Sydney Sweeneys Filmflop ist großes Kino

Frauen in vermeintlichen Männersportarten müssen seit jeher um Akzeptanz und Anerkennung kämpfen, während ihre männlichen Pendants Ruhm und Reichtum ernten. Mit einer solchen Geschichte wollte Sydney Sweeney sich im letzten Jahr für die Filmpreissaison interessant machen, was in den US-Kinos überhaupt nicht funktionierte. „Christy“ - in Deutschland „That’s Why The Lady Is A Champ“ - war an den Kinokassen ein totaler Flop.
Neben der außerhalb von Boxerkreisen weniger bekannten Hauptfigur trug dazu aber auch ihr öffentliches Auftreten („Jeans/Genes“-Werbung) im Vorfeld der Veröffentlichung bei. Denn sowohl die Geschichte als auch Sweenyes schauspielerische Leistung hätten ein ungleich größeres Publikum verdient. Für die Darstellung der Box-Pionierin Christy Martin hat die Schauspielerin 14 Kilo zugelegt und intensives Box- und Krafttraining absolviert. Als positiven Nebeneffekt hat sie dabei sicher gern in Kauf genommen, einmal nicht auf ihre Äußerlichkeiten reduziert zu werden.
Von einer Abhängigkeit in die nächste
Mit vollem Körpereinsatz kämpft sich Sweeney durch über 20 Jahre des Lebens der als Christy Salters in West Virginia aufwachsenden Boxerin, die sich zuerst ohne Training bei Spaßkämpfen etwas Geld dazuverdienen möchte und über Umwege in den professionellen Boxzirkus gerät. Das Naturtalent wird von einem Boxpromoter aus Tennessee entdeckt und zieht deshalb - auch auf Drängen ihrer manipulativen Mutter (Marritt Wever spielt die verabscheuungswürdige Frau großartig) - ins zweieinhalb Stunden entfernte Bristol.

So trifft sie ihren ersten Trainer und späteren Mann James „Jim“ Martin (Ben Foster), von dem sie bald völlig abhängig ist, entkommt aber den familiären Zwängen - speziell ihrer Mutter. Ihre bisher nur notdürftig versteckte Homosexualität darf sie aber trotzdem nicht ausleben. Dies ist der Ausgangspunkt der zwei Handlungsstränge des Films. Während im Ring alles glatt zu laufen scheint, wird es zuhause immer schwieriger.
Mehr Geld und noch mehr Gewalt
Seit dem ersten Kontakt zu Jim lässt den Zuschauer das ungute Gefühl nicht los, dass eine Verbindung zu ihm keine gute Idee ist. Den Kampf um Legitimation und Anerkennung in der Öffentlichkeit scheint sie zu gewinnen - die Börsen verzehnfachen sich, schicke Autos und ein großes Haus - auch wenn der Kampf gegen Geschlechterrollen, Bevormundung und schmerzhaft patriarchale Umstände einer gegen Windmühlen ist.

Doch mit dem beruflichen Aufstieg werden die Probleme im Privaten größer und steigen ins schier Unermessliche. Auch wenn es hart anzusehen ist, zeigt der Film seine Qualitäten erst wirklich in der zweiten Hälfte der 135 Minuten. Da ist die Mischung zwischen Sportfilm und Beziehungsdrama besser austariert, während zu Beginn einige Passagen von eher seichter Dramatik und pathetische Box-Montagen gezeigt werden.
Der Film ist nichts für schwache Nerven
Seine FSK-16-Bewertung hat „That’s Why The Lady Is A Champ“ speziell wegen des letzten Drittels verdient, in dem die hervorragenden Darbietungen von Sydney Sweeney und Ben Foster (als manipulativer, gewalttätiger Ehemann) die Abgründe spürbar machen und den Zuschauer schaudern lassen. Die Grenze zwischen Trainer und Zuhälter verschwimmt, während der Psychopath zutage tritt. Zu wissen, dass die Taten nicht erfunden sind, macht es noch schlimmer.
Wie im echten Leben wartet das Drehbuch unter der Regie von David Michôd aber mit einer Art Happy End auf, nachdem man rund zwei Stunden lang eine berührend-beklemmende Geschichte von sportlichem Triumph gesehen hat, der mit kompletter individueller Selbstaufgabe bezahlt wurde.
Insgesamt ein absolut sehenswerter Film, der aber teilweise wirklich nichts für schwache Nerven ist. Wer genau aufpasst, entdeckt auch einmal die echte Christy Martin in einem Cameo!