Viel reden und nichts sagen

Xavier Dolan hat einen Film rund um die Kommunikationsprobleme in einer Familie gedreht, der an den Nerven zehrt.
| Diemuth Schmidt
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Louis (Gaspard Ulliel) überlegt, wie er seiner Familie die Wahrheit sagen kann.
Shayne Laverdiere / Sons of Manual Louis (Gaspard Ulliel) überlegt, wie er seiner Familie die Wahrheit sagen kann.
Das Zuhause sollte ein sicherer Hafen sein, in das man nach den Stürmen des Lebens zurückkehren kann. So könnte es sein, ist es aber nicht. Zumindest nicht im neuen Drama von Xavier Dolan. Zu Hause wartet der Schmerz. Ruhig im Kinosessel zurücklehnen funktioniert für den Zuschauer von "Einfach das Ende der Welt" nicht. Der Regisseur lässt sein hochkarätiges Ensemble verbal richtig aufdrehen und bleibt mit der Kamera ganz nah dran. Kommunikationsprobleme in der Familie gehören zum Alltag. Aber Xavier Dolan wäre nicht der junge eigensinnige Regisseur
, als den man ihn aus Filmen wie "Laurence Anyways" oder "Mommy" kennt, wenn er daraus nicht etwas Größeres machen könnte. Sein Film beruht auf einem Theaterstück, auf das ihn Anne Dorval, eine seiner Stammschauspielerinnen, vor vielen Jahren aufmerksam machte. Das Drama reifte jedoch noch Jahre bei ihm und mit ihm. Dolan musste erst Zugang zu den herzzerbrechenden Unzulänglichkeiten der handelnden Personen bekommen. Als entscheidend für seine Inszenierung erwies sich, dass der Frankokanadier die besondere Sprache des Autors Jean-Luc Lagarce mit allen Wiederholungen, grammatikalischen Fehlern und Verhasplern beibehalten hat. Für die Geduld der Zuschauer stellt es eine große Herausforderung dar. In "Einfach das Ende der Welt" kehrt Louis (Gaspard Ulliel
) nach zwölf Jahren Abwesenheit erstmals nach Hause zurück. Für sein Weggehen liefert der Film nur eine vage Erklärung am Anfang: "Es gibt Dinge im Leben, die einen dazu bewegen aufzubrechen, ohne zurückzublicken." Nun also kommt er wieder und versetzt die Mutter (Nathalie Baye), den Bruder (Vincent Cassel) und die kleine Schwester (Léa Seydoux) in große Aufregung. Diese überträgt sich auch auf Louis' Schwägerin (Marion Cotillard), die schon viel von diesem verloren geglaubten Sohn gehört hat. In ihrer kleinen Welt zwischen Ehemann
und Kindern ist Louis, der Berühmtheit als Schriftsteller erlangt hat, ein Ereignis. Das unerwartete Wiedersehen bringt Freude, die allerdings nicht lange währt, weil alte Muster aufbrechen. Zudem rätselt die Familie, warum Louis ausgerechnet jetzt, scheinbar ohne Anlass, plötzlich wieder in ihr Leben tritt. Der Zuschauer kennt den Grund: Louis wird bald sterben. Ob und wie er seinen Angehörigen
die traurige Nachricht überbringt, darum dreht sich die Story. Doch obwohl es nun darum ginge, über Wichtiges zu reden, wird viel geplappert und gemeckert - mal über das Hühnchen, mal über die Serviette und dann darüber, dass Maman schon wieder von den ritualisierten Sonntagen in der Familie erzählt. Warum denn immer wieder die gleichen Geschichten, wird irgendwann in den Raum gefragt? "Weil das das Leben ist." Dolan zeigt viele gut beobachtete Mechanismen, die sich so nicht nur in dieser Familie
abspielen. Leider wirken alle Figuren durch ihre fast schon übertriebene Unzulänglichkeit, miteinander zu kommunizieren, unsympathisch. Selbst Louis, dem Mann der Sprache, scheint es, selbige verschlagen zu haben. Er beobachtet nur und fühlt sich vom Gestammel und Geschrei der anderen bedroht. Man kann es ihm nicht verübeln. Auch die ständig eingesetzten, kaum ausgeleuchteten Nahaufnahmen irritieren und kratzen beim Zuschauen am Nervenkostüm. Das aber entspricht wohl der Intention Dolans. Man kann dem ewigen Wunderkind vorwerfen, seinen hervorragenden Cast zum Overacting getrieben und die Geschichte zu prätentiös umgesetzt zu haben. Man kann es aber auch als Versuch verstehen, Gefühle beim Zuschauer zu erzeugen, die der Haltung Louis' gegenüber seiner Familie entsprechen. Der Autor Lagarce starb übrigens 1995 mit 38 Jahren an AIDS.
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