Kultur in München - Konkurrenzlos gemütlich

Wie steht es um die Strahlkraft der Kultur in München? Auf jeden Fall profitiert sie von der Tatsache, dass sich hier in allen Sparten Staat und Stadt Konkurrenz machen – und sich ergänzen. Ein Überblick.
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52 Millionen Euro für das neue Haus des „Blauen Reiters“: Das städtische Lenbachhaus.
az 52 Millionen Euro für das neue Haus des „Blauen Reiters“: Das städtische Lenbachhaus.

Wie steht es um die Strahlkraft der Kultur in München? Auf jeden Fall profitiert sie von der Tatsache, dass sich hier in allen Sparten Staat und Stadt Konkurrenz machen – und sich ergänzen. Ein Überblick.

In internationalen Städtevergleichen schneidet München stets hervorragend ab. Die Wirtschaftsdaten, die Sicherheit, der Freizeitwert und die Entwicklungsprognose sind dabei entscheidend. Und wie steht es mit der Kultur der rot-grünen Enklave im schwarzen Bayern?

Kunst

Ob Alte Pinakothek, Lenbachhaus oder Villa Stuck – die Museumslandschaft in München hat Bedeutendes zu bieten, aber die Kunst-Stadt lebt in ihrer Vergangenheit. Doch auch die Gegenwart verschafft sich mehr und mehr Platz: Das Lenbachhaus erweitert laufend seine Sammlung mit Zeitgenössischem (und junger Kunst aus München) und schaut wie das Haus der Kunst mit Wechselausstellungen auf die Gegenwart.

2009 kommt noch ein neues Museum dazu: Die Sammlung Brandhorst eröffnet im Frühjahr 2009. Das Museum bietet nicht nur großformatige Warhols und Twomblys, sondern auch einen hohen Ankaufsetat.

Dass die Stadt weiß, was sie an ihrem „Blauen Reiter“ im Lenbachhaus hat, zeigt die Tatsache, dass sie ab 2009 52 Millionen Euro in die Generalsanierung und Erweiterung von Norman Foster investiert – allerdings fragt man sich, ob das nicht auch ein einheimischer Baumeister für weniger Geld als der britische Global Player schaffen könnte.

Junge Künstler und Galeristen ziehen derweil weiterhin in Scharen nach Berlin und in die Welt; zwar gibt es an der Isar auch einige jüngere Kunst-Kunden mit ausreichend dickem Geldbeutel, aber wenig Mut zum Risiko – die konsequent einkaufende Sammlung Goetz reicht allein auch nicht als Kundschaft. Und die Antworten, warum junge Künstler nach der Ausbildung der Landeshauptstadt den Rücken kehren, lauten wahlweise „zu wenig bezahlbare Ateliers“ oder „zu wenig Reibungspunkte“. Dennoch ist die Kunstakademie im 200. Jubeljahr dank einiger umtriebiger Professoren wieder mehr denn je Magnet für angehende Künstler.

Architektur

Leider bleibt die öffentliche Debatte seit Jahren in der unwesentlichen Frage stecken, wie hoch ein Haus sein darf, um München-verträglich zu sein. Die versprengten Hochhäuser am Mittleren Ring zeigen, dass ein paar Riesen noch kein New-York-Gefühl erzeugen. Derweil verschandeln tiefergelegte Türmchen die Stadt. Und ein monströser Bau-Bolide wie die BMW-Welt darf sich zusammen mit der Allianz Arena zu den größten architektonischen Status-Symbolen der Stadt aufplustern. Dabei gibt es auch andere Lichtblicke, ob die Synagoge am St. Jakobsplatz oder – fast fertig – den Neubau für die Sammlung Brandhorst.

Was den Wohnungsbau angeht, so geben sich alle ganz doll Mühe. So sieht es dann meist auch aus: wie in der Messestadt Riem. Aber oft lässt sich die Rendite-Gier nicht hinter aufgepappten Giebelchen verstecken: dann sieht es aus wie im Arnulfpark.

Und in ihrer Eilfertigkeit, Immobilien aus öffentlichem Besitz zu veräußern, stehen sich Staat und Stadt um nichts nach, ob bei der Alten Chemie oder dem Heizkraftwerk an der Müllerstraße. Doch irgendwann kommt die bittere Erkennis: Was weg ist ist weg – und Kämmerer und Finanzminister können die Miete nicht mehr zahlen.

Musik

Die Bayerische Staatsoper wartet auf die Ankunft des neuen Intendanten Klaus Bachler im Herbst. Der neue Generalmusikdirektor Kent Nagano hat die Erwartungen bislang nicht ganz erfüllt. Er ist zu wenig präsent, um das Repertoire zu prägen. Im Herbst dirigierte er eine umstrittene Neuproduktion von „Eugen Onegin“, die schon wieder in den Händen von Gast-Dirigenten liegt und szenisch gelitten hat.

Trotzdem spielt das Nationaltheater weiter in der internationalen Spitzenliga. Das Gärtnerplatztheater dümpelt sich dagegen bunt und leicht durch die erste Spielzeit von Ulrich Peters. Die Fairness verbietet allerdings eine Bilanz vor Ende der Spielzeit.

Ansonsten gilt: In keiner anderen deutschen Stadt außer Berlin gibt es so viele hochkarätige Klassik. Dafür sorgen neben den Thielemanns städtischen Philharmonikern und dem BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons auch Konzerte privater Veranstalter. Allerdings unterschätzen alle Beteiligten das Interesse des Publikums für Klänge jenseits von Beethoven, Brahms und Bruckner. Die musica viva und die städtische Biennale für Neues Musiktheater haben sich in ihrer Avantgarde-Nische recht wohlig eingerichtet. Sie suchen den Dialog mit dem breiten Publikum zu wenig. Und für alle Musikaktivitäten gilt: Der geplante neue Konzertsaal im Marstall, um den es zuletzt wieder still geworden ist, würde mehr Publikum zur Klassik locken.

Literatur

Vor zehn Jahren wurde in München, immerhin die wichtigste Verlagsstadt Deutschlands, das Literaturhaus eröffnet, das größte und teuerste im Lande – und schnell das meistbesuchte. Trotz Seminarraumatmosphäre. Dass die Münchner Autorenszene mit dem Haus nie warm wurde, liegt auch an der heillos überteuerten Gastronomie. Städtische Fördermodelle und Stipendien haben in den letzten Jahren zu achtbaren Erfolgen junger Literaten geführt, doch es glänzt nicht alles in der Stadt, in der zuletzt Thomas Mann Weltliteratur hervorbrachte.

Seit acht Jahren glänzt Köln mit der lit.cologne, ein ausgesprochen publikumswirksames Literaturfestival, das Münchens Versuche, mit dem Konzept einer themenbezogenen Frühjahrsbuchwoche zu punkten, in den Schatten stellt. Und für die saisonalen Branchentreffen fährt man nach Leipzig und Frankfurt.

Theater

Mit seinen beiden städtischen Häusern ist München gut aufgestellt. Die Kammerspiele ergänzen die traditionellere Linie des Bayerischen Staatsschauspiels mit einem Spielplan, der sich zum großen Teil an jüngere Zuschauer wendet. Dass das Haus auch in diesem Jahr mit gleich zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, spricht für die Qualität. Und mit Johan Simons als designiertem Intendanten ab 2010 ist die Zukunft nach Baumbauers Amtszeit gesichert.

Frischen Wind hat Intendant Christian Stückl seit 2002 ins Volkstheater gebracht. In diesem Jahr wird über eine Verlängerung seines bis 2010 laufenden Vertrags verhandelt – da sollte sich die Stadt überlegen, ob sie den Jahreszuschuss von kargen 4,9 Millionen Euro nicht mal erhöht. Stückls erfolgreiche Arbeit hätte es verdient.

Künstlerische Defizite gibt es in der freien Theaterszene, die außerhalb Münchens so gut wie gar nicht wahrgenommen wird. Die meisten festen Häuser altern mit ihren Leitern vor sich hin. Hier ist das Kulturreferat gefragt, wie man mit einem veränderten Subventionsmodell interessante Nachwuchskünstler effektiver fördern kann.

Kino und Film

Um die Jahrtausendwende ging das Gespenst aus den 60ern und 70ern noch einmal um in München – das Kinosterben: die Lupe, das Odyssee und Cinerama, Türkendolch, die Elisenhof-Kinos und das Stachus Kinocenter gaben auf. Dafür kam das gigantische Mathäser mit und 14 Kinosälen. Dennoch hat sich in München eine angenehm gemischte Kinostruktur gehalten, das Kino Münchner Freiheit hat gleich zwei neue Säle und das Monopol in der Feilitzschstraße sowie das Neue Arena funktionieren mit anspruchsvollem Programm. Auch schrägen Stücken wird hier eine Chance gegeben. Diese Szene fördert die Stadt mit dem Kinoprogrammpreisen. Schön auch, dass München mit dem Filmmuseum ein eigenes Kino mit guten Retrospektiven und Themenreihen betreibt (z. Z. unter anderem die große Helmut Käutner Retrospektive).

Die jährlichen drei Starter Filmpreise (je 6000 Euro) sind in diesem Jahr zum ersten Mal erweitert um zwei weitere der Kinowelt und von Arri. Staatlicherseits baut man neben den Pinakotheken bis 2010 das neue Gebäude der 40-jährigen Hochschule für Fernsehen und Film. Und die Bavaria Studios wagen wieder große Kinoprojekte wie die „Buddenbrooks“. Für das 25 Jahre junge Filmfest München teilen sich Freistaat und Stadt die chronische Unterfinanzierung.

Zu wünschen wäre – wie es die Theater vormachen – wieder ein wöchentliches Kinoprogrammplakat an Litfasssäulen einzuführen. Zur Zeit laufen noch die städtische geförderten jüdischen und lateinamerikanischen Filmtage. Und auch hier merkt man: Es wird zu stark and er werbung gespart. Aber die beste Kinoförderung bleibt: Ins Kino gehen! rri/RBR/vi/lo/adp

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