Briten, Engel und Gottes Hand: Die Geschichte des Fußballs als spannende Graphic Novel

Zwei Frauen sind auch dabei. Vor allem aber sticht auf dem Comic-Cover ein schwarz gelockter Kerl im himmelblau-weißen Trikot heraus - und natürlich ist Diego Maradona gemeint. Der ewige Superstar muss auf den Titel einer „Kurzen Geschichte des Fußballs“, mehr geht halt nicht. Dabei hat der Sport einst sehr holprig angefangen.

Im Mittelalter wurde überall gekickt, sogar im Wald
Der Adidas UCL Champions League Ball war im 16. Jahrhundert noch nicht ganz ausgereift. Dabei dürfte der Unterschied zu den frühen Rundobjekten, mit denen die alten Griechen, die römischen Legionäre und auch die Azteken oder Maya herumgeballert haben, marginal gewesen sein.
Aber für das Spiel in der freien Wildbahn, also auf Wiesen, Feldern und sogar im Wald war ein kopfgroßer Ball aus Leder, Holz und Flechtmaterial völlig ausreichend. Folk Football hieß es in Großbritannien, und von den mittelalterlichen Anfängen an gab es die typischen Begleiterscheinungen, heißt: Geschrei, Schlägereien und etliche Schäden, die man auf öffentlichen Plätzen nicht dulden wollte.

Die Briten schossen den Fußball einmal um die ganze Welt
Noch bevor man sich auf Regeln geeinigt hatte, hagelte es Verbote, das erste bekannte schon 1314. Doch der Fußball war den Leuten nicht mehr auszutreiben. Es brauchte ja nicht viel für dieses spannungsreiche Vergnügen. Davon abgesehen waren die Menschen „aufgehoben“. Das betraf während der Industrialisierung vor allem die Arbeiter, die am Samstag aus der Fabrik nicht mehr direkt in die Kneipe wechselten. Und die Unternehmer kapierten zumindest in England, dass der Sport letztlich die Leistungsfähigkeit ihrer Belegschaft steigert. Die paar Gläser danach ließen sich ohnehin nicht vermeiden, wobei die Kneipen freilich genauso für die Verbreitung der neuen alten Sportbewegung wichtig waren.

Der Pub gehört zum Fußball
Doch was in die Breite drängt, wird professionell und verlangt nach Regeln und - ganz wichtig - Taktik und grandiose Taktiker. Die lassen sich die Vereine und Nationalmannschaften bis heute gut bezahlen. Am Fußball pappt auch Geld, viel Geld sogar. Darüber wird am Beginn dieser informativen wie pointiert erzählten Graphic Novel ausgiebig diskutiert.
Ohnehin liefern die Autoren Jean-Christophe Deveney und Mickaël Correia sowie der Zeichner Lelio Bonaccorso keine der zu Meisterschaftszeiten üblichen Heldensagen, sondern einen ziemlich kritischen Rückblick auf die Entwicklung des Fußballs. Auch im Verhältnis zu den jeweiligen politischen Konstellationen.
Dass dieser Sport zum globalen Phänomen wurde, hat nicht zuletzt mit der Ausbreitung des britischen Empires zu tun. Neben der Industrie und der Ideologie wurde eben auch das Fußballfieber exportiert. Und interessant: Mit dem FC Buenos Aires gründeten die Gebrüder Hogg aus Yorkshire den ersten Fußballverein Lateinamerikas. Fast immer sind es Briten, die irgendwo auf der Welt zu kicken beginnen und dann bald „vereinsmeiern“. Selbst beim FC Mailand mischen anfangs die Angelsachsen mit.

1918 gab es bereits ein reines Frauenturnier - mit 14 Teams
Und die Frauen? Sie haben den Sport nicht erst in unseren Tagen für sich entdeckt. Um den Ersten Weltkrieg herum kommen sie sogar richtig zum Zug. An Weihnachten 1917 lockt das Spiel der „Dick, Kerr Ladies“ gegen das Team der Gießerei Coulthard über 10.000 Zuschauer an. Der Erlös von immerhin 40.000 Pfund geht an ein Militärkrankenhaus. Im Mai 1918 gibt es bereits ein reines Frauenturnier, bei dem 14 Teams antreten.
Doch mit dem Ende des Krieges werden die Frauen wie so oft zurückgepfiffen. Dabei gibt es echte Talente wie die erst 15-jährige Lily Parr, die ein Tor nach dem anderen schießt. Die Begründung für diesen blitzartigen Stopp des Frauenfußballs? Der Fruchtbarkeit der Damen sei der Sport nicht zuträglich. Und nach dem Krieg brauchte das Land Nachwuchs.
Der Engel mit den krummen Beinen dribbelt wie der Teufel
Auf 150 Seiten hat das Autorenteam überhaupt viel Erstaunliches zusammengetragen. Zum Beispiel, dass die Brasilianer mit dem Dribbeln begonnen haben, um den Kontakt mit dem Gegner zu vermeiden. Denn meistens waren es die Spieler mit afrikanischen Wurzeln, bei denen Fouls moniert wurden. Mané Garrincha, der „Engel mit den krummen Beinen“ - das linke maß sechs Zentimeter weniger -, war ein legendärer Dribbler. Mit seinen gedrehten Knien konnten ihn die Gegner kaum einschätzen.
Dass Hitler den Fußball nicht leiden mochte, hat man auch nicht unbedingt auf dem Schirm. Trotzdem wurde der Sport, der ihm „zu wenig germanisch und zu urban“ war, instrumentiert. Blöd nur, dass das österreichische Wunderteam 1938 nach dem Anschluss das befohlene Unentschieden gegen die Deutschen verweigert hat. Ein Jahr später kam Kapitän Matthias Sindelar dann auf mysteriöse Weise ums Leben.

Diego Maradona ist schon zu Lebzeiten eine Legende
Nach dem Krieg wird der Fußball wieder mal zur Rettung, und neben Garrincha ist mit Pele gleich noch so ein Wunder auf zwei Beinen im Einsatz. Das alles toppt schließlich die „Hand Gottes“. Mit herrlicher Ironie lassen die Autoren Schlaglichter aus dem Leben Diego Maradonas aufblitzen, vom typischen Aufwachsen auf der Straße bis zur vorweggenommenen Apotheose.
Selbst der Absturz konnte diesem Heiligen nichts mehr anhaben. Das ist so nur im Sport und vor allem im Fußball möglich.
Jean-Christophe Deveney, Mickaël Correia, Lelio Bonaccorso: „Eine kurze Geschichte des Fußballs“ (Splitter Verlag, 144 Seiten, 25 Euro)