Was schwelt da?

Auf das Wie kommt es an: Der Regisseur dieses Films ist über 70 Jahre alt und versteht es, auf natürliche Weise von Jugendlichen zu erzählen, die nicht wissen, wo sie in dieser Welt hingehören.
| Claudia Nitsche
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Ein Coming-Of-Age-Drama, wie man es nicht alle Tage sieht: "Mit Siebzehn".
2017 Kool Film Ein Coming-Of-Age-Drama, wie man es nicht alle Tage sieht: "Mit Siebzehn".
Was gibt es für ein Problem? Lange tanzt der Film "Mit Siebzehn" um diese Frage. Der mehrfach ausgezeichnete französische Regisseur André Téchiné ("Rendez-Vous", "Wilde Herzen") setzt zielsicher zwei hochtalentierte junge Schauspieler ein, um eine Geschichte vom Erwachsenwerden
zu erzählen, die vielleicht normal ist. Aber so, wie sie hier erzählt wird, ist es spannend, Halbstarke dabei zu beobachten, wie sie die Schwelle zum Erwachsensein übertreten und erkennen, wer sie werden. Sowohl der spröde Damien (Kacey Mottet Klein) als auch Kraftpaket Tom (Corentin Fila) bleiben sitzen, wenn im Sportunterricht die Teams gewählt werden. Doch der blasse Außenseiter und der Mischling bekriegen sich auch untereinander, zischen sich verbal Boshaftigkeiten zu oder stellen sich ein Bein, wenn sie nicht gleich prügeln. Nach einer Schlägerei der beiden Fast-Abiturienten muss Damiens Mutter Marianne (Sandrine Kiberlain) zum Gespräch mit dem Rektor. Dies verläuft eigenartig, denn die attraktive und engagierte Ärztin des Dorfes verteidigt nicht ihren Sohn, sondern Tom, der täglich drei Stunden Fußmarsch auf sich nimmt, um vom Bauernhof seiner Adoptiveltern
in die Schule zu kommen. Es passiert nichts Spektakuläres in diesen ersten Minuten, und doch spürt man eine Wahrhaftigkeit der Protagonisten, die einen sofort einlädt hinzusehen. Der 73-jährige Regisseur und Drehbuchautor André Téchiné weckt durch präzises und natürliches Erzählen das Interesse für seine Akteure, zwei Jungs auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Die attraktive Sandrine Kiberlain
ist als französische Allzweckwaffe sicherlich mitverantwortlich für die Auswahl des Jugenddramas in den Wettbewerb der letztjährigen Berlinale. Für Téchiné war es nach "Les Temps Qui Changent" (2005) und "Die Zeugen" (2007) bereits das dritte Mal, für die großartigen Schauspieltalente Kacey Mottet Klein und Corentin Fila eine Premiere. Beide haben bereits eine Nominierung für den französischen César erhalten, Ersterer als der kleine "Winterdieb" 2013, der bereits 28-jährige Newcomer Fila jüngst für seine Leistung in "Mit Siebzehn". Zunächst beeindruckt tatsächlich mehr der wilde Auftritt des schweigsamen Tom, nach und nach zeigt jedoch der schüchterne Damien spannende Facetten, gewinnt an Selbstvertrauen. Das Besondere an "Mit Siebzehn" ist seine inhaltliche Vielfalt. Die Kamera des erfahrenen Julien Hirsch hält die beiden Hauptfiguren im Blick, lässt jedoch das Umfeld, die anderen, nicht zu Statisten verkommen. Der Regisseur reißt die tragische Geschichte von Toms Adoptivmutter an, zeigt aber auch den Alltag in der anderen Familie, die intakt ist, in der es keine Dramen gibt, ohne dabei zu verkitschen. Tatsächlich verstehen sich die Eltern
von Damien, und er kommt mit ihnen klar. Das ändert sich auch nicht, als Tom bei Damiens Familie einzieht. Seine Adoptivmutter muss wegen einer problematischen Schwangerschaft ins Krankenhaus. Und um besser für das bevorstehende Abitur lernen zu können, soll Tom der lange Schulweg erspart bleiben, befindet Damiens Mutter Marianne. Eine drastische Wendung? Nö. Die Geschichte wird einfach weitererzählt. Etwas schwelt zwischen den beiden Jungs. Und man weiß nicht recht, in welche Richtung das Ganze kippen wird. Vielleicht in eine skandalöse Romanze? Eine Pflegemutter wie Marianne, die im Armdrücken gewinnt, ist durchaus attraktiv, und vielleicht ist Damiens Eifersucht auch Tom ja berechtigt. Tatsächlich sind eine ganze Menge (erotischer) Entwicklungen möglich in diesem Coming-Of-Age-Film, der sich auch den großen Themen des Lebens mit dem ihm eigenen realistischen Blick zuwendet. Und deshalb eben kein Film ist, wie man ihn schon zuhauf gesehen hat, sondern ein sehr stimmiges Werk.
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