Spätwestern "Neues aus der Welt": Vertrauen in Kaputtes

Streaming: Tom Hanks und die junge Deutsche Helena Zengel bilden in dem nachdenklichen Spätwestern "Neues aus der Welt" ein großartiges Gespann.
| Florian Koch
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Helena Zengel als Johanna Leonberger und Tom Hanks als Captain Jefferson Kyle Kidd in "Neues aus der Welt" von Paul Greengrass.
Helena Zengel als Johanna Leonberger und Tom Hanks als Captain Jefferson Kyle Kidd in "Neues aus der Welt" von Paul Greengrass. © Bruce W. Talamon/Netflix/Univers

Der Blick flackernd, vor Angst, vor Wut, die blonden Haare zerzaust, das Fransenkleid verdreckt. Dieses Mädchen hat keine Zeit, um sich um sein Äußeres zu kümmern. Zu viel steht auf dem Spiel, zu gefährlich ist das ungezügelte Leben, zu groß ist die Sehnsucht, endlich einen Halt zu finden, jemandem vertrauen zu können.

Helena Zengel: Erinnerungen an "Systemsprenger"

Diese Johanna aus dem Film "Neues aus der Welt" hat viel von Benni, der wilden Systemsprengerin, mit der Helena Zengel vor zwei Jahren schlagartig berühmt wurde. Da spielte sie ein Mädchen, das alle pädagogischen Versuche ungestüm bis selbstzerstörerisch weg beißt und schreit. Es war der Moment bei der Weltpremiere von "Systemsprenger" auf der Berlinale, wo sie von Hollywood entdeckt wurde.

Golden Globe: Helena Zengel als beste Nebendarstellerin nominiert

Und dennoch ist der Auftritt der jetzt Zwölfjährigen in ihrem ersten Hollywoodfilm kein Aufguss, keine simple Wiederholung. Im Gegenteil kann die Berlinerin, die nie Schauspielunterricht hatte, hier noch mehr von ihrer fast unheimlichen Wandelbarkeit zeigen, gehört das Schreien, der völlige Ausbruch nur zu einer Facette ihres komplexen Charakters. Ihr Können hat ihr eine Nominierung für den Golden Globe als beste Nebendarstellerin gebracht, und sie hat auch gute Oscar-Chancen. Was das Leben von Helena Zengel, die zur Zeit lieber in die Schule gehen würde, wie sie behauptet, endgültig komplett verändern würde.

"Neues aus der Welt": Fünf Jahre nach dem erbitterten Sezessionskrieg 

Aufgelesen wird diese Johanna im Film, der eigentlich fürs Kino gedreht wurde, im denkbar dramatischten Moment. Ein schwarzer Soldat soll die Tochter von deutschen Einwanderern zu ihren weit entfernt in der Nähe von San Antonio lebenden Verwandten überführen, nachdem sie zuvor sechs Jahre bei Amerikas Ureinwohnern, dem Stamm der Kiowas, gelebt hatte. Doch das Leben in Texas fünf Jahre nach dem erbitterten Sezessionskrieg ist rau und Schwarze wie Mexikaner in weiten Teilen des Landes wenig willkommen. Und so findet ein fremder Mann diese Johanna in absoluter Panik vor, der Planwagen völlig zerstört, ihr schwarzer Fahrer gelyncht und aufgehängt.

Wie gut, dass dieser Fremde, der auf den Namen Kidd hört, einer ist, dem der Zuschauer und dann auch Johanna instinktiv vertrauen kann. Denn gespielt wird dieser Captain von Tom Hanks, der wie einst James Stewart für das aufrechte, wertorientierte, gute Amerika steht.

Erneute Zusammenarbeit von Greengrass und Hanks

Nach sieben Jahren ist "Neues aus der Welt", den der Streamingdienst Netflix teuer vom Universal Studio abgekauft hat, die zweite Kooperation von Hanks mit Regisseur Paul Greengrass. Und wie bereits in "Captain Phillips", in dem Hanks als Schiffskapitän von somalischen Piraten entführt wurde, steht für ihn nicht nur sein, sondern das Leben anderer auf dem Spiel. Denn schon in der nächsten Westernstadt muss Kidd feststellen, dass niemand auf das "wilde Mädchen" aufpassen und es schon gar nicht zu ihren Verwandten überführen will.

Das ungleiche Gespann nähert sich immer mehr an

Und so bleibt es eben an Kidd, diesem kriegsmüden Einzelgänger, der mit Vorlesen von Nachrichten für die vielen Analphabeten im Westen seine Brötchen verdient, Johanna durchs weite Land zu eskortieren.

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Die Aufgabe wird noch erschwert, da die beiden nicht die gleiche Sprache sprechen, denn die Zehnjährige kann nur Kiowa und Kidd lediglich ein paar Brocken Deutsch. Und so ist es packend zu beobachten, wie sich das ungleiche Gespann dennoch immer mehr annähert, vom anderen lernt und sich auch nachts am Lagerfeuer leidvoll in die Augen blickt, im Wissen, bereits zu viel Hässliches, und zu viel Gewalt gesehen zu haben.

Greengrass ist nicht erst seit seinen "Bourne"-Actionfilmen für einen rasanten Inszenierungsstil bekannt. Auf die schnellen Schnitte, die hektische Handkamera verzichtet er aber in seinem an den Coen-Brothers-Film "True Grit" erinnernden Spätwestern. Dafür lässt er nun den majestätischen Landschaftspanoramen, in denen die nahezu ausgestorbenen Bisons per Computer eingefügt werden mussten und seinen geschundenen Charakteren Raum.

Ein versteckter Aufruf zum Ungehorsam

Und so konventionell dieses kontemplative Road Movie auf den ersten Blick auch daherkommt, so aktuell wirkt es in seiner Schilderung eines zerrissenen und gewaltbereiten Amerikas. Beispielhaft ist dafür die Konfrontation mit dem verkommenen Gangsterboss Farley (Thomas Francis Murphy), der Amerika nach seinem Willen neu errichten will. Um seiner Autorität Nachdruck zu verleihen, soll Kidd vor all seinen Anhängern aus einer - von ihm selbst produzierten - Zeitung vorlesen.

Doch der charakterlich völlig integre Kidd weigert sich, Farleys Fake News unters Volk zu bringen. Er erzählt lieber vom Freiheitsdrang und Überlebenswillen unterdrückter Arbeiter in einem Kohlewerk. Ein versteckter Aufruf zum Ungehorsam, den sich Farley nicht bieten lassen kann und will.

Dass Captain Kidd für seinen Appell dann doch nicht mit seinem Leben bezahlen muss, hat er Johanna zu verdanken. Denn auch ohne die Worte zu verstehen, begreift das Mädchen instinktiv, dass die richtigen Worte auch eine Waffe sein können und man für diese Idee auch kämpfen muss. Was wiederum für 1870, so die Aussage des Films, genauso gilt wie für die Gegenwart.


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