"Verflucht normal": Biopic über John Davidson berührt zutiefst

"Verflucht normal" erzählt die wahre Geschichte eines schottischen Aktivisten mit Tourette-Syndrom - und das mit viel Gefühl und Humor. Nach dem BAFTA-Vorfall trifft das Biopic emotional noch stärker.
von  (ncz/spot)
Robert Aramayo verkörpert in "Verflucht normal" den Tourette-Aktivisten John Davidson.
Robert Aramayo verkörpert in "Verflucht normal" den Tourette-Aktivisten John Davidson. © imago images/ZUMA Press/Sony Pictures Classics

"Verflucht normal" (Originaltitel: "I Swear") ist eigentlich ein klassisches Biopic, das ein außergewöhnliches Leben in eine zugängliche Filmbiografie übersetzt. Viele dürften allerdings erst durch den BAFTA-Vorfall auf den Film von Kirk Jones aufmerksam geworden sein: Als der reale John Davidson während der Verleihung im Februar aufgrund seines Tourette-Syndroms unkontrolliert einen rassistischen Begriff ausrief, entbrannte eine Debatte über Stigmatisierung. Mit diesem Vorfall im Hinterkopf trifft "Verflucht normal" emotional noch stärker. Denn plötzlich sitzt man nicht nur vor einem Biopic - sondern vor der Geschichte eines echten Menschen, dessen Leben bis heute von Missverständnissen geprägt ist.

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Ein Körper, der nicht gehorcht, und eine Gesellschaft, die nicht versteht

Der Film von Kirk Jones erzählt die Lebensgeschichte des schottischen Aktivisten John Davidson, der mit einer schweren Form des Tourette-Syndroms lebt. Am Anfang sieht man John (gespielt von Scott Ellis Watson und Robert Aramayo) als Kind in einer liebevollen, aber chaotischen Familie. Sein Leben verändert sich abrupt, als plötzlich unkontrollierbare Geräusche, Bewegungen und verbale Ausbrüche auftreten. Niemand versteht, was mit ihm passiert. In der Schule wird er schnell zum Außenseiter, auch zu Hause wird die Situation für alle immer schwieriger. Erst die Diagnose bringt Klarheit - aber keine echte Erleichterung.

Der Film begleitet John über viele Jahre hinweg. Aus dem verunsicherten Jungen wird ein Mann, der lernt, mit seiner Krankheit zu leben und sie irgendwann auch öffentlich zu thematisieren. Dabei spielen Menschen eine wichtige Rolle, die ihn nicht nur auf seine Tics reduzieren, sondern ihn als Person sehen. Mit ihrer Unterstützung findet John langsam seinen Platz in der Welt, engagiert sich für Aufklärung und wird später sogar von der Queen für seinen Einsatz geehrt.

Im Schatten des BAFTA-Vorfalls?

Besonders beeindruckend ist dabei Hauptdarsteller Robert Aramayo, der für seine Rolle mit einem BAFTA ausgezeichnet wurde. Seine Darstellung wirkt nie wie eine reine Schauspielperformance, sondern wie ein Mensch, der permanent gegen seinen eigenen Körper ankämpft. Viele Szenen wirken spontan und sind teils tatsächlich improvisiert - was dem Film eine enorme Authentizität verleiht.

Trotz dieser Stärke bleibt der Film in seiner Erzählweise relativ klassisch. Er verdichtet viele Lebensphasen stark und arbeitet mit klaren emotionalen Höhepunkten. Dadurch verliert die Geschichte etwas von der Vielschichtigkeit, die die reale Vorlage offenbar hat. Gleichzeitig macht genau diese Vereinfachung den Film zugänglicher und leichter verständlich für ein breites Publikum.

Der BAFTA-Vorfall um John Davidson wirkt dabei wie ein ungewollter, aber präsenter Subtext. Die Erinnerung an diesen Abend verändert die Wahrnehmung einzelner Szenen: Was im Film als Herausforderung individueller Kontrolle erscheint, wird durch den realen Vorfall mit Fragen nach öffentlichem Umgang, Sensibilität und medialer Verantwortung überlagert. Diese doppelte Perspektive verleiht dem Film eine Schwere, die über seine eigentliche Dramaturgie hinausgeht.

Fazit

Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Viele Menschen glauben, Tourette zu kennen, weil sie das Klischee vom Fluchen kennen. "Verflucht normal" zeigt dagegen, wie viel komplexer, anstrengender, trauriger - aber auch menschlicher - diese Realität ist. Immer wieder durchbricht der Film diese Schwere mit einer großen Portion typisch britischen Humors und schafft so eine Balance zwischen emotionalen Momenten und Szenen, in denen man lachen muss.

"Verflucht normal" (ab 28. Mai im Kino) ist deshalb nicht nur ein bewegender Film über Tourette. Es ist ein Film über Würde, Vorurteile und darüber, wie schnell Menschen auf das reagieren, was sie nicht verstehen. Einer der emotionalsten und gleichzeitig menschlichsten Filme des Jahres.

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