Witz und Wahrheit im Wahnsinn

Wie kann man ein Thema wie Alzheimer als amüsanten Familienfilm realisieren und dabei zwischen lachen und weinen ehrlich bleiben? Til Schewiger ist diese Balance gelungen  mit "Honig im Kopf" und Dieter Hallervorden.
| Adrian Prechtel
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„Honig im Kopf“: Dieter Hallervorden hat sich als Großvater Amandus reisefertig gemacht mit Fantasieuniform und Teddybär. Gleich fährt der Zug nach Venedig ab, die Stadt, die er noch klar in seiner Erinnerung hat. Seine Enkelin hat schon mal die Karten besorgt. Die besorgten Eltern wissen von nichts, und das ist auch besser so.
Warner „Honig im Kopf“: Dieter Hallervorden hat sich als Großvater Amandus reisefertig gemacht mit Fantasieuniform und Teddybär. Gleich fährt der Zug nach Venedig ab, die Stadt, die er noch klar in seiner Erinnerung hat. Seine Enkelin hat schon mal die Karten besorgt. Die besorgten Eltern wissen von nichts, und das ist auch besser so.

Wie kann man ein Thema wie Alzheimer als amüsanten Familienfilm realisieren und dabei zwischen lachen und weinen ehrlich bleiben? Til Schewiger ist diese Balance gelungen  mit "Honig im Kopf" und Dieter Hallervorden.Gleich zu Beginn fällt der wunderbare Satz aus dem Mund der Enkelin: „Warum Opa so ist, wie er ist, verstehe ich jetzt. Warum unsere Eltern so sind, wie sie sind, weiß ich nicht!“

Das wäre nicht weiter verwunderlich, oft verstehen sich Enkel und Großeltern besser als Eltern und Kinder. Aber in diesem Fall ist es komplizierter: Opa (Dieter Hallervorden), der ehemalige Landarzt, Lebemann und charmantes Zentrum der Familie, hat Alzheimer. Und als man ihn nicht mehr alleine lassen kann, beschließt der Sohn (Til Schweiger), den Vater zu sich und seiner Familie zu nehmen.

Slapstick, Abenteuer und die Familie unter der Lupe

In das, was dann passiert, packt Schweiger (Regie, Produzent, Drehbuch, Schnitt) alles geschickt – aber vor allem: ehrlich. Hallervorden ist als zunehmend verwirrter Mann Problem, Bereicherung und Katalysator zugleich. Seine Spur der Verwüstung (wie beim chaotisch radikalen Heckenschneiden, das leider die verhassten Gartenzwege des Nachbarn sichtbar macht) führt zum permanenten Ehekrach („Dein Vater hat schon wieder...“). Aber so muss das Elternpaar sich eingestehen, wie kaputt ihre Beziehung im Karrierezwang und mit der „Wir-sind-die-perfekte-Familie“-Fassade geworden ist.

Und weil Kinder ein besonderes Gespür für Lebenslügen der Erwachsenen haben, treffen sich die Ehrlichkeit von Enkelin und Opa, wie im alten Spruch: Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit! So ist der Film geschickt aus der Perspektive der elfjährigen Enkelin (Emma Schweiger) erzählt, die uns Erwachsene so zu einer Reflexion über unsere Werte und Ehrlichkeit zwingt. Und der „Betrunkene“ ist hier kein Trinker, sondern einer, der langsam immer mehr „Honig im Kopf“ hat...

Weder Rührseligkeit noch Slpastick-Quatsch

Das alles könnte in politisch korrektem Rührseligkeitskitsch oder Slapstick-Quatsch verharmlosend oder sentimental versinken. Tut es aber nicht.

Das liegt schon an Hallervorden, der – von Schweiger als Regisseur gezügelt – nicht den albernen Didi gibt, sondern die Balance hält aus komisch und traurig ernst. In einer Szene, die uns Zuschauer zu Tränen rührt, offenbart er seiner Enkelin beim Blättern im Fotoalbum, wie er selber merkt, wie ihm das Leben entgleitet, wie er sich schämt. Das ist eine schauspielerische Meisterleistung. Und Schweiger hat auch radikale Szenen durchgesetzt. So wenn Hallervorden, von seiner Enkelin Richtung Venedig entführt, es nicht mehr bis zur Zugtoilette schafft...

Dramaturgisch ist der Film geteilt in das differenzierte Familienpsychogramm am Anfang und danach die Flucht der Enkelin mit dem Großvater im Zug und zu Fuß nach Venedig – den Ort, an den er sich noch am besten erinnern kann, weil dorthin vor einem halben Jahrhundert seine Hochzeitsreise gegangen war. So ist der zweite Teil eine Art Verfolgungs-Roadmovie geworden, mit einem überzuckerten Südtirol und einem Klischee-Venedig als Endpunkt, wo in dieser Stadt der Romantik und Liebe vieles wieder gut wird.

Niemand wird verschreckt, aber auch nichts verharmlost

Natürlich darf ein aufwendig produzierter Familienfilm niemanden verschrecken. Und so ist ganz legitim vieles abgesoftet: So sind die letzten, weggedämmerten Monate ausgespart, ist das ganze in ein reiches Milieu verlagert, weil hier Krankheit und Verfall ästhetisch überspielt und gelindert werden können. Das Setting ist hier eine Blankenese-Gesellschaft mit allen finanziellen Möglichkeiten, die allerdings lustig dünkelhaft gezeigt ist.

Aber „Honig im Kopf“ ist der gelungene, gewagte Versuch, alles zu schaffen: Familienunterhaltung, das Anpacken eines ernsten Themas, psychologische Tiefe und Slapstick-Witz, Lachen und Tränen – von welchem Film kann man das schon sagen.

Kino: Sendlinger Tor, Cadillac, Cinemaxx, Mathäser, Rio, Leopold, Gloria  (D, 139 Min.)

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