Zwölf Menschen, ein Haus, ein Jahrhundert: Was Schlöndorff mit "Heimsuchung" gemacht hat

Vor fast 20 Jahren erschien der Roman "Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck - und wurde ein Bestseller. Vielleicht auch, weil er ein Jahrhundert deutscher Geschichte umfasst, ohne je lehrbuchartig zu sein. Denn erzählt wird alles anhand eines Grundstücks an einem märkischen See - von den 20er-Jahren, als hier ein Architekt ein Sommerhaus hinsetzt, über die NS-Zeit, die anrückende Rote Armee, die DDR bis zur Wiedervereinigung. Volker Schlöndorffs Verfilmung ist seit Donnerstag im Kino.
AZ: Herr Schlöndorff: Sie haben im Haus von Albert Einstein in der Nähe von Potsdam gedreht, das hier das Haus eines Architekten spielt. Was kann ein Ort besser erzählen als eine Familiengeschichte?
VOLKER SCHLÖNDORFF: Ein Ort selbst erinnert sich zwar streng genommen nicht, aber er ist ein sicherer Rahmen. Das ist wie bei einem Maler: Da ist das Haus, da die Tür, da das Fenster. Das bleibt unverändert und sagt zu mir: Jetzt mach’ mal! Und da habe ich zwölf verschiedene Personen und ihre Geschichten hineingesetzt, und sie bleiben im gleichen vertrauten Rahmen: am Tisch, die Treppe runter, im Garten… Und ich war neugierig, wie das wirken würde.

Es ist ein bisschen wie im Theater mit der festen Bühne.
Schon beim Drehbuchschreiben habe ich gedacht: Das ist wie bei einem Tschechow-Stück. Da kommen die Menschen jeden Sommer in das Haus und hoffen, dass es ein schöner Sommer wird, aber alles kommt anders. Für die Kinder ist es anders als für die Oma, und es gibt diese wunderbare Stunde zwischen Nachmittag und Abend, wo sich der Tag besonders stark erfüllt. Es herrscht eine Atmosphäre von Vergänglichkeit. Aber hinter aller Melancholie liegt das Gefühl, dass das Leben doch etwas Schönes, Intensives ist. Selbst beim Drehen habe ich gedacht, jetzt würde ich mich am Liebsten dazusetzen, auch Krebse am Ufer fangen und essen und am Tisch idiotische Witze erzählen.

Wie kam es zum Einsteinhaus als Drehort?
Ich lebe in der Nähe und hatte schon beim Lesen an dieses Haus gedacht und liebe es. Man kann mit Fensterläden das Licht verteilen. Es ist mit Albert Einsteins Nachlass an die Universität Jerusalem gefallen, wo ich auch schon Seminare gegeben habe. Ich habe angefragt und auch 50.000 Euro angeboten für die Restaurierung.
Der Roman hat einen Siegeszug angetreten bis hin zur Kultusministerkonferenz. Jetzt ist er Teil des Abiturkanons. Was macht ihn dazu prädestiniert?
Dass er einen größeren Bogen deutscher Geschichte spannt als nur über den Nationalsozialismus mit seinen zwölf Jahren, in denen Ungeheuerliches passiert ist. Aber das 20. Jahrhundert umfasst eben mehr. Und wie der Roman riecht auch mein Film nicht nach Geschichtsunterricht.
Sie haben den Roman, der nicht chronologisch ist, linearisiert. Erpenbecks Sprache gilt als wuchtig.
Man kann nur versuchen, ihn intensiv zu lesen, und dann seine Machart vergessen. Ich hatte mir auch keine Option auf eine Verfilmung gekauft, sondern Jenny Erpenbeck gesagt: Lass mich mal sechs Monate machen. Ich habe dann überlegt, ob sich das nicht auch chronologisch erzählen lässt. Nur: Wo kommt dann die Spannung her, weil wir ja keine klassische Handlung haben, sondern verschiedene Bewohner und Augenblicke sich aneinanderreihen. Meine Lösung war: Jede Szene so interessant zu erzählen, dass man sich auf die nächste freut.

Wie sind Sie mit der dichten Sprache des Romans umgegangen?
Ja, es gibt wenige Dialoge, eher knappe Sätze. Das wollte ich beibehalten, habe aber - in Abstimmung mit Jenny an ihrem Küchentisch bei ihrem österreichischen Strudel - auch noch Sätze hinzugefügt. Ich habe immer aus Neugierde die Nähe zu Schriftstellern gesucht. Musil war schon tot, Kleist auch. Heinrich Böll war der erste, der mir das Manuskript von "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" geschickt hatte. Schriftsteller können einem ja noch fantastische Dinge dazu erzählen, wie sie zu dem oder jenem gekommen sind. Bei Böll war es das Trauma, dass manche gesagt haben, er - der Friedliebende - sei der Vater der terroristischen Gewalt der 70er-Jahre gewesen. Gegen diese Verletzung seiner Ehre wollte er anschreiben. Und der erste Satz der "Blechtrommel" von Günter Grass, wo Oskar Matzerath sagt, er sei der Insasse einer Nervenheilanstalt, erklärt den Druck, aus dem er erzählt: Seine Unschuld beweisen! Bei Grass selbst ist dieser innere Druck dann aber erst dreißig Jahre später offenbar geworden, als aufkam, dass er mit 17 Jahren zur SS eingezogen worden war. Bei Max Frisch und "Montauk" wiederum waren es Erinnerungen an seine Studentenliebe und sein Gefühl, dass er sich falsch verhalten hatte: eine jüdische Studentin, der er angeboten hatte, sie zu heiraten, damit sie nicht zurück nach Deutschland musste, die sich dann aber umgedreht hat und zurückgegangen ist.
Und was hat Ihnen Frau Erpenbeck erzählt?
Die Tatsache, dass sie durch die Wiedervereinigung das Haus ihrer Kindheit verloren hat, weil man es rückübereignete und ihr wegnahm. Dieses "Unrecht" war ihr Antrieb.
"Rückgabe vor Entschädigung" war ja auch eine Ursünde der Wiedervereinigung.
Absolut. Das haben sich Herr Kohl und Herr Waigel ausgedacht.
Sie haben Ihren Film in diesem Jahr in Cannes zeigen dürfen, wo Sie schon so oft mit Ihren Filmen eingeladen waren.
Ja, es hat sich alles und nichts dort verändert. Es ist immer ein peinlicher Jahrmarkt der Eitelkeiten, wenn man die Frauen und Männer da paradieren sieht. Auf der anderen Seite gibt es nirgendwo sonst eine derartige Dichte an Filmbegeisterten, die zusammenkommen und sich irgendwie einigen, was gut ist und was schlecht. Für mich selbst ist das eine einzige Geisterbahn, weil ich immer nur lauter Tote, Gespenster sehe. Vor 60 Jahren war ich mit meinem Produzenten Louis Malle und meinem Presseattaché Bertrand Tavernier hier - und wenn ich da auf der Croisette gehe, sehe ich sie.

Achtmal waren Sie hier.
Für mich ist Cannes ein Ort von Freundschaften. Wir haben auf Stufen gesessen und geredet. Vielleicht sind es 50 Tote, die mir hier begegnen. Und das habe ich übrigens in meinem Film "Heimsuchung" auch eingearbeitet, wenn am Anfang alle, die hier einmal waren und sein werden, gleichzeitig in diesem Wäldchen am See stehen, da wo das Haus entstehen wird, das die Geschichte spiegelt und erzählt.