Zeigt was Kino Großes kann: „Ein einfacher Unfall“ von Jafar Panahi
Ein Kastenwagen, sechs Schauspieler, eine Stadt und eine Staubstraße - mehr braucht es nicht, damit Jafar Panahi uns eine geniale Geschichte erzählt. Natürlich geht es um den Iran, sein grausames, totalitäres Regime. Aber vor diesem Hintergrund werden Fragen aufgeworfen, die für uns alle gelten: Wie mutig wäre man selbst in einem totalitären Land? Was treibt die Schergen eines Unrechtsregimes eigentlich an? Kann man Traumata hinter sich lassen? Verdirbt Rache den eigenen Charakter? Sollte man vergeben können?

Fünfzehn Jahre lang ließen Venedig, die Berlinale und auch Cannes als sichtbare Mahnung einen Stuhl bei Pressekonferenzen und auf Gala-Bühnen frei, weil der iranische Regisseur Jafar Panahi unter Hausarrest, Berufsverbot oder gar Gefängnis litt, aber standhaft das Land nicht verließ und - trotz Verbot - weiterdrehte.
Gefängnis, Ausreise, Goldene Palme, Verurteilung
Interessanterweise hatte ihn das Regime im vergangenen Jahr für Cannes kurzzeitig aus dem Land gelassen - und Panahi bekam prompt die Goldene Palme für „Ein einfacher Unfall“. Das Fantastische daran: Es war keine berechtigte Heldenehrung, vielmehr ging der höchste Preis an ein Krimi-Drama, das einfach umwerfend gut ist - und das, obwohl der Film heimlich gedreht werden musste. Was man dem Film nie ansieht, aber inhaltlich spürt man den Grund jede Sekunde. Denn „Ein einfacher Unfall“ erzählt schonungslos eine politisch brisante Geschichte aus der Mitte der iranischen Gesellschaft. Und trotzdem sieht man viel mehr als nur ein Drama, das das Terrorregime in Teheran entlarvt. Es ist ein Gesellschafts-, Polit- und Psycho-Krimi, der beinhart realistisch ist, aber dabei kunstvoll elegante Bilder zeigt und dramaturgisch perfekt ist.

Eine ganz normale, etwas entnervte Familie hat nachts einen kleineren Unfall auf einer Landstraße und schafft es noch bis zum Stadtrand zu einer Werkstatt. Am nächsten Morgen glaubt der Kfz-Mechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) in dem Mann mit seinem Auto jemanden wieder zu erkennen, obwohl er ihn nie zu Gesicht bekommen hat. Denn ihm waren im Gefängnis bei brutalen Verhören die Augen verbunden gewesen. Aber das metallische Quietschen der Beinprothese erinnert ihn an die Schritte seines Peinigers.

Er entführt spontan diesen Eghbal (Ebrahim Azizi) im Lieferwagen seines Chefs in einer Holzkiste, um den vermeintlichen Täter umzubringen. Der leugnet aber, der Folterer zu sein, sieht sich als Opfer einer Verwechslung. Zweifel kommen auch immer mehr beim Zuschauer auf. Vahid sucht ehemalige Mitgefangene auf, um Klarheit zu schaffen und um sich gemeinsam zu rächen. Und die fünf - zusammen mit ihrem Gefangenen und einem unfreiwillig in die Geschichte mit hineingezogenem Brautpaar - bilden ein Panoptikum der Gesellschaft: Mann, Frau, gebildet oder einfach, atheistisch oder religiös. Man streitet, rauft sich zusammen - und immer ist man als Zuschauer wie die Figuren spannend hin und her gerissen in den Fragen: Was ist hier die Wahrheit? Wer hat Recht? Was würde ich selbst tun?

Die ernste Geschichte entwickelt dabei zwischendurch auch absurde Komik, wenn wegen einsetzender Wehen eine Geburtsklinik angesteuert werden muss, rettende Bestechungsversuche gestartet werden oder immer wieder neu ein Grab geschaufelt wird.
Beißendes Bild mit Galgenhumor
Durch all das entsteht ein beißendes Bild der iranischen Wirklichkeit, die aktuell erneut stark in Aufruhr ist. Wieviel Hoffnung auf einen Sturz der Religionsdiktatur angebracht ist, ist schwer zu sagen. Helden wie Jafar Panahi jedenfalls haben ihren mutigen Beitrag geleistet. Gerade wurde Panahi erneut in Teheran zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, ist aber erst einmal untergetaucht.

Manchmal werden Filme beklatscht, weil sie die „richtige Haltung“ haben. Dabei ist das kein Qualitätsmerkmal eines Films. Umso fantastischer ist es, wenn man ein filmisches Meisterwerk sieht, das politisch, gesellschaftlich und psychologisch wirkt, dramatisch ist und - bei aller Schonungslosigkeit - sogar Galgenhumor enthält.
Frankreich hat als Koproduzenten-Land den Film bereits zum Oscar eingereicht, Europäische Filmpreise winken in zehn Tagen in Berlin. Und jetzt sollte man ihn unbedingt im Kino anschauen.
K: ABC, Leopold, Maxim, Isabella sowie Arena (OmU)
R: Jafar Panahi (Iran, F, 99 Min.)
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