"SMS für dich": Zurück ins Liebesleben

Trauerarbeit im digitalen Zeitalter: Karoline Herfurths Regie-Debüt „SMS für dich“ erobert mit besten Frauenpower das deutsche Kino.
| Martin Schwickert
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Sie hat ein Bier und eine beste Freundin: Clara (Karoline Herfurth, re.) mit Katja (Nora Tschirner).
Warner Bros. Pictures Germany Sie hat ein Bier und eine beste Freundin: Clara (Karoline Herfurth, re.) mit Katja (Nora Tschirner).

Beste Frauenpower erobert in diesem Jahr das deutsche Kino. Mit Maren Ades Cannes-Erfolg und Oscar-Anwärter „Toni Erdmann“, Maria Schraders fulminantem Stefan-Zweig-Film „Vor der Morgenröte“ und Anne Zorah Berracheds Berlinale-Beitrag „24 Wochen“, der nächste Woche anläuft, waren es in diesem Jahr die Regisseurinnen, die im deutschen Arthaus-Kino den Ton angaben und auch international auf sich aufmerksam machten.

Nun versucht die Schauspielerin Karoline Herfurth mit ihrem Regiedebüt „SMS für dich“ in einem ganz anderen Kinosegment Fuß zu fassen. Til Schweiger hat es mit „Keinohrhasen“ und „Kokowääh“ vorgemacht und den erarbeiteten Markenproduktstatus genutzt, um mit eigenen Mainstream-Produktionen das deutsche Millionenpublikum ins Kino zu locken. Matthias Schweighöfer übernahm mit einer Hand voll Komödien von „What a Man“ bis zu „Der Nanni“ das Erfolgskonzept ohne wesentliche Abänderungen.

Drehbuch basiert auf Roman von Sofie Cramer

„Was die Jungs können, kann ich schon lange“, mag sich Herfurth gedacht haben, als sie von den Warner-Studios, die auch die Filme der beiden „Schweigis“ produziert haben, die Regie zu „SMS für dich“ angeboten bekam. Das Drehbuch basiert auf dem Bestseller-Roman von Sofie Cramer, die hier den tragischen Verlust ihres Lebensgefährten aufarbeitete und ihre Heldin zurück ins (Liebes-)Leben führte.

Herfurth spielt selbst die Hauptrolle der Clara, die die Liebe ihres Lebens durch einen Autounfall verliert und auch nach zwei Jahren Pause auf dem Land darüber nicht hinweggekommen ist. Wenn es ganz dicke kommt, schickt sie eine sehnsuchtsvolle SMS an die alte Nummer des Freundes – so sieht Trauerarbeit im digitalen Zeitalter aus.

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Mittlerweile ist der Anschluss jedoch neu vergeben, und so landen die herzzerreißenden, lebenssinnsuchenden Kurznachrichten auf dem Display des Sportjournalisten Mark (Friedrich Mücke). Es dauert nicht lange, da haben die romantischen Verse die eher pragmatisch geprägte Beziehung zu Freundin Fiona (Friederike Kempter) unterminiert, und Mark setzt alles daran, die unbekannte SMS-Stalkerin ausfindig zu machen.

Mit bewährter Hüh-und-Hott-Dramaturgie ruckelt die romantische Handlung der finalen Glücksfindung entgegen und verdrängt den Herzschmerz mit küchenpsychologischen Ratgeberweisheiten. Für die Auflockerung im amourösen Zweikampf sorgen Nora Tschirner als Claras beste Freundin, die immer einen kecken Spruch aus dem Ärmel schüttelt, und Frederick Lau in der Beste-Kumpel-Rolle, der für den Testosteron-Input im gefühligen Gewese zuständig ist. Das alles bleibt emotional und narrativ weitgehend überraschungsfrei, visuell und musikalisch vollkommen konventionell, funktioniert aber aufgrund der schauspielerischen Chemie im Figurenquartett überraschend gut. Mit den romantischen Routineproduktionen, die aus Hollywood regelmäßig in die Multiplexe eingespeist werden, kann es „SMS für dich“ auf jeden Fall aufnehmen.

Katja Riemann gibt die Rampensau

Eine besondere Erwähnung verdient Katja Riemann, die eine Schlagersängerin spielt, die gar nicht so entfernt an Helene Fischer erinnert und die Grenzen zwischen Plattitüden und Lebensweisheit gekonnt verschwimmen lässt. Riemann ist als surreale Popkulturgestalt einfach urkomisch. Gäbe es einen Filmpreis für die beste Rampensau – sie hätte ihn sich verdient.

R: Karoline Herfurth (D 2016) Kino: Cadillac, Cinemaxx, Gloria, Solln, Leopold, Mathäser, Rio

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