Max Mustermann sieht rot: "No Other Choice"
Vielleicht hat man sich auch schon mal dabei ertappt, zu denken, "wenn der tot umkippt, wäre es gar nicht so schlecht." Zum Mord ist es dann natürlich noch ein weiter Schritt, aber Kriminologie und Geschichte lehren: Jeder kann zum Mörder werden. Und hier setzt "No Other Choice" des Koreaners Park Chan–wook an – nach einem Roman ("Die Axt") des US–Amerikaners Donald Westlake. Und der ist eine – auch antikapitalistische – schwarze Satire.
Denn hier passiert das, was man manchmal auch in Zeitungsartikeln lesen kann: Dass jemand der Familie vorspielt, er habe einen guten Job, den er aber verloren hat. Diese Familie ist hier bilderbuchartig aus der Mittelschicht, die es durch Leistung zu Status gebracht hat – mit (kreditfinanziertem) Eigenheim, Garten mit Grillecke, zwei Kindern und natürlich den treuen Familienhunden: zwei Golden Retriever, die, gegen Ende, als die Situation auffliegt, auch noch verkauft werden müssen. Eine letzte Demütigung für unseren bisher so gut im Leben performenden Man–soo vor den verwöhnten Kindern.
Jetzt, da der Job nach einer emotionslosen, brutalen Entlassungszeremonie weg ist, empfindet Man–soo vor allem Scham. Ganz im Sinne des Systems, ergreift er für Bewerbungen Eigeninitiative. Dass schnell aus allem Aggression erwächst, hat auch den witzigen Aspekt, weil der Schauspieler Lee Byung–hun in seiner Rolle so ein sauberer Max Mustermann ist, dass man ihn sein "Rot–Sehen" äußerlich gar nicht anmerkt.
"No Other Choice": Nur die Zuschauer sehen die bröckelnde Fassade
Nur wir Zuschauer schauen hinter die bröckelnde Fassade. Der zweite Witz ist, dass – ganz klassisch – die Idee, Konkurrenten für ein gutes neues Jobangebot umzubringen, eine schwarzhumorige Abwärtsspirale in Gang setzt, die außer Kontrolle gerät. Wie oft im südkoreanischen Kino, zeichnet sich der Film durch eine Mischung aus Gesellschaftskritik, Humor und Gewalt aus. Kontrastiert wird die teils brutale Handlung durch visuelle Schönheit.

In Park Chan–wooks ("Oldboy", "Lady Vengeance") koreanischem Oscarbeitrag ist alles kunstvoll, wirkt dabei aber – und das ist die eigentliche Kunst – ganz natürlich, wenn auch über dem Film ein melancholischer Schatten liegt.
Die Mordserie bildet nicht einfach eine Episodenkette, sondern sorgt dafür, dass die Opfer selbst sehr unterschiedliche Charaktere verkörpern. Die Methoden, die oft nach Unfall aussehen sollen, sind sehr bunt, bis hin zu einem Versuch, einen Konkurrenten mit seinem Hang zu Alkoholexzessen durch ein Trinkgelage zu Tode zu bringen.

In der aktuellen politischen Diskussion um Faulheit, Teilzeit, Work–Life–Balance ist "No Other Choice" ein origineller Beitrag. Denn hier kämpft einer mit allen Mitteln, voll arbeiten zu dürfen. Eine Befreiung wäre, die Frau die wirtschaftliche Last der Familie mittragen zu lassen, aber dazu scheint diese – hier dargestellte Gesellschaft – noch zu patriarchalisch. Trad–Wifes sind jedenfalls auch nicht die Lösung, auch wenn sie einem den Rücken stärken, notfalls auch als Mordkomplizin.
Regie: Park Chan–wook (Korea, 139 Min.), Kinos: City Atelier, Monopol
- Themen:
- Mörder

