Interview

"Vaterland" im Kino: Thomas Manns Rückkehr in keine Heimat

Hanns Zischler spielt in Pawel Pawlikowskis grandiosem Kinofilm "Vaterland“ den Autor Thomas Mann
von  Volker Isfort
Ohne Sentimentalität: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) in "Vaterland“.
Ohne Sentimentalität: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) in "Vaterland“. © Agata Grzybowsk/nine hour films/Neue Visionen

Schon Monate vor dieser Reise rebelliert der ganze Körper: Ohren, Augen, die Nase, der Darm bereiten Thomas Mann Schwierigkeiten, wie er penibelst in seinem Tagebuch notiert. Ihn überkommt das "Gefühl, als ob es in den Krieg ginge“. Dabei hat die Rückkehr nach 16 Jahren im Exil eigentlich einen erfreulichen Anlass: In Frankfurt soll Thomas Mann 1949 den Goethe-Preis erhalten, in Weimar ebenso. Diese reale Reise des Schriftstellers durch ein geteiltes Land verdichtet und verfremdet der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski in seinem Film "Vaterland“ zu intelligenter und kunstvoller Kino-Unterhaltung voller untergründiger Spannung. Hanns Zischler als Thomas Mann und Sandra Hüller als dessen Tochter Erika veredeln diese Sternstunde des europäischen Autorenkinos.

AZ: Herr Zischler, es wird im Film recht wenig gesprochen, aber jedes Wort ist so passend, dass man wahrscheinlich nicht viel Raum zur Improvisation hatte?
HANNS ZISCHLER: Nein. Bei dieser Art von Setzung durch Bild und Licht kann man gar nicht frei improvisieren. Pawel Pawlikowski covert nicht, das heißt, er macht nicht fünf Gegenschnitte, um die Sache zu dramatisieren.

Sie haben selbst Abende zu Thomas Mann gestaltet und sind vertraut mit seinem Werk und Leben. Was haben Sie gedacht über die "Fälschungen“ im Drehbuch? Er war ja nicht mit Tochter Erika, sondern mit Ehefrau Katia in Deutschland, der Selbstmord von Klaus Mann lag auch schon Wochen zurück und fiel nicht - wie im Film - in die Deutschlandreise.
Ich fand die Abweichungen von der Realität einleuchtend, denn es ging ja nicht um den schreibenden Thomas Mann, sondern in der Verdichtung um das geradezu öffentliche Familiendrama, das inmitten einer europäischen Krise stattfindet. Thomas Mann kommt zurück in ein geteiltes Deutschland und erlebt, dass er nicht willkommen ist.

Empfang in Frankfurt: Erika Mann (Sandra Hüller, rechts) trifft auf die amerikanische Journalistin Betty Knox (Anna Madeley).
Empfang in Frankfurt: Erika Mann (Sandra Hüller, rechts) trifft auf die amerikanische Journalistin Betty Knox (Anna Madeley). © Lukasz Zal/nine hour films/Neue Visionen

Haben Sie sich zur Vorbereitung noch mal intensiv in den Thomas-Mann-Kosmos hineinbegeben?
Ich hatte mir noch einmal kluge Biografien von Hermann Kurzke vorgenommen; darüber hinaus hat das riesige Panorama von Dieter Borchmeyer geholfen, mich zu orientieren; hinzu kommen die sehr sprechenden Briefe der Tochter Erika.

In seinen Tagebüchern hat Thomas Mann erstaunlich wenig über die Reise geschrieben - und das auch erst zwei Wochen später.
Er hat wenig geschrieben, in den Briefen gibt es allerdings noch ein paar Äußerungen. Es ist jetzt sehr spekulativ und ich will mich auch nicht in die Thomas-Mann-Forschung hineinbegeben, aber ich kann nur vermuten, dass die Form der Ablehnung in Frankfurt und Lockung in Weimar ihn so irritiert hat, dass er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte. Er hat die Grundzüge der Frankfurter Goethe-Rede schon 1943 geschrieben. Er hoffte natürlich, genau zu wissen, was er den Deutschen zu sagen habe, auch wie sie sich mit ihrem Mephisto auseinanderzusetzen hätten. Nun tritt er vor das Publikum und merkt, dass alles, was er sagt, eigentlich nicht mehr richtig greift. Das ist hart. So hat er sich die Heimkehr nicht vorgestellt.

"Thomas Mann spricht wie eine Instanz, die nicht selbst von dieser Tragödie betroffen ist"

Im Gegensatz zu Odysseus war er nur 16 Jahre weg, aber anders als Odysseus findet er gar keine Heimat mehr vor. Sie ist weg.
Auf jeden Fall ist es nicht mehr die Heimat seiner Vorstellung.

Der Film behandelt Trauer, Selbstmord, Schmerz, den Untergang Europas - lauter schwere Themen. Dennoch ist "Vaterland“ an vielen Stellen urkomisch.
Absolut, es gibt witzige Szenen, wenn Thomas Mann die opportunistischen Wagner-Enkel abblitzen lässt oder Erika Mann Gustaf Gründgens ohrfeigt. Oder Johannes R. Becher, der Thomas Mann mitteilt, der Nobelpreis habe in der sowjetischen Besatzungszone keinerlei Stellenwert.

Der Schauspieler Hanns Zischler bei der Berliner Premiere von "Vaterland“
Der Schauspieler Hanns Zischler bei der Berliner Premiere von "Vaterland“ © Breuel Bild/Imago

Im Tagebuch schreibt Thomas Mann nach dem Selbstmord seines Sohnes Klaus, er hätte es "ihnen“ nicht antun dürfen. Im Film sagt Thomas Mann zu seiner Tochter, er hätte es "ihr“, gemeint ist die Mutter, und "dir“, gemeint ist Erika, nicht antun dürfen. Er sagt aber eben nie "uns“.
Nein, das ist natürlich ein grausamer Satz. Thomas Mann spricht wie eine Instanz, die nicht selbst von dieser Tragödie betroffen ist. Aber nur ein Jahr später, 1950, gibt Erika ein Buch in memoriam Klaus heraus. Das Vorwort schreibt Thomas Mann und er lobt Klaus als einen der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation.

Das hätte er schon zu Lebzeiten seinem Sohn vielleicht mal sagen sollen.
Ja, man könnte am Beispiel von Klaus’ Tod sagen, dass Thomas Mann die Inszenierung seines Familientheaters entglitten ist.

"Die Stadt, zerlumpte Vergangenheit, für die wenig Herz.“

Sie haben eine schwierige Aufgabe als Schauspieler, alle zerren an Thomas Mann herum, Sie müssen - wie er im richtigen Leben - stets die Contenance bewahren.
Das fand ich als Spielaufgabe reizvoll, diese Art von Zurückhaltung immer wieder zu erproben - bis sie am Ende doch zerbricht.

Erika sagt über Klaus, am Schluss sei Bach das Einzige gewesen, was er noch ertragen konnte, was für ihn an deutscher Kultur nicht kontaminiert war. Die versöhnliche Schlussszene des Films nimmt diesen Gedanken auf.
Die ganze musikalische Durchleuchtung dieses Films ist ungewöhnlich gelungen. Pawlikowski findet eine sehr schlüssige Form der emotionalen Lockerung, die für Thomas Mann überhaupt erst Trauer zulässt.

Ankunft in Weimar: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) werden von Johannes R. Becher (Devid Striesow) empfangen.
Ankunft in Weimar: Thomas Mann (Hanns Zischler) und Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) werden von Johannes R. Becher (Devid Striesow) empfangen. © nine hour films/Neue Visionen

Den Künstler als politisch bedeutende Weltfigur gibt es ja gar nicht mehr. Finden Sie das bedauerlich?
Es ist wahrscheinlich gar nicht mehr möglich. Bei Thomas Mann gibt es Momente einer spielerischen und ironischen „Reinkarnation“ oder - besser gesagt - Annäherung an Goethe. Ich wüsste keinen Schriftsteller der Gegenwart oder der Generation nach Mann, der ihm da gleichkommt. Allenfalls Nabokov, aber das ist ein anderer Fall, obwohl er als Autor meiner Meinung nach genauso bedeutend ist wie Thomas Mann.

Es gibt die Erinnerungen des realen Chauffeurs: Er erzählt, dass bei der Fahrt durch die Ruinen Münchens Katia und Thomas still leise weinend im Auto sitzen. Im Tagebuch allerdings schreibt Thomas Mann: "Die Stadt, zerlumpte Vergangenheit, für die wenig Herz.“ Die Emotionen, die er vielleicht doch gehabt hat, finden keinen Eintrag ins Tagebuch.
Er ist ein Tagebuchschreiber - immer auch für die Nachwelt.

Während Thomas Manns Deutschlandtournee zeigt sich auch, dass Amerika schon Vergangenheit wird, er gilt dort als „kompromittiert“.
Das kommt im Film auch vor durch die amerikanische Journalistin Betty Knox, die ihrer Freundin Erika sagt, dass sie bald in den USA nicht mehr willkommen seien. Auch der CIA-Mann, der am Anfang auftritt wie ein freundlicher Bodyguard, war natürlich gegen die Fahrt von Thomas Mann nach Weimar. Sie haben Thomas Mann auch mitgeteilt, dass es Konsequenzen gebe, falls er den Preis in Weimar annehme. Die Freiheiten, die Thomas Mann in Amerika hatte, wurden dann sehr schnell in der McCarthy-Zeit kassiert.

War der Film Ihre erste Zusammenarbeit mit Sandra Hüller?
Ja, wir kannten uns zuvor noch nicht. Das Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Thomas und Erika ist ein ganz besonderes. Ich spreche gerne von Spielaufgaben, und in diesem Film war es so klar, was da zwischen uns zu entstehen hat: Zuneigung und Bedenken aus ihrer Sicht und aus meiner die Erwartung, dass sie mich selbstverständlich immer unterstützt. Das geht über Blicke, Beschweigen und hin und wieder eine Berührung. Sandra und ich wussten, was Pawel von uns erwartete.

"Es gibt ein Schlüsselmotiv in diesem Film"

Es ist überhaupt der Zauber des Films, dass sehr langsam erzählt wird, ohne dass man im Geringsten das Gefühl entwickelt, die Spannung gehe verloren.
Ich habe den Film jetzt schon öfter gesehen und ich sehe ihn wirklich gerne. Es gibt eine Art Schlüsselmotiv, das sind auf- und zugehende Türen. Und die Zeit, die nach dem Zugehen einer Tür vergeht. Ich kann nur empfehlen, einmal auch darauf zu achten, wenn man den Film vielleicht ein zweites Mal sieht.

Ist Pawel Pawlikowski ein Perfektionist, der Kubrick-mäßig Szenen endlos wiederholen lässt, bis alles passt?
Nein. Er wiederholt schon einige Einstellungen gerne, aber er quält einen nicht.

Der Film "Vaterland“ startet am 4. September 2026 in den Kinos, am 3. September bei Kino, Mond & Sterne im Westpark (Einlass 19 Uhr)

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