Star Wars am Scheideweg: Einmal Mythos und zurück

Wenn am Donnerstag Episode 8: Die letzten Jedi anläuft, flimmert die eintausendste Minute Star Wars über die Leinwände. Zeit für einen kritischen R
| Christoph Elzer
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"Ich bin Dein Vater!" - Eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte.
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Jar Jar Binks - Das computergenerierte Problem der zweiten Trilogie.
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J. J. Abrams ließ die Macht wieder erwachen, scheute aber vor Experimenten zurück.
3 J. J. Abrams ließ die Macht wieder erwachen, scheute aber vor Experimenten zurück.

Wenn am Donnerstag "Episode 8: Die letzten Jedi" anläuft, flimmert die eintausendste Minute Star Wars über die Leinwände. Zeit für einen kritischen Rückblick auf das größte Phänomen der Kino-Geschichte.  

Begriffe wie "episch", "revolutionär" oder "kultig" werden in Bezug auf Filme oft viel zu inflationär verwendet. Bei George Lucas' "Krieg der Sterne" sind sie jedoch allesamt angebracht: Es ist die erfolgreichste Film-Serie aller Zeiten, sie läutete ein völlig neues Zeitalter der Spezialeffekte ein und hat eine gigantische Fan-Basis generiert, die auch 40 Jahre nach der Kinopremiere mit beinahe religiöser Hingabe den Jedi huldigt. 

Aber was macht eigentlich die Faszination von "Star Wars" aus? Und wieso werden die ersten drei Filme nahezu uneingeschränkt verehrt, die nächsten drei hingegen höchst kontrovers diskutiert? Beide Fragen sind mit einem einzigen Begriff zu beantworten: Mythologie. "Star Wars" mag zwar immer wieder mit bombastischen, noch nie dagewesenen Effekten begeistert haben, doch die allein tragen keinen einzelnen Film und erst recht nicht drei Trilogien (eine Ennealogie). Vielmehr können die Effekte immer nur begleiten, unterstützen, akzentuieren - es ist die Story, die über Meisterwerk oder Blenderei entscheidet. 

George Lucas hat mit Star Wars eine klassische Heldensage geschaffen, die geschickt zeitlose Motive mit futuristischen Elementen verknüpft. Schwertkämpfe und Säbelfechten sind traditionelle Filmszenen, so alt wie das Zelluloid selbst. Mit den Lichtschwertern transferierte Lucas sie in eine "Galaxie weit, weit entfernt". Der Kampf einer Minderheit gegen ein unterdrückendes Regime, die Suche eines Waisen nach seinen Wurzeln, Verfolgungsjagden - all das ist altbekannt, wirkte und wirkt aber bis heute dank des Science-Fiction-Anstrichs unverbraucht und anders. 

Doch wie schon Obi-Wan Kenobi in Episode 4 sagt: Es ist die Macht, die alles umgibt, es durchdringt, die Galaxis zusammenhält. Die mystische Komponente, die einerseits zu einem unvorstellbaren Werkzeug für das Gute werden kann und andererseits ultimativ korrumpieren kann, hebt die bekannten stilistischen Elemente auf eine neue Ebene. Zusätzlich ermöglicht eine solche undefinierte allmächtige Kraft einem Autor gewaltige erzählerische Freiheiten. 

George Lucas nutze diese geschickt aus und schuf so ein Universum, das das Publikum sofort in seinen Bann zog. Niemand hatte 1977 mit dem gewaltigen Erfolg von Star Wars gerechnet, doch plötzlich entstanden hunderte Meter lange Schlangen vor den Kinokassen und prägten so den Begriff "Blockbuster". Der berühmte Filmkritiker Roger Ebert bezeichnete sein erstes Mal "Star Wars" 1977 als "out-of-body experience", als ein Gefühl, als habe sein Geist seinen Körper verlassen und sei ganz in das "Krieg der Sterne"-Universum eingetaucht. 

"Ich bin Dein Vater!" - Eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte.
"Ich bin Dein Vater!" - Eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte.

"Ich bin Dein Vater!" - Eines der berühmtesten Zitate der Filmgeschichte. Foto: Lucasfilm

Hunderte Millionen andere Zuschauer teilten diese Erfahrung in den kommenden Jahren erst in den Kinosälen und später vor dem Fernseher: Das ungläubige Staunen, wenn zu Beginn von Episode 4 erst ein scheinbar großes Raumschiff über die Leinwand fliegt, nur um dann von einem geradezu gigantischen regelrecht "verschluckt" zu werden. Das Amüsement über Prinzessin Leias unmögliche Frisuren, die Begeisterung, wenn der kleine grüne Gnom Yoda ein riesiges Raumschiff mit Hilfe der Macht schweben lässt und der markerschütternde Schock, wenn Luke Skywalker erfährt, dass Darth Vader sein Vater ist. 

Als 1983 mit "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" der vermeintlich letzte "Star Wars"-Film im Kino lief, waren die Fans mittlerweile so süchtig nach Geschichten aus Lucas' Universum, dass sie das Ende nicht akzeptierten. Sie spielten mit Action-Figuren oder Video-Games und verschlangen Comics und Romane. "Star Wars" und seine Mythologie hatten die Fans so sehr in ihren Bann gezogen, dass sie das Fandom über Jahre am Leben hielten. 

George Lucas reagierte und kündigte nicht nur die langersehnte zweite Trilogie mit Episode 1 bis 3 an, sondern brachte auch die ursprüngliche Trilogie ab 1997 als sogenannte Special Edition noch einmal in die Kinos. Laut Lucas sollte die Special Edition die Version von Star Wars werden, die er zwanzig Jahre zuvor drehen wollte, aber aufgrund technischer Limitierungen nicht realisieren konnte. Die Filme auf den neuesten Stand der Technik zu bringen war ein Lucas'sches Anliegen, das auch die Fans zunächst euphorisch begrüßten. Doch die Freude wurde schnell getrübt, denn die Überarbeitungen waren keineswegs nur kosmetischer Natur. 

Vielmehr wurden auch einst herausgeschnittene Szenen wieder eingefügt, kurze Sequenzen nachgedreht und bestehende Sequenzen nachträglich verändert. Hierbei gewährte Lucas, wie sich aus der Retrospektive feststellen lässt, einen Ausblick auf das, was man später an der zweiten Trilogie kritisieren würde. Völlig ohne Not wurden beispielsweise digitale Kreaturen in Szenen eingefügt, in denen sie nie gefehlt hatten und die durch deren Anwesenheit nun überfrachtet wirkten. Eine zusätzliche, komplett digitale Band wurde erschaffen, nur um deren "Song" später als CD verkaufen zu können. Und am Schlimmsten: Durch das Verändern der legendären Cantina-Schießerei zwischen Han Solo und dem Kopfgeldjäger Greedo veränderte Lucas den Charakter einer seiner beliebtesten Figuren nachträglich auf geradezu unverzeihliche Weise. Bis heute kaufen Fans massenhaft "Han shot first!"-T-Shirts – Solo-Darsteller Harrison Ford inklusive. 

Jar Jar Binks - Das computergenerierte Problem der zweiten Trilogie.
Jar Jar Binks - Das computergenerierte Problem der zweiten Trilogie.

Jar Jar Binks - Das computergenerierte Problem der zweiten Trilogie. Foto: Lucasfilm

Dennoch ließen sich die Fans nicht entmutigen, sie fieberten weiterhin der zweiten Trilogie entgegen, die erzählen sollte, wie aus dem edlen Jedi-Ritter Anakin Skywalker der böse Darth Vader wurde. Doch George Lucas und ILM waren zu Opfern ihres eigenen Erfolges geworden: Insbesondere bei den Effekten und der Originalität war die Erwartungshaltung mittlerweile so groß geworden, dass man bei dem Versuch, diese zu befriedigen, schließlich weit über das Ziel hinausschoss. Einen vollständig digitalen Hauptcharakter zu erschaffen war ambitioniert – zu ambitioniert. Jar-Jar Binks verkörpert all das, was Fans und Kritiker an der neuen "Star Wars"-Trilogie verachten: zu künstlich, zu kindlich, zu sehr auf den Verkauf von Merchandise-Artikeln ausgerichtet. Binks trägt nichts zur Handlung bei, ist ein eindimensionaler Spaßvogel mit lächerlichem Akzent und wirkt – trotz aller technischer Brillanz – nicht eine Sekunde lang realistisch. 

Man mag es beinahe schon als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass dieses Unterfangen gerade einmal drei Jahre später ganz hervorragend gelang – allerdings nicht den alteingesessenen Profis von Industrial Light and Magic, sondern Weta Digital. Einer jungen Special-Effects-Schmiede, die Regisseur Peter Jackson erst kurz zuvor gegründet hatte, um eine andere epische Trilogie auf die Kinoleinwände zu bringen: J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" mit dem grandios digital zum Leben erweckten Antagonisten Gollum. 

Jar-Jar blieb allerdings nicht Lucas' einziger kapitaler Fehler. Beinahe noch katastrophaler war der Versuch, die Macht zu erklären, sie messbar und quantifizierbar zu machen. Dadurch, dass Lucas seine übernatürliche Kraft als Produkt mikroskopisch kleiner Parasiten erklärte, entzauberte er sie – und damit sein ganzes Universum. Es folgte noch eine unglaublich schlecht geschriebene Schnulze in Episode 2 und plötzlich lag das Fandom am Boden. Entmystifiziert, verraten und verkauft – das Urteil der Fans war gnadenlos. Episode 3 war zwar wieder etwas besser, da düsterer, konnte den Ruf der neuen Trilogie aber nicht mehr retten. Es war offensichtlich: Der einst so geniale George Lucas hatte seinen Zenit überschritten. 

Während der größte Teil der Fans nach dem Abspann von "Episode 6: Die Rückkehr der Jedi-Ritter" fieberhaft auf neue "Star Wars"-Filme gewartet hatte, war die Situation nun gänzlich umgekehrt: Man fürchtete beinahe, dass Lucas noch weitere Filme drehen und damit das liebgewonnene Universum noch weiter verändern - und in den Augen der Fans zerstören - könnte. Als Disney dann 2012 völlig überraschend den Kauf von Lucasfilm verkündete, ging damit dementsprechend auch die Hoffnung einher, dass frischer Wind die Euphorie neu entfachen könnte. 

J. J. Abrams ließ die Macht wieder erwachen, scheute aber vor Experimenten zurück.
J. J. Abrams ließ die Macht wieder erwachen, scheute aber vor Experimenten zurück.

J. J. Abrams ließ die Macht wieder erwachen, scheute aber vor Experimenten zurück. Foto: imago/Future Image

Dafür wählte Disney einen geschickten Schachzug: Man verpflichtete J. J. Abrams, um den neuen "Star Wars"-Film zu schreiben und als Regisseur zu inszenieren. Abrams qualifizierte sich nicht nur als glühender Fan der ersten Stunde, sondern hatte erst wenige Jahre zuvor dem bis dahin brachliegenden "Star Trek"-Universum mit seinem Reboot neues Leben eingehaucht. Dabei scheute Abrams auch nicht vor höchst kontroversen Entscheidungen zurück und landete damit am Ende einen gigantischen Erfolg. Was in dem einen großen Science-Fiction-Universum gut funktioniert hat, wird auch im anderen klappen, dachte man sich bei Disney. 

Tatsächlich gelang es Abrams, mit der 2015 erschienenen "Episode 7: Das Erwachen der Macht", einen Film abzuliefern, der den Fans gefiel und an den Kinokassen für Rekordergebnisse sorgte. Allerdings agierte Abrams dieses Mal alles andere als mutig – stattdessen lieferte er im Prinzip eine Kopie des ursprünglichen Star-Wars-Films "Episode 4: Eine neue Hoffnung" ab: Junge Waise lebt auf einem Wüstenplaneten, wird unfreiwillig in einen intergalaktischen Krieg hineingezogen, entdeckt unterwegs ihre Fähigkeit, die Macht zu nutzen und am Ende zerstören die Rebellen den Todesstern. All das ist jedem Fan seit Jahrzehnten bekannt gewesen. Dass der Film trotzdem gefeiert wurde, zeigt einmal mehr, wie unbeliebt Episode 1 bis 3 waren: Lieber nur eine Neuauflage des alten Erfolgsrezepts statt eines völlig neuen Films, der dann womöglich an der etablierten Mythologie kratzt. 

Doch diesen "Nestschutz" hat Disney jetzt ausgereizt. Der Mickey-Maus-Konzern hat bewiesen, dass er sein Investment "Star Wars" und die dazugehörigen Fans ernst nimmt und muss nun nachlegen. Ein erster Indikator dafür, dass diese Botschaft auch angekommen ist, ist der 2016 erschienene erste "Star Wars"-Film, der nicht zu einer Trilogie gehört: "Rogue One: A Star Wars Story" erzählt die unmittelbare Vorgeschichte von Episode 4 mit völlig neuen Hauptcharakteren und Kriegsfilm- statt Knallbunt-Optik. 

In "Rogue One" ist "Star Wars" zum zweiten Mal erwachsen geworden. Es ist eine Rückbesinnung auf die Elemente, die "Episode 7: Das Imperium schlägt zurück" zum unbestritten bislang besten Teil der Saga machten. Diesen neuen, alten Weg gilt es nun mit Episode 8 fortzusetzen. Denn auch wenn "Star Wars"-Filme wohl nie kommerzielle Flops werden, entscheidet sich wohl mit dem aktuellen Teil, ob der "Krieg der Sterne" 40 Jahre nach seiner Premiere noch eine große cineastische Zukunft hat, oder künftig eher in den Regionen einer belanglosen Dauer-Serie wie "Fast & Furious" anzusiedeln ist.

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