Wahrheit und Heroismus? Der chinesische Kriegsfilm "The 800" in der Kritik

Streaming: Der aufwendige chinesische Kriegsfilm "The 800" sprengte im letzten Jahr trotz Corona die Kinokassen. Ist er problematische Propaganda?
| Florian Koch
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Das Lagerhaus Sihang in Shanghai schreibt im zweiten chinesisch-japanischen Krieg Geschichte.
Das Lagerhaus Sihang in Shanghai schreibt im zweiten chinesisch-japanischen Krieg Geschichte. © Koch Media

Manche Triumphe haben einen faden Beigeschmack. So auch der des Kriegsfilms "The 800", der sich als erster chinesischer Film mit einem weltweiten Einspiel von über 390 Millionen Euro an die Spitze der Film-Jahrescharts setzen konnte. Dass 2020 im Zeichen von Corona stand, US-Blockbuster verschoben wurden, während die Kinos in China früher öffneten, verschweigen die Pressemitteilungen gern.

Der Titel erinnert an einen erfolgreichen Comic-Blockbuster

Dennoch hat es nicht nur mit unglücklichen Umständen zu tun, dass dieser Ende 1937 spielende Film von Guan Hu gerade in seiner Heimat die Kassen klingeln ließ. "The 800" erinnert in seinem Titel nicht von ungefähr an Zack Snyders martialischen Comic-Blockbuster "300", in dem der Spartanerkönig Leonides an den Thermopylen einer persischen Übermacht gegenüberstand. Hier sind es knapp über 400, die Legende besagt 800, chinesische Soldaten, die sich im mehrstöckigen Lagerhaus Sihang in Shanghai verschanzt haben, um so lange wie möglich den Angriffen von 20.000 Japanern zu trotzen.

Perfekt inszenierter Hyperrealismus trifft auf pathetischen Opfergeist

Hintergrund dieser historisch belegten Episode ist der zweite chinesisch-japanische Krieg, in dem das Gemetzel rund um das Warenhaus vor allem für die Moral der chinesischen Armee einen entscheidenden Wendepunkt darstellen sollte. Und auch technisch ist "The 800", der zehn Jahre vorbereitet und wie Christopher Nolans "Dunkirk" mit speziellen IMAX-Kameras gedreht wurde ein Wendepunkt für Chinas aufstrebende Kinoindustrie. Der verzweifelte viertägige Verteidigungskampf, in dem einstige Deserteure plötzlich ihr Leben für ihr Land geben, das Individuum dabei kaum mehr eine Rolle spielt, braucht sich in seinem perfekt inszenierten Hyperrealismus und in seinem pathetischen Opfergeist für eine angeblich höhere Sache vor US-Hits wie "Der Soldat James Ryan" nicht verstecken.

"The 800": problematische Märtyrer-Heroisierung

Guan Hus problematische Märtyrer-Heroisierung, die 2020 für die chinesischen Zuschauer wohl auch ein positiver emotionaler Kontrapunkt zur westlichen Schuldzuweisung hinsichtlich Corona war, hat aber noch einen anderen zwiespältigen Beigeschmack. Die "Helden der 88. Division" gehörten faktisch der Nationalrevolutionären Armee unter Oberbefehlshaber Chiang Kai-shek an, den entschiedenen Gegnern von Mao und seinem propagierten Kommunismus.

Die chinesische Zensurbehörde ließ den Film um 13 Minuten kürzen

Und die Flagge, die sie unter Einsatz ihres Lebens und unter dem frenetischen Jubel des Volkes auf dem Warenhaus hissen konnten, war dann auch die der Republik Chinas, der späteren Nationalflagge Taiwans. So erklärt sich auch, warum die chinesische Zensurbehörde veranlasste, dass "The 800" um 13 Minuten gekürzt werden musste und die Fahne, dieses Symbol für einen Pyrrhus-Sieg, jetzt nur von der Ferne zu sehen ist.

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Ein perverses Schauspiel

Mit diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, dass viele der Soldaten wie schlichte Funktionsträger ohne Konturen gezeichnet sind und die Beobachter des Kampfgeschehens, sprich das chinesische Volk, häufiger als nötig im Fokus steht. Mit Ferngläsern bewaffnet und in sicheren, florierenden Sperrgebieten Shanghais untergebracht, beobachtet die Zivilbevölkerung das Kampfgeschehen von der anderen Seite des Suzhou Flusses aus wie einen immer packenderen Boxkampf. Ein perverses Schauspiel, das die Absurdität des Krieges aber besser auf den Punkt bringt als so mancher Hollywood-Film.

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