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Hat die Krise nun auch die Klassik erfasst? Der Münchner Veranstalter Concerto Winderstein streicht sein Programm radikal zusammen
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Bis 2018 in Cleveland: Franz Welser-Möst.
EMI Bis 2018 in Cleveland: Franz Welser-Möst.

Hat die Krise nun auch die Klassik erfasst? Der Münchner Veranstalter Concerto Winderstein streicht sein Programm radikal zusammen

Viele der Solisten, die wir für Sie einladen wollten, stehen in der kommenden Saison nicht zur Verfügung“, schreibt Hans-Dieter Göhre seinen Abonnenten. Concerto Winderstein, in der laufenden Saison mit 16 Konzerten im Geschäft, reduziert sein Angebot in der kommenden auf magere vier: Daniel Barenboim und der absagefreudige Murray Perahia spielen Klavier, die St. Petersburger Philharmoniker und das Royal Scottish Orchestra gastieren im Gasteig.

Erreicht die Krise den Konzertbetrieb? Göhre bestreitet wirtschaftliche Probleme und möchte über die „komplizierte Situation“ nicht im Urlaub am Telefon reden. Auch sein Rivale Georg Hörtnagel schreibt in der Saisonvorschau, es sei „schwer geworden für einen privaten Veranstalter in unserem geliebten München“.

Gastorchester verkaufen sich schlecht

Im Gespräch wirkt der 82-Jährige optimistischer: Die Zahl von Hörtnagels Konzerten bleibt gleich. Andreas Schessl von münchenmusik nennt die laufende Saison sogar „die beste, die wir je hatten“. Das ältere Klassik-Publikum habe seine finanzielle Lebensplanung abgeschlossen und sei wenig krisenanfällig.

Gastierende Orchester verkaufen sich bei allen Veranstaltern schlecht. Gustavo Dudamel dirigierte ebenso im halbleeren Gasteig wie Lorin Maazel das Orchester von Valencia. Sogar mit den Wiener Philharmoniker machte Hörtnagel Verlust. Er hat die Zahl solcher Konzerte verringert und ärgert sich über subventionierte Mitbewerber: „Als Münchner freue ich mich über die Qualität unserer Orchester. Als Veranstalter sind sie mein Problem.“

Die Münchner Orchester kennen keine Krise

Die Konzertgänger halten nicht den Geldbeutel zu, sie konsumieren nur kritischer: Wieso sollte man Geld für mäßige Gastspiele ausgeben, wenn die lokale Weltklasse günstiger zu hören ist? Thielemanns Philharmoniker, das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons oder Kent Naganos Staatsorchester haben angesichts des wachsenden Interesses in den letzten Jahrzehnten ihr Konzertangebot ausgeweitet. Die Münchner Symphoniker legen in der neuen Saison eine weitere Abo-Reihe auf.

Stephan Gehmacher, Manager des BR-Symphonieorchesters, kann keine ruinöse Konkurrenz erkennen: „Subventionierte Orchester haben andere Aufgaben: Kein Privater würde die musica viva durchführen oder Aufwändiges wie Schönbergs ,Gurrelieder’ spielen, das sich nicht kostendeckend kalkulieren lässt.“ Wenn das Orchester des Südwestrundfunks bei Winderstein gastiert, profitiert auch ein Privater von deren öffentlicher Finanzierung.

Das Geld ist nicht weg, nur woanders

In die Jahre gekommen scheint das Abonnement: „Auch 60-Jährige wollen sich nicht mehr im Voraus festlegen, ob sie am 16. Mai 2010 ins Konzert gehen oder für 19 Euro nach Budapest fliegen“, meint der Berliner Veranstalter Peter Schwenkow, dessen DEAG unter den eifersüchtigen Blicken örtlicher Veranstalter in ganz Deutschland Konzerte mit Elina Garanca, Anna Netrebko und Jonas Kaufmann durchführt. „Die Leute werden flexibler. Deshalb sterben Klassik-Abos. Das Publikum ist heute bereit, für ein besonderes Konzert mehr zu zahlen, als früher ein ganzes Abonnement gekostet hat. Deshalb nehmen wir den traditionellen Anbietern Marktanteile ab. Mit unseren Stars verzeichnen wir in München ein Wachstum von 25 Prozent.“

Das Publikum stirbt der Klassik nicht weg, es geht nur woanders hin. Und für Konzertveranstalter gilt wie auf allen Märkten: Wer jammert, statt Wünsche der Konsumenten zu beachten, wird über kurz oder lang verschwinden.

Robert Braunmüller

Wie sich die Flaute auf die Kunst auswirkt

Die Krupp-Stiftung sagt wegen gestiegener Kosten eine Ausstellung ab, bei Auktionen werden keine Höchstpreise erzielt. Die Krise wetterleuchtet in die Kultur, so scheint es. Aber vorerst ist sie noch eine Ausrede: In Theatern und Museen ist kein Rückgang der Besucher feststellbar. „Der Oper geht es gut. Mehr als ausverkauft kann man nicht sein“, sagt Nikolaus Bachler, der Intendant der Staatsoper. Auch Ulrich Peters wirkt mit einer Auslastung von 75 Prozent am Gärtnerplatz nicht unzufrieden.

Die Salzburger Festspiele fürchten in den kommenden Jahren Engpässe beim Sponsoring und der Kartennachfrage aus Übersee. Beobachter des Kunstmarkts sehen die Krise als Chance: Museen könnten wieder ihre Sammlungen erweitern, ohne von neureichen Oligarchen überboten zu werden. In den USA steht das auch hierzulande als zukunftsweisend angepriesene Modell der Mischfinanzierung aus Spenden, Kapitaleinlagen und öffentlichen Geldern vor dem Kollaps. Wegen sinkender Einkünfte in mehrstelliger Millionenhöhe mussten Museen Mitarbeiter entlassen, Ausstellungen absagen und Werke aus den Beständen verkaufen.

Am stärksten verletzt die Krise derzeit Amerikas Klangkörper. Das Boston Symphony Orchestra hat seine Europatour abgesagt. Cleveland hat Sparmaßnahmen angekündigt, von denen auch Chefdirigent Franz Welser-Möst betroffen ist. Er muss auf ein Fünftel seiner Gage von rund 1,2 Millionen Dollar verzichten. Auch das angesehene Philadelphia Orchestra hat 20 Prozent seines Personals entlassen und das Programm stark zusammengestrichen.

RBR

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