Weibliches im Kino: Frauen in nervlicher Auflösung

Filmfestival Venedig: Tilda Swinton glänzt in Pedro Almodóvars Kurzfilm und Jasmila Žbaniæ bewegt mit ihrem Srebrenica-Film.
| Adrian Prechtel
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03.09.2020, Italien, Venedig: Pedro Almodovar (r), Regisseur aus Spanien, und Tilda Swinton, Schauspielerin aus Großbritannien, kommen zu einem Fototermin für den Film "The Human Voice". Die Filmfestspiele von Venedig finden vom 2. bis zum 12. September statt. Foto: Domenico Stinellis/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ |
03.09.2020, Italien, Venedig: Pedro Almodovar (r), Regisseur aus Spanien, und Tilda Swinton, Schauspielerin aus Großbritannien, kommen zu einem Fototermin für den Film "The Human Voice". Die Filmfestspiele von Venedig finden vom 2. bis zum 12. September statt. Foto: Domenico Stinellis/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | © picture alliance/dpa

Cannes - Vor acht Jahren entstand in Cannes ein bitter-lustiger Dokumentarfilm einer jungen Regisseurin: "Männer zeigen ihre Filme, Frauen ihre Brüste." Es war die originelle Abrechnung mit der Geschlechter-Ungerechtigkeit: im Filmgeschäft und vor allem auch auf Festivals. Seither gab es die #MeToo-Debatte, den sanften Umbau der Oscarakademie und im Wettbewerb um die Goldenen Löwen sind von 18 Filmen acht von Regisseurinnen.

Zur Frage des Umgangs mit dem Weiblichen im Kino konnte man gerade hier am Lido drei Filme erleben, die die Größe und das Dilemma der Geschlechter-Gerechtigkeit zeigen. Es begann mit der fantastischen Hommage des Frauenfilmers Pedro Almodóvar an die Schauspielkunst der geschlechterschillernden Tilda Swinton, die den Löwen für ihr Lebenswerk bekam. Almodóvar hat mit ihr "Die menschliche Stimme" gedreht, eine Neuinterpretation des Theaterstücks von Jean Cocteau von 1928. In diesem Einpersonenstück telefoniert eine innerlich zerrüttete Frau mit ihrem Liebhaber, der sie verlassen hat.

"Die menschliche Stimme:" Verlust von Wichtigkeit und der Einsamkeit

Es ist ein Überlebenskampf, ein Flehen, ein Sich-Erniedrigen. Anna Magnani hat das 1948 teil-autobiografisch mit ihrem Regisseur Roberto Rossellini herzzerreißend intensiv gespielt. 2014 war Sophia Loren dran, unter der Regie ihres Sohnes. Und jetzt: Tilda Swinton, die mit diesem stilisierten, intensiven Auftritt einen Oscar verdient hätte, nur dass es sich leider um einen Kurzfilm handelt. "Ich habe mir gedacht", erzählt Almodóvar, "dass sich eine Frau heute nicht mehr mit einer derart antiquierten Art der Darstellung identifizieren kann. Diese Mentalität gibt es nicht mehr!"

Und so erlebt man jetzt eine erfolgreiche Schauspielerin mit Freisprech-Ohrstöpsel durch ihre - typisch Almodóvar - 60er-Jahre-retrogestylte Designerwohnung gehen. Immer noch ist sie eine Frau in nervlicher Auflösung, weil ihr aggressiv geliebter Liebhaber sie verlassen hat. Aber auch, weil sie Angst vor dem Altern hat, dem Verlust von Wichtigkeit und der Einsamkeit. Womit der Film nebenbei noch eine Verarbeitung der psychosozialen Schäden des Lockdowns ist.

Tilda Swinton kommt am Ende erhobenen Hauptes und mit wiedergefundenem Selbstbewusstsein aus der Geschichte heraus. Sie hinterlässt verbrannte Erde ihrer Vergangenheit, indem sie die Wohnung mit der Erinnerung an ihn abfackelt.

"Amants": Emanzipation von Geld und falscher Liebe 

Nach so einem Feuerwerk an moderner Frauenrollenzeichnung war dann die 74-jährige französische Regisseurin Nicole Garcia mit ihrem Film "Amants" eine völlige Enttäuschung: Sex als glattes, so hundertfach gesehenes Abbild schöner junger Körper mit Stacy Martin als junger Frau, die einem Dealer (Pierre Niney) verfallen ist.

Als er nach einer tödlichen Überdosis eines Kunden untertauchen muss, will sie mit, er aber zieht es alleine durch - und sie bleibt verraten und verzweifelt zurück, fällt aus ihrem Leben, trifft ihn wieder, ist aber mittlerweile reich und unglücklich verheiratet.

Auch hier steht ganz am Ende eine Emanzipation: von Geld und falscher, fanatischer Liebe. Aber letztlich hat man nur eine Frau aus männlich dominiertem Erzählblick gesehen, die über ihre Männer lebt: versorgt und begehrt. Und so kann auch der - vermessenerweise auch an "Außer Atem" anspielende - Krimischluss nicht vor Langeweile und reaktionärem Ärgernis retten.

Wie man es intensiv anders machen kann, aufwühlend, stark, schockierend, hat dann gleich der bosnische Film "Quo Vadis, Aida" gezeigt von Jasmila Žbaniæ. Er erzählt von einer Frau, der Lehrerin Aida in Sebrenica, die Dolmetscherin für die UN-Truppen wird, als die Stadt im Juli 1995 nach dreieinhalb Jahren Krieg von den bosnisch-serbischen Truppen eingenommen wird. Zehntausende muslimische Bosnier versuchen, in die eigentlich garantierte UN-Schutzzone zu kommen. Erpresst vom Zynismus der Stärkeren, weil UNO und Nato nicht eingreifen, endet alles in der Massenerschießung von über achttausend Männern und Jugendlichen durch serbische Soldaten unter General Ratko Mladiæ.

Der Film ist eine geniale, aufrüttelnde, klare Geschichtserzählung, verdichtet auf wenige Tagen, emotional transportiert über diese starke Frau. Absolut Löwen-verdächtig spielt Jasna Durièiæ, die ganz unheldisch erschüttert im Brennpunkt einer Katastrophe auch noch versucht, ihren sanften Mann und zwei Söhne zu retten.

Mit europäischen Produktionsgeldern ist hier ein starker, packender Film entstanden, der auch noch eine Mission erfüllt: Nie wieder! Denn vielleicht kann man aus Geschichte doch lernen!

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