Comic-Drachen und denkende Beeren in Erlangen

„Walter wird sich das sicher mal anschauen, aber jetzt sitzt er gemütlich auf Mallorca und feiert noch ein bisschen 69. Geburtstag“, sagt Christine Vogt. Die Direktorin der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen gehört zu den ganz wenigen, die Moers kennen. Ihr konnte sich das Phantom nicht entziehen, Vogt hat die erste Museumsausstellung dieses unfassbar kreativen Zeichners und Autors gestemmt. Und nun führt sie im rappelvollen Stadtmuseum Erlangen durch den Moersschen Kosmos.
Aber klar, während des Comic Salons wird die Stadt geflutet, und der Erfinder von Käpt’n Blaubär und dem „Kleinen Arschloch“ oder vom dichtenden Drachen Hildegunst von Mythenmetz steht bei den Anhängern grafischer Erzählkünste weit oben in den Charts. Und Erlangen mutiert vier Tage lang zu ihrem Mekka.

Profitiert der alte Lucky Luke
am Ende vom Manga-Hype?
300 Verlage, Händler, Hochschulen sowie viele Solokünstlerinnen und -künstler stellen ihr Programm vor. Hinzu kommen mehr als 200 Veranstaltungen, oft mit den Stars der Szene, und zehn Ausstellungen - die Sparmaßnahmen nimmt man kaum wahr. Das dürfte bis Sonntagabend rund 25.000 Besucher anziehen. Insofern ist der Begriff Salon und was man damit verbindet, eine heftige Untertreibung.
Man fing halt mal klein an, aber die Branche hat sich auch im einstigen „Comic ist Schund“-Land so famos entwickelt, dass einer wie Volker Hamann mit der Besprechung von herausragendem deutschen Stoff längst nicht mehr in Not ist. Der langjährige Herausgeber der Branchenmagazine „Alfonz“ und „Reddition“ sieht vor allem den zeichnerischen Nachwuchs, der mittlerweile an den Hochschulen gute Ausbildungsmöglichkeiten hat. Gerade auch bei erfolgreichen Könnerinnen wie Anke Feuchtenberger und Barbara Yelin.
Wie lange hält der Manga-Hype noch an?
Den Manga-Hype sieht er mit gemischten Gefühlen. Der halte zwar einige Verlage am Laufen, Querfinanzierungen würden aufwendigere Comic-Projekte ermöglichen. Doch ein Hoch ist irgendwann vorbei. Insofern hofft Hamann, dass die Manga-Fraktion auch zu Graphic Novels wie Martin Oeschs „Fleischeslust“ und der amüsant erzählten Rilke-Fiktion von Melanie Garanin greifen würden.

Oder zu den engagierten Arbeiten von Lisa Frühbeis. Die Münchnerin, die es nach Augsburg gezogen hat, ging den Geschichten von Menschen ohne Papiere nach. Unter dem Titel „Schattenleben“ hat sie gemeinsam mit dem Journalisten Jonas Seufert vier heftige Schicksale recherchiert und gezeichnet. Darunter Brienne aus Thailand, die nach Deutschland gelockt wurde, um als Zwangsprostituierte fast zugrunde zu gehen. Oder Charlotte aus dem Senegal, die ihr Kind quasi auf der Straße bekommen hat.
Aus München: Eine Lanze für die Demokratie
Manches lässt sich im Comic besser vermitteln. Das zeigt auch der Beitrag des Münchner Comic-Festivals „Demokratie verteidigen“ in der Stadtbücherei - mit pointierten Kommentaren von Horst Haitzinger, Uli Oesterle oder dem AZ-Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der sich Friedrich Merz vorgeknöpft hat.
Direkt angegliedert ist das Kunstpalais mit der besonders anregenden Schau „Christoph Niemann. Auf den Punkt gebracht“. Wer die Ausstellung im Literaturhaus München gesehen hat, wird viel Neues entdecken wie etwa den Einsatz von VR-Brillen, aber genauso die verblüffenden Assoziationen, die Niemann aus dem Alltag zaubert. Da wird ein Hammer zum Bein eines Fußballers und einer heftig grübelnden Erdbeere scheint gerade nichts einzufallen.
„Für die Künstliche Intelligenz ist der Comic zu komplex“
Das wäre jetzt der Moment, sich von der Künstlichen Intelligenz auf die Sprünge helfen zu lassen. Aber das sei Quatsch, sagt Lewis Trondheim. Der französische Superzeichner und Texter plauderte über seine Arbeit und gab zu: „Ich habe ganz ordentliche Filme gesehen, in Hollywood muss man sich warm anziehen. Aber der Comic ist für die KI viel zu komplex“.

Das hört man gern, aber wen wundert’s. Trondheim gehen die Ideen einfach nicht aus. Von den Abenteuern des Herrn Hase bis zur Fliege und all dem, was er im Team fabriziert. Beim Werkeln spielt er Internet-Poker, so einer braucht freilich keine KI, der muss sich selbst mit 61 Jahren eher bremsen.
Walter Moers dürfte es ähnlich gehen, der Output ist immer noch hoch und frappierend präzise - das demonstrieren 300 Originalzeichnungen (bis 13. September). Und auch die fabelhafte Posy Simmonds legt den Stift mit gerade mal 80 noch nicht aus der Hand. Beim Comic Salon wird die Karikaturistin des „Guardian“ nun mit dem Max-und-Moritz-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Auch das ist in diesen Zeiten ein schönes Zeichen.
Comic Salon Erlangen bis Sonntag, www.comic-salon.de