"The Jungle Book": Tierisch echt und deutlich härter

Spannend anders als der Klassiker von 1967. Disney wagt eine Neuverfilmung: In „The Jungle Book“ sind Spiel und Animation nicht mehr zu trennen. Die AZ-Kritik zum neuen "Dschungelbuch".
| Adrian Prechtel
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Ein Dreamteam, wenn auch mit ungleichen Rollen: der animierte Balu lässt lässig spielerisch Mogli (Neel Sethi) für sich arbeiten.
WDS Ein Dreamteam, wenn auch mit ungleichen Rollen: der animierte Balu lässt lässig spielerisch Mogli (Neel Sethi) für sich arbeiten.

München - Das Wolfsrudel ist die Familie, Balu verbreitet antikapitalistischen bärigen Müßiggang in der sozialen Hängematte des Angebots tropischer Früchte. Shir Khan ist die ewige Gefahr und Kaa, auch wenn das viele Zuschauer seit 1967 nicht wahrhaben wollten, die sexuelle Verführung. 27 Millionen sollen in Deutschland Disneys groovend charmantes Zeichentrick-„Dschungelbuch“ gesehen haben. Und so stellt sich natürlich die Frage: Was soll überhaupt eine Neuverfilmung, was kann sie nach fast 50 Jahren leisten?

Wer also jetzt in den – pseudomodern „The Jungle Book“ genannten – neuen Disneyfilm geht, wird am Ende angenehm feststellen: Der „Ja sing nur Schubididu“-Effekt des alten Meisterwerks bleibt unberührt, auch wenn sich das neue Dschungelbuch deutlich an den eigenen Disney-Klassiker anlehnt und nicht an Rudyard Kiplings Buchvorlage von 1894.

 

Technische Perfektion allein trägt nicht. Aber es gibt mehr

 

Der erste faszinierende Unterschied liegt schon in der Animationstechnik. Bereits 1967 experimentierte man mit räumliche Effekten, indem man die Zeichnungen in verschiedenen Ebenen wie Theaterkulissen voreiander schob. Jetzt ist alles wirklich in die 3D-Version katapultiert. Aber das Entscheidende ist die völlige Aufhebung zwischen den Spielfilmelementen einerseits – Mogli wird von dem Jungen Neel Sethi gespielt, teils in Natur-, teils in Studio-Aufnahmen – und anderseits den Animationselementen: denn alle Tiere sind digital hergestellt und in die Aufnahmen hineinkopiert, aber so echt, dass man der Illusion von Fleisch und Blut erliegt.

Technische Perfektion allein, kann aber die Faszination eines Films nicht tragen. Aber es gibt drei Aspekte, die Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“-Ideenwelt attraktiver machen denn je. Denn je mehr wir uns die Natur untertan gemacht haben, desto stärker wird sie der Sehnsuchtsort und Gegenwelt unserer Zivilisation. Und so baut der heutige Disney-Film auch stärker die Gefährdung ein – hier in Form extremer Trockenheiten oder der Brandrodung des Regenwalds. Hinzu kommt, dass für unsere zunehmend multikulturellen Gesellschaften das „Dschungelbuch“ von der Frage nach dem Zusammenleben unterschiedlich geprägter Typen erzählt: eben nicht nur zwischen Mensch und Natur.

 

Shir Khan, der Tiger, ist hier ein brutaler Freiheitskämpfer

 

Das beantwortet Kipling mit Moglis Rückkehr ins menschliche Dorf, die der neue Film gleich in ein Sequel verschiebt, um uns zweimal ins Kino zu locken. Aber es wird auch das schwierige Zusammenleben der Tiere untereinander verhandelt: wie mit natürlichen Nichtangriffsverträgen an den wenigen gemeinsamen Wasserstellen. Und wenn Shir Khan hier als verletzender Aggressor auftritt, ist er hier zwar viel härter und grausamer als die Figur von 1967. Aber der Tiger hat gleichzeitig mehr Recht auf seiner Seite durch die schmerzliche Erfahrung, dass der Mensch der Natur nur Schaden zufügt. Er hat hier etwas von einem radikalen Freiheitskämpfer, einem Tamil Tiger. Ein dritter, neu betonter Aspekt ist der naturwissenschaftliche: Mogli ist als Mängelwesen Mensch einer, der durch Werkzeuge seine physische Unterlegenheit ausgleicht – er baut Hütten, nutzt einen gebastelten Eimer.

Aber die Grenze zur Tierwelt ist stärker verwischt, nicht nur bei der politisch-diktatorisch geführten und alles andere als anarchischen Affenkolonie des Potentaten King Louie, sondern auch dadurch, dass zum Beispiel die Elefanten beginnen Dämme zu bauen. Auf die die wunderbare fantastische Idee, dass Mogli die Sprache der Tiere versteht und diese sich auch untereinander unterhalten können, wird natürlich auch in der neuen Dschungelbuch-Version nicht verzichtet. Aber bei der neuen, naturalistischen Animation wird auf das Musical-Traumwelt-Element verzichtet. Das surreal amüsante Singen ist nur bei den „zivilisations-näheren“ Tieren wie dem zirkusreifen Bären und dem Affen-Zirkus angedeutet.

So unterscheidet nicht nur die moderne Machart auf der Höhe der Animationsmöglichkeiten „The Jungle Book“ von der Version aus dem Jahre 1967. Das neue „Dschungelbuch“ ist auch viel eher ein Jugend- und Erwachsenenfilm geworden als ein Familienfilm. Denn er ist abenteuerlicher, action-reicher, härter. Und Kaa? Die ist entsexualisiert und wieder etwas mehr Rudyard Kipling angenähert: als weibliche wissende Seherin. Zwar nicht Mentorin von Mogli, ihn aber doch weise unterweisend wie ein Pythia. So kann „The Jungle Book“ trotz vieler Anlehnungen an den auf seine Art unübertroffenen Disney-Klassiker als eigenes, auch interessantes Werk bestehen.


Kinos: Solln, Cadillac, Leopold, sowie Cincinnati, Cinemaxx, Royal, Münchner Freiheit, Museum (OV), im Mathäser, Cinema, Mathäser (OV, 3D)
R: Jon Favreau (USA, 106 Min.)

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