Kritik

Bergson Gallery: Chris Tille, Olga Golos und Lennart Lahuis

Ausstellungen über Mensch und Natur: „Some Weather“ und „The Inner Univers“
von  Adrian Prechtel
Zu Glas geronnene Träume: Die Serie „Last Night’s Dreams“ von Olga Golos aus diesem Jahr.
Zu Glas geronnene Träume: Die Serie „Last Night’s Dreams“ von Olga Golos aus diesem Jahr. © Bergson Gallery

Als sich vor anderthalb Jahren die Türen zum imposanten Atrium öffneten, bald darauf der „modernste Konzertsaal“ Europas“ zur Verfügung stand und die Jazzrausch Bigband die tonangebende Haus-Formation wurde, verschrieb man sich oft bei der offiziellen Bezeichnung: Denn das neue Kulturkraftwerk im Münchner Westen nennt sich selbst „Kunstkraftwerk“. Und das hat seinen Grund, weil hier auf Hunderten von Quadratmetern Ausstellungsflächen sind. Jetzt sind zwei Ausstellungen von drei Künstlerinnen und Künstlern zu sehen.

Im Galerietrakt, oben, ist Chris Tille mit „The Inner Universe“. Acht Meter lang ist das auf glänzendem Fotopapier aufgezogene Bildband „Big Bang“. Wie auf elliptischen Notenlinien flimmern Lichtpunkte. Man erinnert sich an den Ursprung der Philosophie. Denn vor der Lebensbefragung bei den Griechen war am Anfang das Staunen über den Himmel. Pythagoras vermutete im Verhältnis der Sterne und Galaxien zu einander einen kosmischen Klang. Bei „Big Bang“ hat Tille die sogenannte Hintergrundstrahlung nach dem Urknall visualisiert - der einzige Widerhall der Entstehung des Universums, den wir heute noch messen können. Naturwissenschaft trifft Kunst.

Dann folgt Chris Tille der Philosophiegeschichte, indem er den Menschen und seinen Geist betrachtet und daraus wissenschaftliche Kunstbilder macht: Gehirnströme werden mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen und sichtbar gemacht. Tille verwandelt diese Messungen in Farbspiele - ein Farb-Echo von Gedanken, deren Inhalt man aber nicht erfährt. Die Serie „Echocrome“ ist mit ihren Regenbogenübergängen eine warme Seherfahrung - kaufbar, je nach Größe zwischen 850 und 6500 Euro.

Gedankenlesen und das Auftauen unserer Gedanken

Und dann steht im Raum noch eine dreidimensionale Konkretisierung: Ein EEG wurde zu einer Edelstahlskulptur - wie geschmolzenes Metall, das erstarrt ist, glatt, poliert, irgendwie zwischen futuristischem Wurfgeschoss und verchromtem Sexspielzeug (25.000 Euro). Vielleicht lässt ein aus medizinischen Gehirndaten gewonnenes Kunstwerk doch den unbewussten Hintergedanken durchschimmern.

Zurück aus den modern-funktionalen Galerieräumen kann man in der Kraftwerkshalle mit einem gläsernen Aufzug hoch zu den ehemaligen Kohlesilos fahren. Sie sind weitere, ineinander übergehende Ausstellungsräume, die das Bergson Gallery-Team um Alexander Timtschenko und Jana Vedra bespielt.

Eines der „Echocrome“ aus dem Jahr 2025 von Chris Tille, der EEGs in Farbflächen und- übergänge verwandelt - und in Edelstahlskulpturen.
Eines der „Echocrome“ aus dem Jahr 2025 von Chris Tille, der EEGs in Farbflächen und- übergänge verwandelt - und in Edelstahlskulpturen. © Smudajaschek

„Some Weather“ heißt der Übertitel hier und ergänzt die bereits länger laufende Ausstellung „Earth Matters“. Auch hier wird als Konzept das Verhältnis von wissenschaftlicher Erkenntnis, Mensch und Natur künstlerisch verarbeitet. Olga Golos, 1987 in der sibirischen Stadt Krasnojarsk geboren, erzählt, wie sie an einem Phänomen in ihrer alten Heimat spürte, dass der Frühling kommen würde: kleine Einbrüche in den vereisten Schneekrusten rund um große Bäume. Und so hängen an der WandGlasplatten etwas kleiner als Din A4. Sie sind aufgeraut und zeigen in eingeschmolzenen Vertiefungen sanft hellblaue Schichten, lassen sie durchschimmern, was sehr sinnlich die Schneeschmelzerinnerungen der Künstlerin fasst („Melting Points“, 2800 Euro).

Dazu passen auch ihre größren Glasarbeiten, die wie Eisskulpturen von Schnecken und anderen organischen Lebewesen wirken. Sie sind robust - und doch hat man durch die Eis-Assoziation das Gefühl, auch sie könnten schmelzen, wodurch sie etwas Flüchtiges, fast Melancholisches bekommen (je einer dieser „Last Night’s Dreams“ kostet 2900 Euro). Gedanklich sind also auch Klimaerwärmung oder das Auftauen des Permafrostbodens im Raum, sind freudige Frühlingserwartung und Bedrohung hier zusammengespannt.

In einem der folgenden Räume hängen große Glasmedaillons von Olga Golos, die von geografischen Linien und geologischen Kartenelementen gezeichnet scheinen. Und am Ende - im letzten Raum - ist eine besonders schöne Arbeit an der Betonwand: Auf einer sanft beigen Leinwand zeichnen sich Abdrücke von Münzen oder Talern ab - und das Spiel der Leinwandtextur taucht diese Abdrücke je nach Betrachterwinkel in ein Farbspiel von Beige bis Gold - als ob das Bild „Meditation“ (1800 Euro) lebendig wäre.

Den Kreislauf des Wassers erklären

Zu Olga Golos gesellt sich in den intimen und doch imposanten Siloräumen der 1986 geborene Niederländer Lennart Lahuis. Am spektakulärsten sind mehrere große schwarze Boxen am Boden, die aussehen wie kleine Särge oder Musikboxen. So erwartet man auch Musik aus den Membranen. Aber mit einem Zischen zeichnen sich Textbotschaften auf den Oberflächen ab: Erzeugt aus Wasserdampf verfliegen sie nach einer Sekunde schon wieder im Raum, was Konzentration erzwingt, um sie zu erfassen.

Aber schon nach wenigen Sekunden bekommt man die nächste Nebelschrift-Lese-Chance. Es sind Botschaften, die den Kreislauf des Wassers erklären - vom Verdunsten über dem Meer, Runterkommen als Regen, Gesammeltwerden in Flüssen. Technik, Sinnlichkeit und ökologische Botschaft gehen in diesen Kunstwerken unter dem Titel „Hydrology“ eine schöne Einheit ein.

In warmen Tonfarben: „Murmur“ von Lennart Lahuis
In warmen Tonfarben: „Murmur“ von Lennart Lahuis

An der Wand hängen von Lahuis noch Tonscherben-Serien mit englischen Textfragmenten. Es wirkt, als ob unsere digitale Welt und ihre flüchtigen Textbotschaften hier - wenn auch zerbrochen - Ewigkeit erhalten, als ob unser Heute in 1000 Jahren archäologisch, wie klassisch-römisch wieder ans Tageslicht käme - in warmen Tonfarben („Murmur“, 2140 Euro).

Die tönernen Kunstwerke sind wie ein Gruß an die fast hundertjährigen backsteinernen Mauern des imposanten Kunstkraftwerks Bergson, das all diese aktuellen Ausstellungen und Künstler gerade beherbergt.

Bergson, Am Kunstkraftwerk, Aubing, Do und Fr, 14 - 19 Uhr, Sa und So, 11 - 19 Uhr, Eintritt frei. Führungen durch „Earth Matters“ und „Some Weather“ gibt es an den Wochenenden. Führung: 15 bis 19 Euro, Tickets unter bergson.com

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