"Und morgen die ganze Welt": Widersprüche im Kampf gegen Rechts

Die deutsche Regisseurin Julia von Heinz zeigt ihren Film "Und morgen die ganze Welt" im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig. Aber er ist kein Favorit.
| Adrian Prechtel
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Luisa (Mala Emde, rechts) in einer Szene aus "Und morgen die ganze Welt".
picture alliance/dpa Luisa (Mala Emde, rechts) in einer Szene aus "Und morgen die ganze Welt".

Vor fast 40 Jahren, 1981, gewann Margarete von Trotta am Lido den Goldenen Löwen - für einen Film, der die Gewaltstrategie der RAF spürbar machte sowie die Reaktion der Bundesrepublik, die dabei erschreckenderweise selbst den Rechtsstaat überschritt: "Die bleierne Zeit". Jetzt ist die 44-jährige Julia von Heinz in den Wettbewerb der 77. Filmfestspiele am Lido geladen. Und ihren Film "Und morgen die ganze Welt" verbinden einige Geschichts- und Gedankenfäden mit den Fragen von damals, die sich jetzt wieder stellen, manche unter umgekehrten Vorzeichen.

Eine 20-jährige aus gutsituierter Provinzhonoratiorenfamilie (Mala Emde) gerät während ihres ersten Semesters Jura in linksalternative Kreise und hier wiederum in eine Antifa-WG. Die wiederum spaltet sich in eine gewaltfreie und eine heimlich gewaltbereite Gruppe. "Und morgen die ganze Welt" webt hier auch eine Liebesgeschichte ein, die als Katalysator wirkt. Luisa verliebt sich in einen schönen, klugen Kopf (Noah Saavedra), der Gewaltaktionen vorantreibt. Mit diesem Typen, der etwas platt Alpha heißt und dessen bester Freund schwul ist und ausgerechnet Lenor genannt wird, radikalisiert sich Luisa.

Der Kampf gegen immer dreister auftretende Neonazis, die weit ins Bürgerliche hineinwirken, wird härter. Sie sind so nicht mehr nur als eine menschenverachtende militante, terroristische Rechte ein Fall für Polizei und Verfassungsschutz, sondern werden als gesellschaftliche Gefahr empfunden und gezeigt.

Und so stellt "Und morgen die ganze Welt" doch die harte Frage nach der Rechtfertigung von Gewalt im Kampf gegen Rechts. Provokanterweise kann man den Aktionen der Antifa als Zuschauer lange folgen, vielleicht sogar bis zum Schluss.

"Mein Film ist wirklich nicht an einer spezifischen politischen Botschaft interessiert", hat Julia von Heinz am Lido gesagt. Damit verharmlost sie ihren Film unnötig. Aber es stimmt doch auch wieder: Denn gerade weil der Zuschauer sich selbst fragen muss, was er für richtig hält und ob er selbst nicht handeln sollte, ist der Film - Gott sei Dank - kein Agitprop-Werk, aber eben doch klar politisch.

Am Lido ist "Und morgen die ganze Welt" so auch gut angekommen, dabei aber auch zwiespältig bei vielen Kritikern, die die Machart als zu konventionell empfanden und wichtige Aspekte unterbeleuchtet. Aber in den öffentlichen Vorstellungen mit viel italienisch studentischem Publikum wurde "Und morgen die ganze Welt" beklatscht, weil man innerlich mitgegangen war.

Am Ende eines Festivals wird natürlich die Preisfrage immer stärker. Und da war es gerade doch ein anderer Film, der am Lido schockartig eingeschlagen hat: "New Order" aus Mexiko. Michel Franco zeigt hier eine plutokratische Gesellschaft, die in eine reiche Oberschicht und verarmte Massen gespalten ist.

Die Situation - hier anfangs aus der privilegierten Sicht in Form einer Upper-Class-Hochzeit gezeigt, die blutig geentert wird - entlädt sich in Unruhen, dann in einem Aufstand, dann in Plünderungen und Anarchie, so dass das Militär die Kontrolle übernimmt. Bis dahin hat man in einem sich beschleunigenden Inferno alles gesehen: einen mit Politik und Militär kooperierende Oberschichtsreichtum, das Leben und Lebensgefühl der Hausangestellten zwischen Loyalität und Hass, dann Besetzung des öffentlichen Raumes durch das Militär, Verhaftungen, Willkür, Lüge, Korruption, Erpressung und Folterkeller.

Dabei bricht Franco aufrüttelnd mit klassischen Kinoerzählmustern, bei denen der Zuschauer darauf vertraut, dass Identifikationsfiguren irgendwie durchkommen. Am Ende: Diktatur und Schock. Und damit der Appell: Lasst Gesellschaften sozial nicht auseinanderdriften.

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