Venedig mit toten Kätzchen: Der Film "Vivaldi und ich"

Die bekannte Drehbuchregel, eine Figur zur Sympathiewerbung beim Zuschauer erst einmal ein Kätzchen retten zu lassen, missachtet der Film ziemlich. Gleich in der ersten Szene steckt die Priorin des Ospedale della Pietà eine Handvoll neugeborener Kätzchen vor den Augen ihrer Schutzbefohlenen in einen Sack und wirft sie in einen venezianischen Kanal.
Der Film "Vivaldi und ich" nach dem Roman "Stabat mater" von Tiziano Scarpa verweigert von Beginn an die heute mit der Musik des Komponisten verbundene Wohlfühlstimmung. Erzählt wird die Geschichte einer begabten Geigerin im Orchester des venezianischen Waisenhauses (Tecla Insoli), das - mit Unterbrechungen - zwischen 1703 und 1738 vom Komponisten der "Vier Jahreszeiten" geleitet wurde. Der kehrt am Beginn des Films für die halbe Gage zurück, nachdem sein Vorgänger wegen eines drohenden Spenden- und Publikumsschwunds von den adeligen Managern entlassen wurde.

Die Hauben der Waisenmädchen erinnern nicht grundlos an "The Handmaid’s Tale". Vivaldi (Michele Riondino) ist jenseits seiner leidenschaftlichen Musik ein schwacher, kranker Mann. Ausladende Perücken verbergen männliche Machtlust, Frauen sind samt ihrer Jungfräulichkeit nur eine Handelsware, weibliche Solidarität existiert nur bedingt.
Klischees, diskret unterwandert
Cecilias Marktwert steigt, nachdem sie vom dänischen König betatscht wurde. Aber sie fällt als Heiratskandidatin nach ärztlicher Prüfung aus, wofür sich der in seiner Ehre gekränkte adelige Freier brutal rächt.
Aber das Ende ihrer Karriere als Geigerin und Braut stellt der Film als Chance und Aufbruch dar. Der Film des an der Bayerischen Staatsoper für Verdis "Aida" und Donizettis "La Fille du régiment" verantwortlichen Opernregisseurs Damiano Michieletto erzählt im Grund eine alte romantische Geschichte: Kunst wird mit Leiden und Opfern erkauft. Aber der Film maskiert das Klischee geschickt mit einer distanzierten Erzählweise und vielfach allein von Kerzenlicht erleuchteten Räumen und entsättigten, grauen Farben, die dem Zuschauer die spektakulären Seiten des Venedig-Mythos vorenthalten.

Vivaldis größte Hits bleiben ebenfalls ungespielt. Seine Musik wird teilweise von einer postmodernen Klangkulisse überlagert. Motive aus dem "Frühling" klingen immer wieder an. Dass die "Vier Jahreszeiten" zur Zeit der Handlung entstanden, erfährt der Zuschauer erst aus dem Abspann dieses ruhigen Films über ein Frauenschicksal des 18. Jahrhunderts, in dem der Komponist nur die wichtigste Nebenrolle spielt.
R: Damiano Michieletto, (I/F, 110) Min. Kinos: ABC, Arena, Atelier, City, Leopold, Theatiner, Breitwand Gauting