Wie Paul McCartney nach den Beatles neu anfing

Es ist alles andere als einfach, eine Band wie die Beatles hinter sich zu lassen. Paul McCartney (83) ist genau das gelungen. Der Dokumentarfilm "Man on the Run", der ab dem 27. Februar bei Prime Video verfügbar ist, zeigt, wie die Musiklegende diesen schwierigen Neuanfang gemeistert hat. Die Doku bietet einen intimen Einblick in eine der prägendsten Phasen im Leben von "Macca".
Mit Archivmaterial und Voice-over-Interviews zeigt der Oscar-prämierte Regisseur Morgan Neville (58) diese Jahre nicht als glamouröse Übergangsphase, sondern als brüchigen Neuanfang - und rückt dabei eine Frau in den Mittelpunkt, ohne die diese zweite Karriere kaum denkbar gewesen wäre: Linda McCartney (1941-1998).
Paul McCartneys schwerer Neuanfang
Nach dem Ende der Beatles wusste Paul McCartney zunächst nicht, wohin mit sich. "Die Beatles waren mein ganzes Leben", beschreibt er die Leere, die das Aus der Band hinterließ. Erschwert wurde dieser Prozess zusätzlich dadurch, dass es kein klarer Bruch war, sondern ein stilles, schleichendes Ende.
John Lennon (1940-1980) wollte die Band verlassen, doch der neue Beatles-Manager Allen Klein (1931-2009) hielt diesen Schritt zunächst unter Verschluss. Als Paul McCartney die Auflösung später öffentlich machte, wurde ausgerechnet er zum Sündenbock. Dabei wurde ihm die Schuld für eine Entwicklung zugeschoben, die sich längst abgezeichnet hatte: In der Band hatten sich über längere Zeit Spannungen und kreative Differenzen aufgebaut.
Anstatt Interviews zu geben und sich öffentlich zu rechtfertigen, zog sich Paul McCartney radikal zurück: mit seiner Familie auf eine abgelegene Farm in Schottland. An seiner Seite: Ehefrau Linda McCartney, die New Yorker Fotografin, die er 1969 geheiratet hatte, sowie die beiden Töchter Heather, die Linda mit in die Ehe brachte, und Mary, das erste gemeinsame Kind des Paares.
Zwischen Schafen und Gummistiefeln entstehen zwei Alben
McCartney geriet in eine tiefe Sinnkrise. Nach eigenen Angaben trank er zu viel Alkohol und suchte Ablenkung im einfachen Landleben auf der kleinen Farm. Lange untätig blieb er jedoch nicht.
Musikalisch begann McCartney fast demonstrativ im Kleinen. Sein selbst eingespieltes, bewusst roh gehaltenes Album "McCartney" entstand 1970 weitgehend als eigenständiges Projekt - ohne Band, ohne großen Produzentenapparat. Statt auf polierte Studio-Perfektion setzte er auf Unmittelbarkeit und Authentizität. Rückblickend lässt sich diese Phase durchaus als früher Vorgriff auf das verstehen, was später als Lo-Fi-Ästhetik bekannt wurde.
Mit "Ram" folgte 1971 das Album, das die Weichen für McCartneys nächstes Jahrzehnt stellen sollte. Gleichzeitig war es der Auftakt seiner musikalischen Zusammenarbeit mit Linda McCartney. Bei der Kritik fiel das Werk zunächst durch, teils wurde es regelrecht verrissen. Das Magazin "Rolling Stone" bezeichnete es damals als "bedeutungslos". Heute jedoch gilt "Ram" gerade wegen seines besonderen Charmes als Klassiker in McCartneys Diskografie.
Paul McCartney lässt sich Flügel wachsen
Eines Morgens fragte McCartney seine Frau im Bett: "Wenn ich eine neue Band gründen würde - wärst du dabei?" Linda McCartney sagte zu, und damit war der Grundstein für das neue Projekt Wings gelegt. In der ursprünglichen Besetzung saß Denny Seiwell am Schlagzeug, Denny Laine übernahm die Gitarre, Linda McCartney spielte Keyboard, und Paul McCartney sang und spielte Bass.
Da Linda McCartney keine ausgebildete und erfahrene Musikerin war, reagierte die Presse spöttisch auf ihre Besetzung in der Band. Der Film lässt Linda McCartney selbst antworten - ruhig und entwaffnend sagt sie: "Ich bin nicht hier, weil ich die beste Keyboarderin bin - ich bin hier, weil wir uns lieben."
Erfolge der neuen Band
Die Fans verstanden und schätzten den familiären Geist von Wings. Die Band absolvierte ausverkaufte Tourneen, trotzte den Zweifeln der Kritiker und feierte mit dem millionenfach verkauften "Mull of Kintyre" einen ihrer größten Triumphe. Wings hatten sich damit nicht nur von den ständigen Vergleichen mit den Beatles emanzipiert, sondern waren endgültig im Mainstream angekommen - als Band mit eigener Identität und eigener Geschichte.
Im Mai 1976 spielte die Band zwei ausverkaufte Konzerte im Madison Square Garden in New York. Die Doku inszeniert diesen Moment nicht als Triumph über die Vergangenheit, sondern als stillen Beleg dafür, dass McCartney auch ohne seine frühere Band ein großes Publikum erreichen konnte. Linda McCartney war an diesem Erfolg entscheidend beteiligt.
Verhaftung in Japan läutete das Ende ein
Ende der Siebzigerjahre war bei Wings zunehmend die Luft raus. Zwar stand noch eine Japan-Tour an, doch schon die Proben verliefen schlecht. McCartney fühlte sich unzureichend vorbereitet und ausgebrannt.
Dann folgte der nächste Rückschlag: 1980 wurde McCartney bei der Einreise nach Japan wegen Cannabisbesitzes verhaftet und verbrachte zehn Tage in einer Gefängniszelle in Tokio, bevor er des Landes verwiesen wurde. Die gescheiterte Japan-Tour besiegelte schließlich das Ende der Band; 1981 lösten sich Wings offiziell auf.
Die Siebziger legten Grundstein für erfolgreiche Solo-Karriere
Von da an war McCartney wieder als Solokünstler unterwegs. Das Jahrzehnt mit Wings hatte ihm die wichtige Gewissheit gegeben, auch ohne die Beatles weiter Musik machen zu können. Wobei es ohnehin schwer vorstellbar ist, dass er je hätte aufhören können. McCartney ist ein Arbeitstier, dessen Fleiß entscheidend zum gewaltigen Erfolg der Beatles beigetragen hat. In der Dokumentation wird er an einer Stelle als "Workaholic" bezeichnet, worauf er mit feiner Ironie erwidert, er spiele Musik und sei deshalb eher ein "Playaholic".
Am Ende zeigt "Man on the Run", dass McCartney sich nicht nur eine zweite Karriere aufbaute, sondern vor allem eine neue Art fand, zu arbeiten, zu leben und sich selbst zu definieren. Linda McCartney war dabei kein Beiwerk, sondern das Fundament dieses Neuanfangs. Mit Humor, Loyalität und Mut stand sie an seiner Seite und machte den Erfolg von Wings erst möglich. Der Film erzählt deshalb weniger vom Comeback eines Genies als von der Kraft einer außergewöhnlichen Partnerschaft.
Mit Linda McCartneys Tod bekam diese Geschichte rückblickend noch einmal ein anderes Gewicht. Als sie am 17. April 1998 im Alter von 56 Jahren nach einer 1995 diagnostizierten Brustkrebserkrankung starb, verlor Paul McCartney nicht nur seine Ehefrau, sondern auch seine engste Vertraute und wichtigste Mitstreiterin. Ihr Tod markierte das schmerzhafte Ende einer Partnerschaft, die seinen Neuanfang nach den Beatles überhaupt erst getragen hatte. McCartney sagte später, er habe ein Jahr lang immer wieder um sie geweint.