Kritik

Nach über zwei Jahren: Dieses Münchner Museum hat wieder geöffnet

Das dezent veränderte Museum im Isartor öffnet wieder: mit einem neuen Fokus auf Liesl Karlstadt, die eine eigene Etage bekommen hat
Robert Braunmüller
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Das Valentin-Karlstadt-Musäum befindet sich im Nordturm des Isartors (rechts). Der Südturm widmet sich den Volkssängern.
IMAGO/Pond5 Images 9 Das Valentin-Karlstadt-Musäum befindet sich im Nordturm des Isartors (rechts). Der Südturm widmet sich den Volkssängern.
Die Museumchefin Sabine Rinberger in der neu gestalteten Ausstellung.
RBR 9 Die Museumchefin Sabine Rinberger in der neu gestalteten Ausstellung.
Ein Blick in den ersten Stock der dezent veränderten Ausstellung.
RBR 9 Ein Blick in den ersten Stock der dezent veränderten Ausstellung.
Theaterwissenschaftliche Sammlung Köln 9
Lisl Karlstadt und Karl Valentin bei Schallplattenaufnahmen,
Valentin-Karlstadt-Musäum 9 Lisl Karlstadt und Karl Valentin bei Schallplattenaufnahmen,
Liesl Karlstadt und Karl Valentin als Musikclowns.
Valentin-Karlstadt-Musäum 9 Liesl Karlstadt und Karl Valentin als Musikclowns.
Im Volkssängerturm: Straßmeiers Dachauer als Tierorchester.
Valentin-Karlstadt-Musäum 9 Im Volkssängerturm: Straßmeiers Dachauer als Tierorchester.
Karl Valentin als Schwerer Reiter mit Holzpferd.
Valentin-Karlstadt-Musäum 9 Karl Valentin als Schwerer Reiter mit Holzpferd.
Der "gefangene Franzose", ein Wortwitz über einen verstellbaren Schraubenschlüssel, im Valentin-Karlstadt-Museum.
RBR 9 Der "gefangene Franzose", ein Wortwitz über einen verstellbaren Schraubenschlüssel, im Valentin-Karlstadt-Museum.

Das Allerwichtigste zuerst: Der Eintritt für 99-Jährige in Begleitung ihrer Eltern ist nach wie vor frei. "Denn es werden ja immer mehr", sagt die Museumschefin Sabine Rinberger. Für alle anderen wurde der Eintritt um einen Euro auf 3,99 Euro erhöht. Aber es gebe so viele Ermäßigungen, dass kaum jemand den vollen Preis bezahlen müsse.

Zweieinhalb Jahre war das Valentin-Karlstadt-Musäum im Isartorturm einschließlich des Cafés im Turmstüberl geschlossen. Nun öffnet es wieder. Wie es sich für ein Traditionsmuseum gehört, schaut alles auf den ersten Blick wie vorher aus, obwohl die Ausstellung einem "Fresh-up“ unterzogen wurde, wie man neuerdings zu einer Auffrischung sagt.

Ein Blick in den ersten Stock der dezent veränderten Ausstellung.
Ein Blick in den ersten Stock der dezent veränderten Ausstellung. © RBR

Die Klassiker sind nach wie vor da: der Nagel, an den Valentin seinen Schreinerberuf hängte, der pelzbesetzte Winterzahnstocher und die geschmolzene Schneeplastik. Auch das etwas aufgeräumte Café wirkt wie eh und je. Neu ist nur eine Vitrine mit Baufundstücken wie einer Bierflasche mit olympischen Ringen von 1972, was einen Besucher der Pressekonferenz zur These verleitete, das Bauen dauere womöglich heute deshalb so lange, weil auf Baustellen kein Bier mehr getrunken würde.

Emanzipation von Karl Valentin

Ganz neu ist die zweite Etage. Sie erzählt unter dem Motto "Liesl Karlstadt - Flug zum Mond“ die Biografie und Karriere der langjährigen Bühnenpartnerin von Karl Valentin, die ihre Rolle als Nervenärztin mit nebenberuflicher Darstellungsverpflichtung beschrieb. Auch aus diesem Grund wollte sie sich von ihrem künstlerischen und privaten Partner lösen und als Solo-Künstlerin etablieren, was ihr erst nach Valentins Tod im Jahr 1948 gelang.

Liesl Karlstadt und Karl Valentin als Musikclowns.
Liesl Karlstadt und Karl Valentin als Musikclowns. © Valentin-Karlstadt-Musäum

Film- und Hörstationen lassen ihr Schaffen lebendig werden. Zu sehen ist auch eine Kopie des aufklappbaren schmiedeeisernen Herzens, das ihr Ehrengrab auf dem Bogenhausener Friedhof ziert, auf dem außen ihr Bühnenname und innen ihr bürgerlicher Name Elisabeth Wellano zu lesen sind. Der Kunstschmied nutzte dabei die Gelegenheit, auch das etwas angeschlagene Original wieder herzurichten.

Lisl Karlstadt und Karl Valentin bei Schallplattenaufnahmen,
Lisl Karlstadt und Karl Valentin bei Schallplattenaufnahmen, © Valentin-Karlstadt-Musäum

Die Ausstellung "Sturzflüge in den Zuschauerraum“ zu Karl Valentin wurde umfassend überarbeitet und mit Miniaturbühnenbildern ausgeschmückt, die Stationen des künstlerischen Schaffens zeigen. Neu sind Leihgaben aus dem Nachlass, der 1953 für 7000 Mark von Carl Niessen für die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln angekauft wurde, weil die Stadt München so geizig war: eine "Wunde, die bis heute schmerzt“, so Rinberger.

Klebezettel als Interventionen

Für zehn Jahre haben die Kölner das Fahrrad aus dem Sketch "Nacht und Nebel“ und das Steckenpferd verliehen, mit dem Valentin als "Schwerer Reiter“ den Militarismus parodierte. Aus dem eigenen Archiv kommen ein aufgedoppelter Zylinder, ein Requisit aus dem Stück "Das Christbaumbrettl“ oder die Uniformjacke, in der Liesl Karlstadt als Trommlerbua in den "Raubrittern vor München“ mit Valentin über Ententräume sinniert.

Im Nordturm erzählt weiterhin die Ausstellung "An jedem Eck a Gaudi“ die Geschichte der Münchner Volkssänger. Die Anfälligkeit der Szene für Populismus, Stereotypen und rassistische Ressentiments wird nicht verschwiegen. Diese Momente sind in der Ausstellung neu mit kritischen Interventionen in Form gelber Klebezettel gekennzeichnet, denn man wolle sich der Geschichte stellen, nicht sie verschweigen oder umschreiben, so Rinberger.

Die Museumchefin Sabine Rinberger in der neu gestalteten Ausstellung.
Die Museumchefin Sabine Rinberger in der neu gestalteten Ausstellung. © RBR

Kern der 2,65 Millionen Euro schweren Sanierung ist ein verbesserter Brandschutz mit neuen Türen und feuerbeständigen Geschossdecken. Das 1337 erbaute Isartor ist nun an die Fernwärme angeschlossen. Leider ist das Isartor nach wie vor wegen der engen Wendeltreppe nicht barrierefrei, weil sich der Denkmalschutz gegen eine Außentreppe wehrte. Mittelfristig ist geplant, den Innenhof mit Glas zu überdecken und auf diese Weise mehr Raum zu gewinnen. Eine Priorität dürfte das Projekt im Stadtrat angesichts anderer Sanierungen zwischen dem Stadtmuseum und dem Gasteig derzeit nicht haben.

© Theaterwissenschaftliche Sammlung Köln

Man solle gescheiter aus dem Museum herauskommen, als man hineingegangen ist, sagt die Chefin. Aber das werde man nicht merken, denn die Didaktik werde keinesfalls betont. Rinberger betonte die Aktualität von Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Der Komiker sei ein Philosoph gewesen. Seine Aussage "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ sei so gültig wie die Aussage über den Regen, der nicht aufhöre, wenn man sich darüber ärgere. Und tatsächlich denkt man bei dem in der Ausstellung zu lesenden Spruch "Gar nicht krank ist auch nicht gesund“ an die aktuelle Debatte über die Neuregelung der Krankschreibung.

Humor mit Verfallsdatum

Leise Zweifel sind da trotzdem angebracht. Wer mit Jüngeren das Musäum besucht, kann eine Menge Unverständnis ernten. Auch Humor altert. Wer versteht heute noch den Witz mit dem in einem Käfig auf Stroh festgehaltenen "gefangenen Franzosen“? Der Begriff für einen verstellbaren Schraubenschlüssel steht zwar im Duden. Aber wer kennt ihn noch?

Der "gefangene Franzose", ein Wortwitz über einen verstellbaren Schraubenschlüssel, im Valentin-Karlstadt-Museum.
Der "gefangene Franzose", ein Wortwitz über einen verstellbaren Schraubenschlüssel, im Valentin-Karlstadt-Museum. © RBR

Über viele Valentinaden lacht man, weil sie früher lustig waren. Vergangener Humor, der von bestimmten Darstellern lebte, ist jenseits sogenannter Flachware aus Bildern und Plakaten außerdem besonders schwer auszustellen. Das zeigt sich vor allem bei den Volkssängern im Nordturm. Die dezent feministische und kritische Neukonzeption ist immerhin eine Chance für dieses von rund 60.000 Menschen jährlich besuchte Museum, wenn es nicht nur mittlerweile aussterbende Altmünchner ansprechen will.

Eröffnungsfeier am 9. Juli ab 19 Uhr im Innenhof mit Luise Kinseher, Teresa Reichl, Christian Springer, Günter Grünwald, der Band Rad Gumbo und der Hochzeitskapelle, Eintritt frei. Das Museum öffnet am Freitag und ist danach außer Mittwoch täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet (Sonntag ab 10 Uhr)

 

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