Arbeiten von Thomas Bayrle im Kunstbau

Das Lenbachhaus zeigt im Kunstbau eine Werkschau mit Arbeiten von Thomas Bayrle
| Roberta De Righi
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Conductor (Ford Galaxy Wiper), 2011, Ausstellungsansicht
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München Sammlung Johann Widauer, VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Conductor (Ford Galaxy Wiper), 2011, Ausstellungsansicht

Wahnsinn, die Mechanik im Saugmotor eines 911-Porsches: Wie reibungslos die Kolben im Zylinder auf- und abgleiten. Der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle  (geboren 1937) ließ für seine kinetische Klang-Skulptur „Rosenkranz“ den Motor aufschneiden und so wieder zusammenbauen, dass man mitten ins pulsierende Herz der Maschine blicken kann. Dazu hört man nicht nur Motorenlärm, sondern auch ein Gemurmel, dessen Text man erst nach einer Weile versteht: „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“. Nochmal Wahnsinn: Da feiern Technik und Religion gemeinsam Messe, und ausgerechnet das „Ave Maria“ stößt auf eine Ausgeburt des männlichen Prinzip an sich.

Aber man sollte die Metaphern nicht überstrapazieren. Thomas Bayrle mag einfach Motoren, alle: Citroën, Guzzi, Vespa – besonders toll sind natürlich die Sternmotoren. Und er mag den monotonen Singsang von Rosenkranzgebeten. „Bitt‘ für uns“ ertönt es in „Hochamt“ mit Sternmotor in Endlosschleife. Falls Gott doch ein DJ sein sollte, dann ist Bayrle sein Prophet.

Das Lenbachhaus richtet dem Avantgardisten und langjährigen Lehrer an der Frankfurter Städelschule jetzt eine große Ausstellung aus. Er generierte schon Bilder am Computer, als die Kollegen noch im Setzkasten saßen. Und er ist berühmt für seine Prints, in dem sich die ikonische Großform aus einer Masse von lauter kleinen zusammensetzt. Zuletzt kam er 2012 auf der documenta 13 zu hohen Ehren.

Eine Maschinenhalle mit Motoren

Vom Kunstbau war Bayrle sofort begeistert, diesem brutal langgestreckten Schacht über dem U-Bahnhof Königsplatz, der für Funktionalität und Massenmobilität steht. Die passende „Maschinenhalle“ für seine Artefakte. Nun sind hier erstmals in einer Präsentation alle seine Motor-Installationen und alle seine Filme zu sehen. Den „typischen Bayrle“, so Kuratorin Eva Huttenlauch, sieht man – abgesehen von den Filmen – allerdings nicht.

Und da zeigt sich dann auch, dass Künstler nicht zugleich gute Kuratoren für ihre Arbeiten sind. Huttenlauch konnte ihn von der Idee der Maschinenhalle leider nicht abbringen. Der Kunstbau ohne Einbauten hat jedoch derart aberwitzige Raumproportionen, dass selbst die vielen Maschinen darin winzig wirken. Eine Wucht wie auf der documenta 13 bekommen sie hier jedenfalls nicht.

Da ja auch alle ziemlich laut sind, müssen die neun Motoren- und außerdem noch sechs Scheibenwischer-Skulpturen abwechselnd laufen: Denn zum Vespa-Motor singt die Callas, bei Citroën die Piaf und zum Ford-Scheibenwischer hört man Velvet Underground & Nico. Schon so erzeugen sie zwar ein enormes Grundrauschen im Kunstbau, so dass einem die mit Kopfhörern ausgestatteten Wärter leidtun. Dennoch steht man stets vor mehr als der Hälfte der Exponate ohne Ton und Action – und irrt suchend weiter.

Ziemlich einseitig

Wenn es aus Experten-Sicht auch nachvollziehbar sein mag, den „typischen Bayrle“ wegzulassen: Im Sinne des Publikums ist das nicht. Denn nicht jeder kennt ihn, und die Aneinanderreihung der Motoren sorgt dafür, dass die Wirkung nachlässt. Sie hätten den graphischen Gegenpart bitter nötig.

So fällt vor allem die 30 Meter lange Wand-Installation der „Autobahn“ formal aus dem Rahmen: Ein Relief in Grau, eine Art entschleunigte Carrera-Bahn. Bayrle, der schon viele solche Bahnen gebaut hat, sagt dazu, diesmal sei es wirklich die letzte. Klar steckt darin einiges: Sie verweist auf uneingeschränkte Mobilität als Grundlage des so genannten Fortschritts. Als Netzwerk, das den Warenverkehr ermöglicht und alles verbindet, erfunden“ durch die Nazis, ja, das erwähnt Bayrle auch. Dennoch übertönt hier die Faszination den „Alptraum Auto“.

Das „Autobahn“-Album von „Kraftwerk“ erschien übrigens 1974, ein Jahr nach den Sonntagsfahrverboten der ersten Ölkrise. Da hatte Bayrle noch keine Autobahn gebaut. Und klar lässt sich diese Ausstellung, mitten im digitalen Zeitalter – und mitten in der BMW-Stadt München – allzu leicht als einen Abgesang auf die Ära des Verbrennungsmotors interpretieren. Doch es scheint, als ginge diese doch noch gar nicht so schnell vorüber, wie wir Weltretter es gerne haben würden.

Lenbachhaus Kunstbau, bis 5. März, Di – So 10 bis 18 Uhr; am 17. Januar Künstlergespräch und Buchvorstellung mit Thomas Bayrle und Kasper König in den Kammerspielen

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