"The Sisters Brothers" mit Joaquin Phoenix

Genialer als Jacques Audiard kann man mit dem Genre Western nicht umgehen. Joaquin Phoenix und John C. Reilly spielen die beiden Brüder. Und auf der anderne Seite Jake Gyllenhaal.
| Adrian Prechtel
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Jake Gyllenhaal (l.) als Desperado sowie Joaquin Phoenix, John C. Reilly als die Sisters Brothers und Riz Ahmed als Chemiker mit der Goldformel
Wild Bunch Jake Gyllenhaal (l.) als Desperado sowie Joaquin Phoenix, John C. Reilly als die Sisters Brothers und Riz Ahmed als Chemiker mit der Goldformel

In der von Schüssen durchpeitschten Nacht sprengt mit brennender Mähne ein Hengst aus der Scheune, die in Flammen steht. Das Farmhaus wird von zwei dunklen Gestalten belagert, Geschrei, wer flieht, wird erschossen. Oregon, 1851.

Kann ein Genre heute mehr aus der Zeit gefallen wirken als ein "Es war einmal in Amerika"-Western? In einer fast reinen Männergesellschaft ballern Weiße entweder auf Indigene, also Indianer, oder nachdem diese - wie hier - quasi ausgerottet sind, weiter auch aufeinander. 

Gold und das Recht des Stärkeren

Es geht oft um Gold und das Recht des Stärkeren, denn Recht und Gesetz sind im Westen noch auf wackeligen Sheriff-Füßen. Aber schon im Titel "The Sisters Brothers" - nach der Romanvorlage des Kanadiers Patrick deWitt - steckt ja nicht zufällig ein Widerhaken.

Und genialer als Jacques Audiard kann man mit dem Genre Western nicht umgehen. Denn der Franzose bricht ihn nicht, feiert ihn aber auch nicht, liefert stattdessen zwar die klassischen Bilder - aus Spanien, Rumänien und wirklich den USA. Aber Audiard stellt (nach "Der Prophet" und "Rost und Knochen") in einer unterhaltsamen, harten Westernhandlung eben große ethische Fragen.

Die erste Spannung kommt schon dadurch auf, dass unsere Protagonisten, die Brüder Eli (John C. Reilly) und der jüngere Charlie (Joaquin Phoenix), unbeirrbare Auftrags-Killer für einen wahnsinnigen, skrupellosen Neureich-Mafiosi sind. Für sie gilt: erst schießen, dann fragen. Jetzt sind sie auf einen ungewöhnlichen und außerdem ungewöhnlicherweise unbewaffneten Typen (Riz Ahmed) angesetzt. Hinter ihm - und damit gegen sie - ist auch noch ein Dritter (Jake Gyllenhaal) her und zwar auf eigene Rechnung.

Gier, Misstrauen und Schuldgefühle

Denn der Chemiker hat eine Superformel gefunden, die, in einen Fluss geschüttet, alles darin verborgene Gold zum Leuchten bringt. Das verbindet alle vier dramaturgisch originell durch Taktik und Betrug und schweißt sie unter Beschuss sogar bizarr zusammen. In dieser Konstellation wird alles verhandelt, wie Geschwister-Loyalität, die sogar den verantwortungslosen Genussrausch des jüngeren mit Demütigung des Älteren überlebt. Auch das Thema Kindheitstrauma ist bei ihnen im Spiel, wenn man nach der Ursache fragt, weshalb Menschen Töten als Job akzeptieren.

Gier und Misstrauen stehen in "The Sisters Brothers" gegen Schuldgefühle und sogar Idealismus, bis hin zu der Frage, ob man nicht gerade in einem so ungeformten Staat wie den USA mit dem im großen Stil gewonnenem Gold einen demokratischen Sozialismus aufbauen könnte?

Aber das alles ist von Audiard so schillernd und subtil eingemischt und vermischt, dass das klassische Gut-Böse-Schema irritierenderweise nicht mehr taugt. Und am Ende schließt sich der Abenteuerkreis wieder am Familientisch der Sisters-Farm - wie bei „Bonanza“. Nur dass dieses Nullsummenspiel nach dem Blick in Abgründe mit größten Verlusten erkauft wurde.

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