Ü100: Das Ich hält die Jahre zusammen

Der Dokumentarfilm "Ü100" lässt acht Hochbetagte vor allem zu Wort kommen.
| Carolina Zimmermann
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Vor 88 Tasten über 100 Jahre alt: Ruja Diebold.
picshotfilm Vor 88 Tasten über 100 Jahre alt: Ruja Diebold.

Vielleicht kommt ein Zeitpunkt im Leben, an dem Tiefe und Banalität verschwimmen. Wenn die Regisseurin des Dokumentarfilms "Ü100" der 101-jährigen Theresia Steinberger "Was war Ihnen wichtig im Leben?" ins Ohr brüllt und auch nach dem fünften Versuch als Antwort die Gegenfrage "Was es gegeben hat, zum Frühstück?" bekommt, kann sie eigentlich nur lachend kapitulieren.

Die Entscheidung, solche Momente nicht herauszuschneiden, trägt zum Charme des Films von Dagmar Wagner bei. Die Regisseurin und ihr Kameramann Thomas Beckmann nehmen sich viel Zeit. Sie nähern sich einfühlsam den acht Protagonisten, von denen die jüngsten 100 und die älteste 104 Jahre alt sind. Dabei sieht man einigen eher gleichgültig, anderen dafür umso lieber zu. So trägt die 102-jährige Hella Münting mit Witz und Esprit über weite Strecken den Film. Sie gehört zu den fitteren und erledigt ihren Alltag selbst. Fernsehen ist nichts für sie, sagt sie, Krimis schon gar nicht.

Der Grund: "Die Kriminalistin ging mit dem Verbrecher ins Bett. So etwas will ich nicht sehen, so etwas will ich erleben." Und ihre Erkenntnis, dass eine Person im Kern immer das eigene "Ich" trage, egal, welches Alter sie erreicht, ist klug und auf eine Art beruhigend.

Es ist sicher dem hohen Alter der Protagonisten geschuldet, dass dieser reine Interviewfilm bis auf kurze Sequenzen, in denen wir Münting beim Gang zum Friseur begleiten oder Ruja Diebold (101) beim Klavierspielen zuhören, sehr statisch ist. Andererseits verdient es Beachtung, dass Wagner dieses Projekt ohne finanzielle Fernseh- oder Filmförderung auf die Beine gestellt hat und jetzt sogar mit einem Kinostart belohnt wird. Aber bei allen heiteren und menschlichen Momenten gleicht der Film doch ein wenig dem Besuch bei sehr alten Verwandten, denen man gerne Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. Aber am Ende ist man froh, wenn man wieder gehen darf.


Kino: Rex, Rio

R: Dagmar Wagner (D, 83 Min.)

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