Interview

Wie sich ein Goldener Bär anfühlt: Ingo Fliess über "Gelbe Briefe"

Der Münchner Produzent hat den Gewinnerfilm der Berlinale produziert. Und erzählt, warum die Berlinale gerade mit ihren Streits richtig war.
von  Dominik Petzold
Özgü Namal (links) und Tansu Biçer im Film „Gelbe Briefe“ des Regisseurs Ilker Çatak.
Özgü Namal (links) und Tansu Biçer im Film „Gelbe Briefe“ des Regisseurs Ilker Çatak. © Foto: Ella Knorz/ifProductions/Alamode

Ihr vorheriges Werk "Das Lehrerzimmer" wurde für den Oscar nominiert und mit fünf Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet. Nun haben der Münchner Filmproduzent Ingo Fliess und Regisseur İlker Çatak mit "Gelbe Briefe" bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Der Film kommt nächste Woche ins Kino.

AZ: Herr Fliess, herzlichen Glückwunsch. Können Sie den Moment schildern, als Sie erfahren haben, dass Sie den Goldenen Bären gewonnen haben?
INGO FLIESS: Wenn man zur Preisverleihung eingeladen wird, darf man erwarten, einen Preis zu gewinnen - aber man weiß nicht, welchen. Auch andere Kolleginnen und Kollegen haben einen Anruf bekommen, sind dort, wissen aber genauso wenig. Also blieb es bis zum Schluss hochspannend. Erst als nur noch ein Bär übrig war, hat sich in uns dieses unfassbare Glück ausgebreitet. Dann weiß man: Wir werden gleich einen Goldenen Bären bekommen - unglaublich.

Özgü Namal (links) und Tansu Biçer im Film „Gelbe Briefe“ des Regisseurs Ilker Çatak.
Özgü Namal (links) und Tansu Biçer im Film „Gelbe Briefe“ des Regisseurs Ilker Çatak. © Foto: Ella Knorz/ifProductions/Alamode

Oscar-Nominierung oder Goldener Bär: Was ist wertvoller?
Die Oscar-Nominierung hat Ilker Çatak als internationale Regie-Persönlichkeit überhaupt erst ins Bewusstsein gerufen, das war sein Durchbruch. Der Bär ist ein extrem prestigeträchtiger Preis. Seit 22 Jahren wurde kein deutscher Film mehr damit ausgezeichnet, insofern kann ich die Wirkung noch gar nicht richtig absehen. Ganz sicher ist der Preis ein wichtiger Anschub für den anstehenden Kinostart von "Gelbe Briefe", weil überall darüber berichtet wird.

Die Berichterstattung über die Berlinale wurde von Politik und Aktivismus bestimmt. Auch in den Artikeln über die Preisverleihung ging es nicht nur um die Gewinnerfilme. Hat sie das geärgert?
Kein bisschen. Die Energie im Raum bei der Preisverleihung, der zum Teil offene Schlagabtausch und die Vielstimmigkeit: Das ist, was ein Festival wie die Berlinale braucht. Wir wollen nicht im Elfenbeinturm arbeiten, wir wollen mit einer politischen Haltung Filme machen. Das heißt nicht, dass wir Agendafilme machen. Aber es ist extrem wichtig, dass Film das Abbild unserer komplizierten, vielstimmigen Gesellschaft ist.

Noch einmal vor der Fotowand: Ilker Catak und der Filmproduzent Ingo Fliess nach der Bären-Gala der 76. Berlinale.
Noch einmal vor der Fotowand: Ilker Catak und der Filmproduzent Ingo Fliess nach der Bären-Gala der 76. Berlinale. © picture alliance/dpa/POOL AFP

Sie haben sich in ihrer Preisrede auch politisch geäußert. Was war Ihr Anliegen?
Ein Großteil der Menschheit will in Frieden, Harmonie und gegenseitiger Toleranz leben. Zurzeit streiten sich vor allem die liberalen, wohlgesonnenen Menschen untereinander und haben schreckliche Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit - sei es in der Frage Israel-Palästina, des Iran, des Ukrainekriegs und anderer Krisenherde der Welt. Und während wir uns streiten und die Köpfe einschlagen, organisieren sich die Rechten, die Autokraten und Nihilisten, um eine Welt entstehen zu lassen, in der wir alle nicht mehr leben wollen werden. Es war mir ein Anliegen zu sagen: Lasst uns bitte zusammenhalten gegen diese große Gefahr von rechts, die ein Leben, wie wir es kennen, nicht mehr erlauben würde.

Womit wir bei "Gelbe Briefe" wären. Darin gerät ein türkisches Künstlerpaar in einem autokratischen System unter Druck und verliert seine Lebensgrundlage. Die beiden müssen sich zwischen Anpassung und moralischem Anspruch entscheiden. Beide gehen einen eigenen Weg - aber welcher der richtige ist, beantwortet der Film nicht eindeutig.
Komplexität ist ein hoher Wert, den wir in unserer Arbeit immer anstreben. Wir versuchen immer, dass man in unseren Filmen die Dilemmata, in das die Menschen geraten, miterleben kann. Ich glaube aber, dass der Film viel mehr Antworten gibt als "Das Lehrerzimmer". "Gelbe Briefe" geht viel weiter und hat einen dritten Akt, der eine Lösung für beide Figuren bedeutet. Die ist allerdings zweischneidig und ambivalent.

Die Schauspielerin Özgü Namal (re.) und ihr Mann im Film, Tansu Biçer, in „Gelbe Briefe“.
Die Schauspielerin Özgü Namal (re.) und ihr Mann im Film, Tansu Biçer, in „Gelbe Briefe“. © Foto: Ella Knorz/ifProductions/Alamode

Die Ambivalenz entsteht auch dadurch, dass die Künstler nicht nur für sich selbst eintreten können: Sie müssen auch eine Tochter großziehen.
Es ist sogar noch etwas komplexer: Auch wenn es das Kind nicht gäbe, würde die Figur Derya alles tun, um wieder zu spielen, weil sie eine Schauspielerin ist und davon lebt, im Rampenlicht zu stehen. Das ist auch ein untergründiges Thema des ganzen Films: unsere performativen Akte im Leben. Wen spielen wir die ganze Zeit? Den strengen Vater, den braven Muslim, der in die Moschee geht, den aufrichtigen Bürger, der sein Land liebt. Diese Rollen werden uns von der Gesellschaft zunehmend aufgezwungen, und nur indem wir sie spielen, kommen wir weiter im Leben.

Aber der Drang, gesehen zu werden, rechtfertigt nichts. Sonst könnten wir ja auch das Verhalten von Heinz Rühmann im Dritten Reich einfach akzeptieren.
Aus der sicheren historischen Distanz ist das leicht zu verurteilen. Wir glauben alle, dass wir im Dritten Reich Widerstandskämpfer gewesen wären ... Und andersrum gedacht: Würden wir in einer AfD-Diktatur wirklich alle auswandern?

Regisseur Ilker Catak, bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises mit dem Preis für die beste Regie für „Das Lehrerzimmer“. Ebenfalls eine Produktion von Ingo Fliess.
Regisseur Ilker Catak, bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises mit dem Preis für die beste Regie für „Das Lehrerzimmer“. Ebenfalls eine Produktion von Ingo Fliess. © picture alliance/dpa

Im Film stellen Berlin und Hamburg Istanbul und Ankara dar: Wie sind Sie auf die Idee dieses Verfremdungseffekts gekommen?
Wir haben das nicht gemacht, weil man den Film in Istanbul und Ankara nicht drehen könnte. Unser türkischer Co-Produzent hat gefragt: Wie wäre es, wenn wir die Orte einfach verlegen? Wir hatten das Gefühl, dass der Film in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern verstanden wird. Das ist kein Film gegen oder ausschließlich über die Türkei. Dass er dort spielt, liegt an der Biografie des Regisseurs und Autors, der in Deutschland und der Türkei zu Hause ist. Es erschien uns reizvoll, dass wir vom Regionalen und Zeitpolitischen wegkommen und etwas Universelles erschaffen.

Sie zeigen aber nicht einfach Hamburg und Berlin, sondern haben dort nach visuellen Ähnlichkeiten zur Türkei gesucht.
Über weite Strecken des Films denkt man deshalb wahrscheinlich gar nicht darüber nach, dass wir nicht in der Türkei sind. Die Fähre im Hamburger Hafen sieht einer Bosporus-Fähre in Istanbul ziemlich ähnlich. Aber wir haben auch gezielt Brüche gesucht. Wir hatten Spaß daran, mit dem Verfremdungseffekt zu spielen.

Der Film ist auf Türkisch gedreht, kommt im Original und synchronisiert ins Kino. Wie war es für Sie, einen fremdsprachigen Film zu produzieren?
Sehr herausfordernd und schwierig. Das geht nur mit unbedingtem Vertrauen zu dem Regisseur, der beide Sprachen perfekt spricht. Aber ich konnte ihm am Set nicht zur Seite stehen wie sonst. Und es war ein anspruchsvoller Prozess, das Team hinter den Film zu kriegen. Nur zehn Prozent des Teams kamen aus der Türkei. Für die Editorin Gesa Jäger und die Kamerafrau Judith Kaufmann war es eine besondere Herausforderung, auch wenn sie natürlich Übersetzer hatten. Und für Ilker war es doppelte und dreifache Arbeit, weil er in mehrere Richtungen kommunizieren musste. Das war schon eine sehr abenteuerliche Art zu arbeiten.

Wieso haben Sie überhaupt auf Türkisch gedreht, wenn der Film einen universellen Anspruch hat?
Ein Film braucht eine Identität, einen eigenständigen Charakter, eine Herkunft. Wenn wir auf Deutsch gedreht hätten, wäre der Film eine Science Fiction geworden. Dann hätten wir uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass wir in Alarmismus verfallen. Die Herkunft der Geschichte aus der Türkei - inspiriert durch die wahren Ereignisse und die Säuberungen, die dort bis heute stattfinden - gibt dem Film eine Kraft, die eine Science-Fiction nie hätte.

Sie planen mit Ilker Çatak gerade eine Serie auf Grundlage von Bernhard Schlinks Roman "Die Enkelin". Wann geht es mit den Dreharbeiten los?
Wir sind mitten in der Drehbucharbeit, wollen Ende des Jahres Drehbücher haben, mit der wir die weitere Entwicklung vorantreiben. Realistischerweise beginnen die Dreharbeiten 2028.

Filmproduzent Ingo Fliess.
Filmproduzent Ingo Fliess. © HFF München

Nach der Oscar-Nominierung sagten Sie, es sei nicht entscheidend leichter geworden, Filme zu finanzieren. Mit dem Goldenen Bär sollte es nun aber schon einfacher werden, oder?
Ilker Çatak wird seine Karriere mit uns bei if… productions fortsetzen, und natürlich erhoffe ich mir für die anderen jungen Filmemacherinnen und Filmemacher, mit denen wir zusammenarbeiten, dass etwas von dem Licht auch auf sie fällt und die Sache für sie und uns leichter wird. Ich glaube schon, dass es leichter wird.

"Gelbe Briefe" kommt am 5. März ins Kino

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