Wie kann man sexfrei über Sex erzählen? "One Night Only" ist der peinlichste Film des Jahres
Der Witz begann schon im Vorfeld: Dem US-Branchenmagazin "Variety" hatte Regisseur Will Gluck gesagt, er habe nachträglich fast alle Nacktszenen und intimen Momente herausgeschnitten, weil das Kinopublikum sich an expliziten Szenen störe. Und so ist mit "One Night Only" eine romantische Komödie für junges Kinopublikum entstanden, in der es komplett sexfrei nur um das Eine geht – und das auch noch bieder angepasst und reaktionär.
Sparwitze über Gleitcreme und keine Rebellion
Dabei hätte die Grundprämisse echtes dystopisches Potenzial für Rebellion und nötigen politischen Widerstand gegeben, also die Chance auf eine spannende Metaebene über der ohnehin nie eingelösten Sex-Schiene. Denn "One Night Only" spielt in nächster Zukunft, in der in den USA die Prüderie der evangelikalen Rechten zum Gesetz wird: kein Sex vor der Ehe – überprüft mit implantierten Chips und der Polizei.

Das aber nimmt man dem Film nicht ab, vor allem weil überhaupt kein Widerstand gegen die staatlich verordnete Rigidität eingebaut ist. Im Gegenteil: Auch unsere eigentlichen Helden halten sich brav an all diese totalitären Vorgaben - inklusive Vorbereitung auf eventuellen Sex mit allen denkbaren Verhütungsmethoden. Denn eine Nacht pro Jahr werden als Ventilfunktion alle noch Unverheirateten freigeschaltet. Dabei scheut sich Regisseur Gluck auch nicht vor blöden Gleitcreme-Witzen. In dieser einen Nacht sollen – wie es sich für eine Romcom gehört – Allie und Owen zusammenkommen: ein Pizzabäcker (James-Bond-Kandidat Callum Turner) und eine aus Lampenfieber verhinderte Popsängerin (Monica Barbaro).
Sie stolpern also in den erlaubten Stunden zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr morgens durch ein dauerrammelndes junges New York, wobei man aber immer nur sich aneinander reibende, angezogene Körper sieht: auf Feuerleitern, U-Bahn-Bänken und Club-Sesseln.

Man ist fassungslos, wie albern, unerotisch, unrebellisch man diese Geschichte erzählen kann. Für Owen geht sein Sex-Date mit der eigenen Freundin schief. Allie wiederum wird von ihrer besten Freundin, mit der sie durch die Nacht ziehen wollte, gleich für eine schwarze Blitzbekanntschaft auf Nimmerwiedersehen im Stich gelassen. Das ist auch der einzige Anflug von Diversität. Homosexuelle oder nicht-weiße Liebe kommen nur als Staffage vor. Fünfmal stolpern Allie und Owen aneinander vorbei: wie beim Kampf um das letzte Präservativ in einer Drogerie, auf einer Polizeiwache nach seiner Verhaftung wegen eines Sex-Spielchens im Park oder auf einer VIP-Party, auf der sie sich einschmuggeln.
Und als es in seiner Pizzeria nächtlich zwischen Allie und Owen klappen könnte, fällt ihm – psychologisch haarsträubend unglaubwürdig – wieder seine untreue Freundin ein: ein Interruptus, bevor man sich überhaupt geküsst hat und ein Dramaturgiekiller im Sinne einer unerotischen Verzögerung.

Bei alledem ist „"One Night Only" auch noch geschmacklich peinlich: Die schöne Monica Barbaro wird in ein ordinäres, superknappes Glitzerkleid mit Riesenausschnitt gesteckt, was nur vom US-Geschmack Hirngewaschene als erotisch empfinden können. Und wenn in Sexgesprächen das "F"-Wort oder Ähnliches fällt, hat man immer das Gefühl, dass der Film herausschreien will: Hier haben wir uns aber echt mal was getraut! Was unfreiwillig umso deutlicher macht, wie mutlos "One Night Only" ist, was Spannung, Humor und Erotik betrifft.

Mit so einer Jugend ist Totalitarismus ein Kinderspiel
Ein witziger Satz fällt dann doch, als Allie im Club genötigt wird, einen Song zu singen: diesmal keinen Spot wie sonst als Studiosängerin, wenn sie zum Beispiel einen Clip einsingt, der für ein Anti-Schuppenflechte-Shampoo wirbt. Jetzt, live, wählt sie – sehr retro – "Only You" von 1982, bekannt durch Alison Moyet. "Ein trauriger Song", sagte er. Und sie: "Meine Eltern sind Deutsche." Traurigerweise warten Allie und Owen dann auch noch ein Jahr auf Erlaubnis zum Sex: beim nächsten Freischalttag.
"Die blaue Lagune" als Gegenbeispiel
Mit so einer angepassten Jugend könnte man jedes totalitäre System etablieren. Prüder, keuscher und konservativer geht es nicht. Und das liegt nicht an der FSK 12, um möglichst viele Teenager ins Kino zu bekommen, sondern an der reaktionären Haltung des Films. Interessant ist da ein Vergleich mit der viel geschmähten "Blauen Lagune" von 1980, die ebenfalls Teenager mit einem Erotikversprechen ins Kino locken sollte. Randal Kleiser hatte aber wenigstens Mut zu Kitsch, Romantik und Körperlichkeit.
Kinos: Mathäser, Royal sowie Museum, Cinema (OV), Regie: Will Gluck (USA, 102 Min.)
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