Ausstellung über Gisela Stein: Streng gegen Oberflächlichkeit

Schauspieler Stefan Hunstein über die Kunst seiner 2009 verstorbenen Kollegin Gisela Stein. Das Theatermuseum am Hofgarten widmet ihr derzeit eine Ausstellung.
| Stefan Hunstein
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Schaupieler Stefan Hunstein.
az 2 Schaupieler Stefan Hunstein.
Stefan Hunstein(l.) mit Gisela Stein in "Ithaka" von Botho Strauss.
Oda Sternberg/DTM 2 Stefan Hunstein(l.) mit Gisela Stein in "Ithaka" von Botho Strauss.

München - Zur Eröffnung der Ausstellung über die verstorbene Bühnendarstellerin Gisela Stein hat der Schauspieler und Fotokünstler Stefan Hunstein die hier - etwas gekürzt - wiedergegebene Rede gehalten. Hunstein, geboren 1957 in Kassel, war elf Jahre lang Mitglied des Ensembles der Kammerspiele unter Dieter Dorn. Auch Gisela Stein spielte an dem Haus.

"Eine Ausstellung über die Schauspielerin Gisela Stein in einem Museum zu eröffnen, erweckt in mir ein leichtes Unbehagen. Und je genauer und je sorgfältiger diese Ausstellung recherchiert und realisiert ist, wie in unserem Fall, umso stärker wächst dieses Unbehagen. Denn schnell wirkt es so, als wäre alles, was von dem Menschen und der Künstlerin nach ihrem Tod übrig geblieben ist, eine Rückschau, ein Ausblick in die Vergangenheit.

Zu leicht kommt Nostalgie auf. Man beschwört eine gute alte Zeit herauf, und man verliert aus dem Blick, welche notwendigen Schlüsse aus ihrer Arbeit und ihrem Wirken für die Theater heute zu ziehen wären. Denn eine Frage stellt sich von selbst: Gibt es im Theater überhaupt noch Raum für diese Schauspielerexistenzen oder rutschen die Theater ab in einen Gemischtwarenladen, in dem man alles, was man benötigt, schnell und preiswert aus den Regalen ziehen kann?

Theater konkurriert mit dem Alltag

Wir leben in einer Zeit, in der das Theater zunehmend mit den Realitäten des Alltags konkurriert und auf künstlerische und poetische Reflexion immer mehr verzichtet. Das Rauschen und die Geschwindigkeiten des Alltags hat längst die Bühnen erreicht.

Insofern verstehe ich diese Rede als Beitrag zu einem Diskurs über die Bedeutung der Schauspielkunst und der Ensembles an den Theatern heute.

Alles, was 'Die Stein', wie sie genannt wurde, gespielt und geäußert hat, strahlt in die Gegenwart hinein: ihre Kunst, ihr Können, ihr Denken, ihre Haltung zum Beruf und zum Theater. Von ihr können und müssen wir weiterhin lernen. Nur dann werden wir die gegenwärtigen spürbaren Verluste im Theater konkret benennen können. Und dann macht eine solche Ausstellung Sinn.

Ikone des Schauspielerstandes

Die Stein war so etwas wie eine 'Bühnengeburt', eine Könnerin, die in der Lage war, aus dem Moment heraus allem auf der Bühne Gestalt zu geben. Texten, Gedanken, durch die Sprache, die Stimme und durch den Körper. Immer war das, was sie gespielt hat, vielschichtiger als das, man darüber erzählen konnte. Jede ihrer Rollen war ein eigenes Universum. Und die Bühne war der Ort der Vervollkommnung ihrer Kunst: Hier stand der ganze Mensch und in all seiner Kompliziertheit. Sie bestand aus einer Mischung aus Handwerk und Idealismus, Wachheit und Hingabe.

Sie ist eine Ikone des Schauspielerstandes. Alles, was zur Ausübung dieses Berufes notwendig ist, was man im Theater erreichen kann, hat sie vorgelebt. Über ihre Haltung, den Arbeitseinsatz und die Leidenschaft. Den Schauspielerberuf verstand sie als eine Lebensaufgabe. Handwerklich, künstlerisch und politisch.

Sie war unverwechselbar in ihrer Erscheinung und dem Sound ihrer Stimme. Und es machte Vergnügen, ihr bei der Gestaltung und Entfaltung der Rollen zuzuschauen, ihr beim Entwickeln der Gedanken zuzuhören, teilzunehmen an ihrer Gegenwärtigkeit, an ihrer Präzision und ihrer Energie.

Jeder ihrer Sätze ein Treffer - ins Herz des Gegners

Ich habe 'Die Stein' zum ersten Mal 1980 auf der Bühne gesehen. Das war in Stuttgart in der Aufführung von 'Totentanz' von August Strindberg. Sie spielte zusammen mit Fritz Lichtenhahn. Das Stück ist eine 'Danse macabre' zweier Menschen, in deren Liebe der Vernichtungskrieg eingebrochen ist. Sie quälen sich gegenseitig bis zur totalen Erschöpfung und wenn nur noch Trümmer um sie herum stehen, das Vokabular des Krieges aufgebraucht ist, dann taucht so etwas wie die Idee einer Erlösung auf, Gnade, aber eben spät, nach einem langen Lebenskampf.

Die Stein war streng, klar und mit den schärfsten Waffen des Lebens ausgerüstet: der Macht der Sprache. Jeder ihrer Sätze war ein Treffer ins Herz des Gegners. Einen Satz werde ich sicher nie vergessen: 'Warum rauchst Du nicht?!' Der Satz klang gleichbedeutend mit der Frage: 'Warum willst Du Dir eigentlich das Rauchen abgewöhnen? Weil Du mich überleben willst?! Dann rauch’ doch lieber weiter und stirb, am besten gleich, denn ich kann Dich schon lange nicht mehr ertragen.' Man kann viel darüber erzählen, letztendlich war es nur ein Satz, ein Satz unter vielen. Aber es war ein Spaß, erleben zu können, wie und wo tief im Innern der Schauspielerin die Sprache und die Gedanken gesucht und gestaltet und veräußert wurden. Hier wurde die menschliche Existenz nicht nacherzählt oder kommentiert oder ironisiert, sondern es entstand lebendige Wahrhaftigkeit in der Gegenwart, gespielt und erlebt in diesem Moment: hier und jetzt.

Die Theaterkultur ist nicht Selbstverständliches

Sollten wir das vom Theater heute nicht viel häufiger einfordern? Will man solche Wirkungen erzielen, braucht es tägliche Disziplin für das Ausüben des Handwerkes. Wenn die Schauspieler das Handwerk verlieren, werden viele Stücke im Theater nicht mehr gespielt werden können. Das heißt: Wir alle verlieren ein Stück Theaterkultur. Denn wenn es nicht mehr gespielt werden kann, wird es auch niemanden mehr interessieren. Dann werden wir beispielsweise höchstens noch Fragmente von Shakespeareaufführungen sehen können.

Jede Vorstellung erfordert ein Höchstmaß an Konzentration. Wie jeder einzelne Spieler das für sich erreicht, ist individuell verschieden. Für 'Die Stein' gab es wenig Drumherum, jeder Tag galt minutiös der Konzentration auf das zu erreichende Tagesziel: der Vorstellung am Abend.

Ich habe ein großes Faible für Künstler, die den ganzen Tag nur an der Vervollkommnung ihrer künstlerischen Möglichkeiten arbeiten. Der Saxophonist John Coltrane war so jemand, dem man nachsagte, er habe 16 Stunden am Tag gearbeitet: acht Stunden auf dem Instrument improvisiert und acht Stunden studiert, was er improvisiert hat.

Bei 'Der Stein' war es ähnlich. Die wenigen Male, bei denen ich sie in ihrer Wohnklause besucht habe, einen Katzensprung vom Theater entfernt, war immer ein Notenständer in der Mitte des Zimmers mit dem zu studierenden Text aufgebaut: Die Sätze waren eben nicht nur auswendig zu lernen, sondern zu erforschen und zu durchdringen: durch Lektüre, durch Sprechen, Hören, Fühlen und durch Denken. Sie war streng gegen die Oberflächlichkeit: gegen die eigene, wie die der Menschen um sie herum. Und hierin war sie anstrengend, gegen jeden. Unerbittlich war sie auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Solche Besuche bei ihr zu Hause waren selten und meist kurz. Sie endeten häufig mit einem entschiedenen Satz: 'Hunstein, ich muss jetzt noch arbeiten.'

Das Theater bietet viele Möglichkeiten, sie sollten alle genutzt werden

Wie konnte es in den letzten Jahren passieren, dass in manchen Theatern die Authentizität von Laien größeres Interesse bei Intendanten erweckt als der Resonanzraum eines professionellen Darstellers? Ist die Wirkung eines echten Verbrechers größer, als wenn er von einem Schauspieler gespielt wird? Das wäre ein fatales Missverständnis. Das Theater hat viele Möglichkeiten, wir sollten sie alle nutzen. Wir dürfen nur unsere ureigenen Möglichkeiten, die der Schauspiel-Kunst nicht aus den Augen verlieren.

Die Bühne ist ein heiliger Ort. Alle im Theater Arbeitenden sollten das wissen. Denn nur hier findet das Eigentliche des Theaters statt und wenn dieser Raum seine Bedeutung verliert, verlieren die Theaterschaffenden ihre Existenzberechtigung. Und damit verliert das Theater die Kraft, mit seinen Darstellern, seiner Kunst etwas zu bewegen und nachhaltig zu bewirken.

Fragiles Zusammenspiel zwischen Politik, Bühne und Zuschauern

Theater ist ein fragiles Zusammenspiel zwischen Kulturpolitik, den Theaterschaffenden und den Zuschauern, für die das Theater gemacht wird. In jedem Augenblick ist es ein sorgfältig zu betrachtender Organismus, der sich nur über einen langen Zeitraum hinweg entwickeln kann. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein Repertoiretheater mit einem festen Ensemble, nicht um einen Gastspielbetrieb.

Tauchen aber kulturpolitisch motivierte, wenig durchdachte programmatische Forderungen nach 'Zeitgeist' auf, so bestimmen Schlagzeilen die Theaterabende. Scheinbar neue Inhalte und Kunstformen, schnell erkauft, bestimmen dann die Abendvorstellungen, und weniger die Inhalte. Spielpläne, die sich an der tagesaktuellen Nachrichtenlage orientieren, ermöglichen aber keine nachhaltige Wahrnehmung und wenig Erkenntnis. Sie zerfallen so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Sie sind im besten Fall wichtige Beiprogramme.

Eines ist sicher: Schauspielerinnen wie 'Die Stein' konnten ihre künstlerischen Möglichkeiten nur in einem komplexen und klugen System entwickeln, das die Voraussetzungen schaffte, den Künstlern über Jahre hinweg täglich neue Aufgaben zu stellen, mit Kollegen, die sich gegenseitig respektiert und gefordert haben, künstlerisch und inhaltlich.

Kammerspiele leiden an aktueller Kulturpolitik

Mit einer Direktion, die auf lange Sicht vorausplante, mit Aufgaben, die die Schauspieler fördert, ihr Können mit ihren Mitteln zu entwickeln. Nur so wächst ein Ensemble zur Blüte und entfaltet Kraft, entwickelt Dynamik und fordert zur nachhaltigen Auseinandersetzung auf. Dieses Kapital wahrzunehmen, ist die Aufgabe der Kulturpolitik. Die Münchner Kammerspiele haben einen solchen Ort zur Zeit verloren.

Die Schauspieler sind das Gesicht des Theaters. Wer 'Die Stein' erlebt hat, vergisst sie und ihre Schöpfungen nie. Und darin verbirgt sich die zeitgemäße Botschaft einer Künstlerin, die in die Zukunft weisen sollte."

Die Ausstellung "Hinter den Worten" ist bis 15. Oktober (Di-So, 10-16 Uhr) im Deutschen Theatermuseum, Galeriestr.4a, zu sehen.

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