"Toy Story 5": Satirisch hart, aber dann doch sanft?
Man muss nur in die Augen der kleinen Bonnie blicken, um zu wissen, dass sich etwas entscheidend in ihrem Leben verändern wird. Einen „Lilly-Pad“ bekommt die Achtjährige von ihren Eltern geschenkt, ein Tablet mit Froschrahmen, mit dem das schüchterne Kind nicht nur diverse Games spielen, sondern mit ihren Altersgenossinnen in einem gemeinsamen Chat-Forum, dem „Teich“, in Kontakt treten kann.
Die Pupillen des Mädchens weiten sich angesichts des Tablets für Einsteigerinnen, und sie wird ihren Blick kaum mehr von dem Screen wenden. Ihre Eltern versuchen, mit begrenzter Bildschirmzeit den digitalen Konsum zu kontrollieren, aber wenn man später sieht, mit welcher Selbstverständlichkeit Bonnie direkt nach dem Aufwachen nach ihrem Tablet greift, ist klar, dass ein Damm gebrochen ist.

Ironie: Die erste „Toy Story“ war selbst komplett computeranimiert
Die Horrorsintflut des Internetzeitalters greift der neue „Toy Story“-Film ganz offensiv, mit satirischer Schärfe auf. In einem Schwenk sieht man nachts Häuserzeilen, in denen Menschen im Dunkeln alleine vor ihren leuchtenden Bildschirmen sitzen. Vor allem Erwachsene sind das, die ihren Kindern ein schlechtes Vorbild sind. Erschreckend ist die Vorherrschaft der Screens, auch für die alten Spielzeuge, die in der „Toy Story“-Serie dank des Könnens der Pixar-Animationskünstler belebt werden.

Der erste Teil kam 1995 in die Kinos und war der erste komplett computeranimierte Spielfilm. Mit einem magischen Perspektivwechsel: Was ist, wenn nicht nur wir auf die Spielzeuge blicken, sondern sie heimlich zurückschauen? Der neue Film übernimmt gelegentlich den Point-of-View eines Dings: Gleich zu Beginn sehen wir durch die Augen einer Buzz-Lightyear-Figur, dass sie auf einer Insel gestrandet ist. Eine ganze Lightyear-Horde befindet sich dort, gelangt aber schnell ins US-amerikanische Suburbia, wo sie im Gleichschritt marschieren. Was witzig, aber auch unheimlich militaristisch aussieht.
Gemeinsam helfen sie bei einer Mission, die sich im Wust der roten Erzählfäden herausschält: Bonnie soll endlich eine wahre Freundin finden! Dabei verheddert sich die Kleine im Netz der falschen Social-Media-Bekanntschaften, muss jedoch den Weg zu Blaze finden, die genauso altmodisch spielt wie sie - mit Spielzeug, das in ihren Kinderhänden animiert wird und sie zu den tollsten Geschichten inspiriert.

Den Spagat zwischen Tradition und Fortschritt haben die Macher von Pixar schon immer versucht, können aber natürlich nicht leugnen, dass sie selbst zu denen gehören, die ihre Kreativität vornehmlich an Bildschirmen ausleben. Technikverächter sind diese Magier sicherlich nicht. Insofern ist es kein Wunder, dass das zunächst so intrigante Lilly-Pad im Laufe des Films eine Wandlung durchmacht, sich reuig und sogar kooperativ zeigt, wenn es darum geht, Bonnie an ihr Freundschaftsziel zu führen.
Die Angst, nutzlos zu werden, ist modern und menschlich
Pixar, längst vom Disney-Konzern einverleibt, rühmt sich einer angenehmen, betont kinderfreundlichen Unternehmenskultur. Auch bei diesem Film werden in den Credits die „Production Babies“ aufgelistet, jene Babys von Cast und Crew, die während der jahrelangen Herstellung des Films das Licht der Welt erblickten. Dass immer wieder Nachschub kommt, etwas Neues, dass das Alte womöglich obsolet macht, ist Pixar von Grund auf bewusst.
Schon im ersten Film musste Cowboy-Puppe Woody (im Original von Tom Hanks, auf Deutsch von Michael „Bully“ Herbig gesprochen) befürchten, dass ihn der Neuzugang im Kinderzimmer, Buzz Lightyear, aus dem Scheinwerferlicht der Kinderaugen kegelt.
Vor dreißig Jahren wurden die beiden Freunde. Im fünften Teil kommen sie wieder zusammen, müssen sich aber mit Nebenrollen zufriedengeben. Denn die Hauptfigur ist jetzt weiblich: Jessie, das Cowgirl, das sich wehmütig an ihre erste menschliche Spielkameradin erinnert und nun bangen muss, dass sie und ihre Gefährten durch die Übermacht der Geräte verdrängt werden. „Auslöschung! Schon wieder!“, ruft Plastikdinosaurier Rex panisch. Selbst vorsintflutlich-elektronische Geräte wie „Schlaumeier“, der mit seinem pixeligen Screen den Allerkleinsten beibringen soll, wie man richtig aufs Töpfchen geht, müssen verkraften, dass Blaze sie in eine Schublade verfrachtet hat. Kinder werden nun mal älter.
Die Spielzeuge befürchten, dass sie vielleicht „nutzlos“ geworden sind: eine Angst, die auch Erwachsene gut nachvollziehen können, gerade in Zeiten, in denen die Künstliche Intelligenz manche Arbeit geschmeidiger verrichten kann als das Ottonormalgehirn.

Das Drehbuch zu „Toy Story 5“ haben Andrew Stanton und McKenna Harris geschrieben. Stanton führte zudem, ähnlich wie bei „Findet Nemo“ und anderen Pixar-Filmen, Regie. Mit Erfolg: „Toy Story 5“ spielte in den USA am ersten Wochenende 160 Millionen Dollar ein, liegt derzeit bei über 950 Millionen Dollar weltweit, was Disney bei Produktionskosten von 250 Millionen Dollar durchatmen lässt. Auch die US-Kritik jubelte.
Dem möchte man sich anschließen, so kreativ zeigt sich das Pixar-Team nach einer Durststrecke wieder, so witzig sind manche Einfälle, so berührend manche Szenen. Dass ein Navigationsgerät und einige Chats sich am Ende doch als sehr hilfreich erweisen, mag die konsumkritische Botschaft des Films verwässern - es ist nun mal ein Disney-Film.
Aber das hat auch mit dem Pixar-Drang zur Synthese zu tun. Das Alte zu glorifizieren und das Neue als reine Gegenkraft zu verdammen, wäre allzu einfach. Teamwork ist immer möglich, mit allen. Man muss nur die besonderen Fähigkeiten des Einzelnen wertschätzen und geschickt zum Einsatz bringen. Dafür braucht es Empathie, also die Fähigkeit, die Welt durch die Augen des anderen zu sehen. Mit oder besser: ohne Screen.
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