Interview

Wird das Kino untergehen, Herr Helwig?

Seit 40 Jahren macht Matthias Helwig im Fünf-Seen-Land Kino. Ein Gespräch über den Kampf gegen die Couchhocker und das digitale Zeitalter
von  Peter Gratz
Breitwand-Chef Matthias Helwig vor dem Prunkstück seiner Kinounternehmung: Das vor zehn Jahren neu errichtete Fünf-Säle-Haus mit Restaurant am Gautinger Bahnhof.
Breitwand-Chef Matthias Helwig vor dem Prunkstück seiner Kinounternehmung: Das vor zehn Jahren neu errichtete Fünf-Säle-Haus mit Restaurant am Gautinger Bahnhof. © Peter Gratz

Wer mit Matthias Helwig sprechen will, darf ihn nicht aus den Augen lassen. Kurz vor Interviewbeginn ist er plötzlich weg. Nach kurzer Stille hört man seine Stimme aus der Küche des Kino-Restaurants, spontane Besprechung mit dem Küchenpersonal. Auch ein wichtiges Telefonat steht in Kürze an. In einem Kino gibt es immer was zu tun, das steht schon vor dem Gespräch fest.

AZ: Herr Helwig, 40 Jahre Breitwand Kino wird am Samstag mit einer großen Feier im Gautinger Kino begangen. Der Termin fällt mit der Eröffnung des Filmfest München zusammen: Ein unglücklicher Zufall oder sehen Sie da keine Konkurrenz?
MATTHIAS HELLWIG: Ich habe die 40-Jahr-Feier so konzipiert, dass sie an einem Samstag stattfindet - genau 40 Jahre nach dem Tag, an dem ich mein erstes Kino eröffnet habe. Die Münchner feiern ihr Filmfest und wir hier im Landkreis eben 40 Jahre Breitband.

Danach geht es mit dem Jubiläumsprogramm weiter, das schon seit dem Frühjahr läuft. Was erwartet Besucher jetzt?
Ich wollte die Highlights der letzten 40 Jahre noch mal zeigen mit Filmen, die man heute fast gar nicht mehr kennt, wie zum Beispiel „Der Duft der grünen Papaya“, aber auch Klassiker wie „Jenseits von Afrika“.

Matthias Helwig, Sandra Hüller und Regisseurin Annika Pinske beim 16. Fünf Seen Festival im Seebad in Starnberg.
Matthias Helwig, Sandra Hüller und Regisseurin Annika Pinske beim 16. Fünf Seen Festival im Seebad in Starnberg. © IMAGO/BREUEL-BILD

Sie haben 1986 in Gilching ein bereits bestehendes Kino übernommen. Wie hat sich das Kinomachen in den Jahrzehnten entwickelt?
Breitwand Kino steht weiterhin für das Gleiche wie vor 40 Jahren: Wir machen Programmkino. Es muss also ein Programm geben. Und es entsteht in meinem Kopf.

Wie stellt man ein Filmprogramm zusammen?
Viel ist einfach Bauchgefühl und mein Geschmack. Man muss sehen, wie Filme zusammengehören. Wir zeigen ein breites Programm von Familien- bis zu Arthouse-Filmen. Ich habe heute zum Beispiel „Dry Leaf“ bestellt, den letzten Film des bulgarischen Regisseurs Koberidze: etwas, was man eigentlich überhaupt nicht mehr in der sogenannten Provinz zeigt. Da gehen - wenn überhaupt - zehn Leute rein. Aber ich will diese Filme anbieten. Das Geld verdienen wir natürlich mit der Familienware, wie jedes andere Kino auch.

Matthias Helwig mit Paula Beer in der Schlossberghalle Starnberg.
Matthias Helwig mit Paula Beer in der Schlossberghalle Starnberg. © IMAGO/Lindenthaler

Wie hat sich die Kino- und Filmlandschaft verändert?
Kurz gesagt: Es hat seit der Jahrtausendwende eine Mainstreamisierung stattgefunden. Das begann mit den, fürs Kino guten Blockbustern „Herr der Ringe“ und „Harry Potter“. Aber seit dem kommt es zur dauernden Wiederholung dieser Schienen, Marken. Die Wahrnehmung hat sich immer mehr auf die großen Titel verlagert. Früher starteten pro Woche drei, vier Filme. Die wurden in den Medien besprochen und jeder wusste so, was es mit diesen Filme auf sich hat. Heute sind es zwölf Filme pro Woche. Man kriegt vielleicht noch einen mit, der Rest verschwindet in Nischenkanälen. Wir Kinobetreiber müssen uns jetzt einfach viel mehr anstrengen, um die Menschen überhaupt zu erreichen.

Ein Kinoabend kann begeistern, Fernsehen kann das nicht

Am ersten Standort in Gilching wurden sie nach 13 Jahren von einem „Mainstreamkino“ verdrängt. Hat das bei Ihnen zu einer Art „Jetzt-Erst-Recht“-Mentalität geführt?
Nein. Ich habe an der Filmhochschule in München Regie studiert und komme daher eher vom Film. Das heißt, mir liegt das Arthouse-Kino einfach näher. Man muss immer das machen, was man beherrscht. Und ich beherrsche Mainstream-Kino gar nicht so gut. Es war bei meinem Ende in Gilching damals schlichtweg so, dass ich meinte, mit meinem Programm die neu geforderte Pachtsumme nicht erreichen zu können. Ich wollte aber weiter Filme zeigen, von denen ich wusste, da kommen zwar wenig Leute, aber sie sind mir wichtig. Sonst würde mir die Arbeit auch keinen Spaß machen.

Woher kommt die große Liebe zum Film, zur großen Leinwand?
Ich denke davon, dass man in der Jugend irgendwann mal in ein Kino mitgenommen wurde und begeistert war. So etwas kann ein Film im Fernsehen nicht auslösen. Dazu war mein Vater ein großer Kinogänger. Als er früh starb, habe ich gedacht: Das ist doch etwas, was ich übernehmen kann. Und immer wenn es mir heute schlecht geht, setze ich mich ins Kino und es geht mir danach besser.

Wenn man Regie studiert, möchte man ja eigentlich Filme machen. Wie kamen Sie dazu, ein Kino zu übernehmen?
Das war Zufall. 1986 war die Medienlandschaft diametral anders als heute. Es gab drei Fernsehsender und sonst nichts. Da haben wir uns - ich hatte damals schon zwei Kinder und eine Lebenspartnerin - gedacht, wir versuchen mit Kino ein Standbein zu haben. Wir waren jung und hatten in der Umgebung auch eine Gruppe Unterstützer. So haben wir uns voll reingestürzt und es hat immer mehr die Herrschaft über alle anderen Gedanken übernommen.

Nina Hoss bei der Verleihung des Hannelore Elsner Schauspielpreis 2020.
Nina Hoss bei der Verleihung des Hannelore Elsner Schauspielpreis 2020. © IMAGO/BREUEL-BILD

In der Vergangenheit wurde immer wieder der Niedergang des Kinos vorausgesagt. Sie haben hingegen noch vor zehn Jahren, 2016, in Gauting ein Kino mit fünf Sälen neu gebaut.
Kino ist keine Wachstumsbranche, aber wird weiter bestehen - immer! Weil Kino ein relativ niedrigschwelliger Ort zum Ausgehen ist. Aber es gibt Wellenbewegungen, auf die man reagieren muss. Das war, als die DVD aufkam oder jetzt die Streamingdienste. Letztendlich gab es aber immer wieder ein Rollback zum Kino, auch wenn wir nicht mehr die Zahlen von früher haben. Aber wenn man seine Arbeit vor Ort macht, versucht die Leute mitzunehmen, dann kann man sie schon wieder von ihrer Couch holen. Das ist natürlich schwerer in Orten, in denen seit Jahren kein Kino mehr ist.

Ihre Kinos sind im Münchner Umland. Ist dieser Standort eher Vorteil oder Nachteil?
Letztendlich braucht ein Kino ein gewisses Zuschauerpotenzial. Der Deutsche geht im Durchschnitt einmal im Jahr ins Kino. Wenn ein Kino also bestehen will, muss es einen so großen Umkreis haben, dass der Durchschnittsbesucher zum Überleben reicht. Also wenn hier der Landkreis 100.000 Einwohner hat, dann kann man in diesem Landkreis pro Jahr mit 100.000 Leuten rechnen.

Offenheit und Neugier sind Voraussetzungen für das Kino

Sie sind im Münchner Südwesten mittlerweile eine Kino-Institution.
Nach Gilching habe ich eben zwei Angebote bekommen, wo wir dann weitergemacht haben: Herrsching und Seefeld, zwei eher kleinere Orte. Deswegen war ich froh, dass noch Starnberg dazu kam. Dann gab es halt die Chance, auch noch hier in Gauting, dank der damaligen Bürgermeisterin, ein Kino selbst zu machen - auch mit einem Restaurant, was für mich dazugehört. Vor 40 Jahren war das noch nicht üblich, dass man nach dem Kino ausgeht. Aber ich habe schon 1986 begonnen, einen Event-Ort zu schaffen. Ich versuche der Zeit immer ein bisschen voraus zu sein und dadurch das Publikum zu binden.

Also ist der Kinobesuch jetzt mehr Event?
Ein Kinobesuch war schon immer etwas mehr als nur der Film. Es muss letztendlich insgesamt ein schöner Abend werden, damit jemand seine Couch verlässt.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?
Weiterhin Offenheit gegenüber Themen, gegenüber Menschen. Nur wenn man offen ist, geht man ins Kino und auch in unbekanntere Filme. Das Wissen, das man bekommt, wenn man zum Beispiel in einen Kinofilm geht über Georgien oder Iran, ist etwas anderes als eine Fernsehnachricht. Man setzt sich in einem Film mit denen dort an einen Tisch und schaut, wie die leben. Auch als Tourist geht man ja immer nur durch die Straßen und sieht die Fassaden, aber man weiß nicht, wie es dahinter aussieht. Wenn wir diese Neugier erhalten, dann kann man auch Kino weitermachen. Außerdem muss Kino immer Premiumqualität haben, weil wir Geld dafür verlangen, dass die Leute in diese Säle kommen. Das kann man teilweise selber schaffen mit Filmreihen, mit Querbezügen, mit Filmgesprächen. Da sind wir schon auf der richtigen Spur.

In allen Breitwandkinos gibt es am 27.06. Filmhighlights zum Preis von 1986. Aktuelle Filme kosten 7€. ¦ www.breitwand.com

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