"The Dinner“: Letztlich muss alles auf den Tisch

Vielschichtig intelligent: "The Dinner“ entfaltet ein Familienpsychogramm mit harten moralischen Fragen, die auf uns Zuschauer zurückwirken
| Adrian Prechtel
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Nach und nach wird klar, es gibt Fundamentales zu besprechen: (v.li.) Steve Coogan, Laura Linney, Richard Gere, Rebecca Hall.
Tobis Nach und nach wird klar, es gibt Fundamentales zu besprechen: (v.li.) Steve Coogan, Laura Linney, Richard Gere, Rebecca Hall.

Psychologischer Voyeurismus, kitzelnder Selbsterkenntnisschauer, kathartische Kämpfe: Es sind die großen theatralischen Momente, wenn sich Bürgerlichkeit zerlegt, die uns aufwühlen und fesseln zugleich. Kino-Höhepunkte solcher Psycho-Sezierungen gelingen Richard Burton und Liz Taylor in "Wer hat Angst vor Virginia Woolfe?“, dem doku-realistischen Vinterberg-Film "Das Fest“ oder in Roman Polanskis Yasmina-Reza-Verfilmung "Gott des Gemetzels“ mit Christoph Waltz, Jodie Foster, John C. Reilly und Kate Winslet.

Zwei Paare gehen sehr gehoben Essen

In "The Dinner“ – nach einem Roman des holländischen Schriftstellers Herman Koch – gehen zwei Paare sehr gehoben Essen. Die Männer sind Brüder. Richard Gere ist der einladende, smarte, liberale Politiker, der alle paar Minuten ans Handy muss, weil eine Mehrheit für seine Gesundheitsreform zusammen massiert und erpresst werden muss. Sein Bruder (Steve Coogan) ist ein unter psychischen Störungen leidender und deshalb beurlaubter Geschichtslehrer, der zwischen Selbst- und Welthass unerträglich zynisch geworden ist. So muss seine starke Frau (Laura Linney) das Familienleben zusammenhalten und wird zur radikalen Löwenmutter, als der Teenie-Sohn in eine schockierend mörderische Geschichte verwickelt ist. Und Rebecca Hall spielt die zweite Ehefrau des Abgeordneten, die sich in der Patchwork-Situation zwischen Politstar-Mann und dessen Söhnen, von denen einer ein schwarzes Adoptivkind ist, zu kurz gekommen fühlt.

Permanent wechselnde Spannungsverhältnisse

Allein aus dieser Familiensituation schafft der Film permanent wechselnde Spannungsverhältnisse, die nach und nach im Zuschauerkopf eine Familienaufstellung ermöglichen, in der jeder ordnende Versuch, in Gut und Böse zu trennen, spannend scheitert.
Als Running Gag wird das aufgewühlt-aggressive Dinner, das ja durch den disziplinierenden halböffentlichen Rahmen eines Restaurants wenigstens etwas zusammengehalten wird, immer wieder vom Maitre mit Menü-Ansagen unterbrochen. Und die irre exklusiven Speisen, deren Elaboriertheit ins Groteske kippt, sind ein amüsanter Genuss. Aber der Film überführt die äußere Menü-Kapitelfolge nicht in eine filmische Dramaturgie. Vielmehr kocht die Handlung – die auch durch Rück- und Einblenden immer überraschend klarer wird - auf ständig gleich hohem Wut-, Enttäuschungs- und Angst-Level.

Geschichte ist elegant verwoben

Das allerdings ist so delikat serviert, um es uns heiß und kalt werden zu lassen, auch wenn die Geschichte fast überladen ist, aber alles ist mit allem wiederum elegant verwoben: individuelle Familiengeschichte und eingebrachtes Gesetzesvorhaben, Psychopharmaka und Familienbelastungen, Rivalitäten zwischen Mutterschaft und Stiefmutterdasein, das moralische elterliche Dilemma zwischen Schutz, Schuld und Sühne für die eigenen Teeniekinder-Täter, die zwischen Liberalität und Wohlstandsverwahrlosung aufwachsen. So vielschichtig und intelligent endet der Film im Kopf des Zuschauers nicht mit dem Abspann. 


Kino: City, Monopol, Rottmann, sowie Atelier (OmU)

Regie: Oren Moverman (USA, 119 Min.)

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