"The Square" - Wer selbst im Goldhaus sitzt

Eine der besten Realsatiren auf unsere liberale, politisch korrekte Gesellschaft und die Kunstwelt: "The Square".
| Adrian Prechtel
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Entlarvende Grenzüberschreitung: Terry Notary als Affenmensch in einer Kunst-Performance vor Museums-Sponsoren.
Alamode Entlarvende Grenzüberschreitung: Terry Notary als Affenmensch in einer Kunst-Performance vor Museums-Sponsoren.

Ja, Christian ist der Idealbürger unserer schönen neuen Welt: Ökologie? Na klar: Ich fahre einen Tesla und trenne Müll. Man ist natürlich auch weltoffen - in diesem Fall als Kurator moderner Kunst eines großen Museums. Und ist Christian politisch korrekt? Ja, er gibt nicht nur Frauen im Team eine Chance, auch der Hipster unter den Kollegen darf sein Schrei-Baby mit ins Büro bringen. Und man lebt zwar getrennt, aber natürlich nimmt er die Kinder jedes zweite Wochenende in sein stylisches Appartement im guten urbanen Viertel. Kurz: Christian (Claes Bang) ist der smarte Typ, wie er schon alle gentrifizierten Ecken unserer Stadt bewohnt.

Das Geniale an Ruben Östlunds "The Square" ist, dass dieser durchaus sympathische Mustermann unsere Identifikationsfigur und gleichzeitig in seiner modernen Glätte ein genialer Zeitspiegel ist. Aber am Ende ist nichts mehr übrig von unserer Selbstsicherheit und Christians Weltbild – beginnend mit dem Diebstahl seines Handys, ausgerechnet in seiner Kunstaktion, die er als Kurator vor dem Museum geschaffen hat: Ein Kunstraum, der Vertrauens- und Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft stärken sollte. Die Diebesspur führt in die Unterschicht, für die Christian natürlich politisch eintritt, ohne mit ihr jemals in Berührung gekommen zu sein. Der anfangs harmlose Abenteuerspiel-Krimi eskaliert.

Allen gemeinsam mangelt es an Zivilcourage

Nebenbei wird noch der moderne Kunstbetrieb entlarvt, der mit pseudo-bedeutungvollem Jargon unverständliche Kunst aufbläst und völlig abhängig ist von konservativen Millionärs-Sponsoren. Die wollen sich zwar modern geben, indem sie zeitgenössische Kunst fördern. Aber wehe Einflüsse der harten Welt draußen vor der Dinnertür dringen in die Sponsorengala ein.

Und die kritischen Medien? Die wollen letztlich nur Skandale, sind selbstgerecht und pseudomoralisch, aber hyänenhaft gnadenlos. Und allen gemeinsam mangelt es an Zivilcourage.

"The Square" ist bei alledem aber kein diskret-charmantes Bourgeoisie-Bashing, denn auch die Underdogs werden keinesfalls romantisiert oder zum Opfer gemacht.

Selten hat man Gesellschaftskritik so klug, elegant und spannend erlebt wie in "The Square". Und das satirisch angeregte Lachen von uns Zuschauern ist dabei hoffentlich auch selbstkritisch: über unsere eigene politisch korrekte Liberalität, die moralisch überlegen scheint und bequem ist, solange sie nicht herausgefordert wird.

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