spitzenstücke werden als Sammlerobjekte, als Kunstwerke, historische Zeugnisse und teilweise als Anlageobjekte verstanden. Da spielen Auktionshäuser eine zentrale Rolle, weil sie Preise sichtbar machen, Expertise bereitstellen und Käufer und Verkäufer zusammenbringen.
Was ist aktuell besonders gefragt?
Derzeit sind das seltene Farbedelsteine, außergewöhnliche farbige Diamanten, historischer Schmuck renommierter Häuser wie Cartier, Van Cleef & Arpels, Bulgari und Hemmerle und immer auch Schmuckstücke mit bedeutender Provenienz. Farbige Diamanten sind extrem selten und deshalb besonders begehrte Sammlerobjekte.

Glas ist nicht teuer, aber René Lalique hat daraus Millionen gezaubert
Welche Rolle spielt der Materialwert in Relation etwa zur Gestaltung?
Der Materialwert bildet oft die Wertuntergrenze, während ikonisches Design, Provenienz, Seltenheit und historische Bedeutung den eigentlichen Sammlerwert bestimmen können. Je stärker ein Schmuckstück als Kunst- und Kulturobjekt wahrgenommen wird, desto weiter kann sich sein Marktwert vom reinen Materialwert entfernen. René Lalique ist da ein schönes Beispiel: Nicht der Werkstoff Glas bestimmt den Preis, sondern die Verbindung aus ikonischem Design, künstlerischer Innovation, Seltenheit und Provenienz.

Sie haben Stücke aus der legendären Panthère-Kollektion im Angebot, die man sofort mit Cartier verbindet. Was hat es mit dieser Linie auf sich?
Der Panther ist erstmals 1914 auf einer Cartier-Uhr aufgetaucht. Seit den 1930er-Jahren hat die damalige Kreativdirektorin Jeanne Toussaint die Raubkatze zu einer dreidimensionalen Ikone entwickelt. Berühmt geworden sind die naturalistisch gestalteten Panthère-Schmuckstücke mit Diamanten, Onyx, Smaragden und Rubinen. Und es gab prominente Trägerinnen wie die Herzogin von Windsor, Wallis Simpson, für die Cartier viele spektakuläre Stücke schuf. Auch die Schauspielerinnen Maria Félix und Elizabeth Taylor trugen bedeutenden Cartier-Schmuck.
Ein besonderer Entwurf reißt es raus
Wie erkennt man Qualität?
Entscheidend sind Material, Verarbeitung, Proportionen und handwerkliche Ausführung: Sind die Edelsteine von hoher Qualität und möglichst unbehandelt? Sind die Fassungen präzise gearbeitet, die Oberflächen sauber und die Steine sicher gefasst? Ebenso wichtig sind Design, Alter, Seltenheit und Provenienz. Gerade bei Schmuckstücken ohne Label kann ein außergewöhnlicher Entwurf handwerklich und künstlerisch genauso von Interesse sein wie ein bekanntes Markenstück.

Man hört, am Dorotheum wird besonders genau untersucht. Betrifft das sämtlichen Schmuck?
Ja, das ist ein festes und konsequentes Prozedere - unabhängig davon, aus welcher Sammlung oder welchem Vorbesitz ein Stück stammt. Gerade die Gemmologie spielt dabei eine zentrale Rolle. Wir untersuchen die Edelsteine nicht nur auf ihre Qualität, sondern auch darauf, ob und wie sie behandelt wurden. Denn Behandlungen sind im Schmuckbereich grundsätzlich nichts Ungewöhnliches und auch nicht automatisch wertmindernd. Bei Saphiren und Rubinen beispielsweise ist eine Wärmebehandlung eine etablierte und akzeptierte Praxis, ebenso wird bei Smaragden traditionell mit Öl oder anderen Füllsubstanzen gearbeitet. Entscheidend ist, dass das dokumentiert und bei der Bewertung berücksichtigt wird.
Wenn Diamanten schwitzen, werden sie schöner
Wie können Diamanten „getunt“ werden?
Neben klassischen Behandlungen gibt es Verfahren wie Bestrahlung oder Hochdruck-Hochtemperatur-Behandlung. Damit kann etwa die Farbe verändert werden. Solche Eingriffe müssen zuverlässig erkannt und entsprechend ausgewiesen werden. Gerade weil die Behandlungsmöglichkeiten immer vielfältiger und die Fälschungen immer professioneller werden, ist eine saubere gemmologische Untersuchung heute wichtiger denn je. Am Ende geht es um Transparenz.
Ihr bisher aufregendstes Stück?
Auch wenn wir noch teurere Stücke in den Auktionen hatten, ist für mich die Rozet-&-Fischmeister-Diamantbrosche mit dem 18,695-karätigen, unbehandelten Kashmir-Saphir aus der Mai-Auktion ein wirkliches Highlight. Kashmir-Saphire gehören zu den seltensten und begehrtesten Saphiren überhaupt. Berühmt sind sie für ihr intensives, samtiges Kornblumenblau. Dazu kamen bei der um 1880 gefertigten Brosche rund 15 Karat Diamanten.
Audrey Hepburn glänzt auch mit einem Blechring
Haben das die Bieter auch honoriert?
Das Stück war mit 400.000 bis 600.000 Euro geschätzt und erzielte schließlich 779.002 Euro. Das zeigt sehr schön, weshalb außergewöhnlicher Schmuck weit über seinen reinen Materialwert hinausgehen kann.
Dabei geht es auch sehr günstig, wie Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ nicht ganz freiwillig demonstriert.
Richtig! Die berühmte Szene vor dem Schaufenster von Tiffany & Co. hat gerade deshalb eine solche Wirkung, weil sie zeigt: Schmuck muss nicht zwangsläufig unbezahlbarer Luxus sein, um Emotion und Stil zu vermitteln. Entscheidend ist, was ein Stück ausstrahlt und welche Geschichte man damit verbindet. Bei Holly Golightly war es am Ende ein Blechring aus der Popcornschachtel. Allerdings mit Tiffany-Gravur.
Dorotheum München: „Von Cartier bis Hermès - 100 Highlights einer bedeutenden deutschen Kollektion“, am Dienstag, 16. September 2026, 10 bis 17 Uhr, Galeriestraße 2, www.dorotheum.com